Gütersloh. Der ältere Mensch mag in vielen Bereichen, in der Werbung allemal, noch ignoriert werden. Doch auf einem ganz bestimmten Markt ist er heiß umworben: Wie Pilze schießen auch in Gütersloh Immobilien aus dem Boden: Betreutes Wohnen, barrierefreie Senioren-Appartements, heimverbundene Wohnungen, Pflegeheime - auf diesem lukrativen Feld tobt der Wettbewerb. Das Angebot ist so groß, dass so mancher den Überblick verliert. Steuern lässt es sich kaum.
Else Sieg hat Besuch. Mit ihrer Nichte sitzt sie am Kaffeetisch, verzehrt mit Genuss einen Berliner. 76 Quadratmeter ist ihr Appartement groß, hell, mit einer Terrasse und einem traumhaften Blick. Ihre Entscheidung, hierhin in das Quartier "Unter den Linden" in der Prekerstraße zu ziehen, hat sie nie bereut. "Ich bin jetzt hier Zuhause." Vor eineinhalb Jahren, mit 87 Jahren, fasste sie den Entschluss, ihre alte Wohnung am Kamphof aufzugeben. Das Treppensteigen wurde ihr zuviel, der Garten auch und kochen wollte sie nur noch, wenn ihr danach war. Jetzt nimmt sie - je nach Bedarf - die Dienstleistungen in Anspruch, die sie braucht: Von der morgendlichen Hilfe bei der Körperpflege über Begleitung beim Arztbesuch bis zum Servieren der Mahlzeiten. Beim "Betreuten Wohnen" können sich die älteren Menschen soviel und solange ihre Eigenständigkeit bewahren, wie es ihre Gesundheit und ihr Willen zulässt.
Der 2007 erbaute Komplex auf dem Husemann-Gelände an der Prekerstraße ist ein Beispiel für einen regelrechten Bauboom. Nachverdichtung heißt der städtebauliche Fachterminus. Lücke für Lücke in und um die Innenstadt wird geschlossen. Denn ältere Menschen wollen kurze Wege, egal ob zum Arzt, zur Stadtbibliothek, zum Café oder zum Optiker.
"Ob es einen anhaltenden Trend zurück in die Innenstadt gibt, ist damit aber noch nicht klar", sagt Michael Zirbel, Leiter des städtischen Fachbereichs Planung. Unklar ist vieles: Was für Wohnraum braucht Gütersloh aufgrund des demografischen Wandels in den kommenden Jahrzehnten: Mehr Eigenheime? Mehr Appartements? Billigere Wohnungen, gar sozial gefördert? Sollte schon ein Dreifamilienhaus vorausschauend mit Aufzug gebaut werden? Antworten erhofft sich Zirbel von einer Expertise, deren Ergebnisse im laufenden Jahr vorgestellt werden sollen. Denn die Stadt will Einfluss nehmen, Angebot und Nachfrage ein wenig steuern.
"Der Markt richtet sich nach der höchstmöglichen Rendite. Die wird nicht unbedingt mit dem Bau preisgünstiger, kleiner und stadtnah gelegener Wohnungen für Ältere mit schmaler Rente erzielt", sagt Zirbel, der gleichzeitig Demografiebeauftragter der Stadt ist. Komme man zu dem Schluss, und der liege nahe, dass genau diese in Gütersloh künftig fehlen, könne man mit dem Instrument der Bauleitplanung, etwa Änderungen bestehender Bebauungspläne, aber auch durch Bereitstellung preiswerter Grundstücke, den Markt beeinflussen.
Eins ist bei aller Ungewissheit klar: Die meisten Senioren wollen, solange noch rüstig, selbstständig in einer eigenen Wohnung leben und individuell auf ihre Bedürfnisse zugeschnittene Dienstleistungen in Anspruch nehmen. Weitere Pflegeheime brauche Gütersloh nicht, sagt der Gütersloher Seniorenbeirat. Damit sei, ob berechtigt oder nicht, bei den meisten die Vorstellung von Anonymität verbunden.
Olaf Köhler, Geschäftsführer der Gesellschaft für Betreutes Wohnen 2000, hat die Zeichen der Zeit rechtzeitig erkannt. Sein Unternehmen bietet allein in Gütersloh 35 Appartements an, 16 auf dem Husemann-Gelände. Er spricht von einem knallharten Wettbewerb. Im Pflegebereich, so seine Prognose, werde ein Kampf um den Pflegebedürftigen ausbrechen.
Große, deutschlandweit agierende Unternehmen würden die "Kleinen" vom Markt verdrängen. Er bedauert, dass der Begriff "Betreutes Wohnen" nicht geschützt sei. Überall würde damit geworben, obwohl es sich zuweilen "bestenfalls um barrierefreie Architektur" handele. Laut Köhler gibt es hier noch zu wenig gute Betreuungsangebote in Gütersloh. Hanni Thoms (89) hat nach sorgfältiger Prüfung in der Prekerstraße das gefunden,was sie gesucht hat: eine kleine, überschaubare Gemeinschaft von 16 Bewohnern und professionelle Betreuung, wenn sie sie braucht. Ihre Versicherung, dass man sich liebevoll um sie kümmere, erscheint glaubhaft und gewiss nicht angeordnet. Sie fühlt sich fit heute, wird sich vielleicht eine Portion Bratkartoffeln selbst brutzeln. Auch wenn sie sie so scharf anbrät, dass der Rauchmelder wieder auslöst. Schwester Marion kennt das Problem und wird Abhilfe schaffen. "Der Rauchmelder wird einfach verlegt", sagt sie lachend.