Bielefeld/Gütersloh. Regionen und Unternehmen müssen im Wettbewerb um die besten Köpfe zunehmend mit einer familienfreundlichen Personalpolitik punkten. So lautet die Kernthese der an der Universität Bielefeld erarbeiteten Kerndaten der Studie. Denn im Wettbewerb um Investoren, Unternehmen um Fach- und Führungskräfte ist nicht nur eine gute Infrastruktur gefragt, sondern zunehmend auch eine bessere Lebensqualität.
Für die meisten Kommunen in Ostwestfalen ist Familienfreundlichkeit neben Bildungs- und Arbeitsplatzangeboten das wichtigste Merkmal einer attraktiven Region, heißt es in der Studie. Das geht zumindest aus der Befragung von 54 Städten und Gemeinden hervor. 43 zeigten Interesse und beteiligten sich. Betrachtet wurden die Aspekte Betreuung vor und im Schulalter, weitere Betreuungsformen, Service für Familien, Angebote für Kinder und Jugendliche sowie Gesundheit und Sicherheit.
"Ostwestfalen steht in einigen Bereichen - gerade im Vergleich zu Bund und Land - sehr gut da. Gleichwohl sollte man sich damit nicht zufriedengeben, es gibt hier noch großes Potenzial", sagt Martin Spilker, Programmleiter der Bertelsmann-Stiftung.
Bindung von Fachkräften sichern
Das große wirtschaftliche Potenzial Ostwestfalens müsse nach Abflauen der Wirtschaftskrise durch Bindung und Zuzug von Fachkräften gesichert werden. "Unsere Bestandsaufnahme zeigt, dass die Kommunen erkannt haben, wie wichtig Familienfreundlichkeit als Standortfaktor im Wettbewerb beim Gewinnen und Halten von Unternehmen ist. Jetzt müssen Gespräche in den Städten und Gemeinden beginnen, um ein gemeinsames Konzept zu entwickeln", sagt Thomas Niehoff, Hauptgeschäftsführer der IHK Ostwestfalen zu Bielefeld.
Die bisher bewiesene Dynamik der Region wird bedroht von den stetig wachsenden Auswirkungen des demographischen Wandels. Eine Steigerung der vergleichsweise geringen Frauenerwerbstätigkeit in Ostwestfalen mag in Zukunft manche Lücke schließen, doch weit größere Gefahren drohen: "Von den sozialversicherungspflichtig Beschäftigten am Arbeitsort Ostwestfalen haben deutlich weniger einen (Fach-)Hochschulabschluss", so die Studie.
Auswärtige Familien gewinnen
Mehr Frauen aus der Region in sozialversicherungspflichtige Beschäftigung zu bringen und auswärtige Familien für den Zuzug in die Region zu gewinnen, bedarf es familienfreundlichere Strukturen. Diese seien, diesen Eindruck vermittelt die Studie, hinreichend gut entwickelt. Das Kindertagesstättenangebot für unter Dreijährige müsse zwar ausgebaut und das Ganztagsschulangebot ausgeweitet werden. Erhebliche Defizite aber gebe es bei der Zusammenarbeit von Kommunen und Unternehmen. "Die Realität ist ernüchternd", heißt es dazu. Nur für 11 der 43 teilnehmenden Kommunen sei die Kooperation mit Unternehmen bei der Kinderbetreuung ein Thema.
"Verwunderlich" nennen die Macher der Studie die geringe Gewichtung des Merkmals demographische Struktur im vergleich zu Merkmalen wie Wohnungsqualität oder kulturelle Angebote. "Nach Einschätzung der Kommunen scheinen demographische Problemstellungen, wie sie heutzutage schon existieren, für die Attrahierung junger Menschen die geringste Bedeutung zu haben", heißt es dazu.
Gefunden wurden gut und schlecht aufgestellte Kommunen. Von einem Ranking aber sei bewusst abgesehen worden, erläutert Spilker: "Wir wollen stärken und fördern, aber nicht Kommunen gegeneinander ausspielen." Für die Bürger, aber besonders für die Unternehmen ist dies bedauerlich. Beide wüssten gerne, wo ihre Gemeinde steht und wohin andere es bereits geschafft haben. Nach der Kommunal- und vor der Landtagswahl dem Souverän wichtige Informationen vorzuenthalten, die die Zukunftsfähigkeit der Region einschätzen, ist fahrlässig.
Und die trauen sich tatsächlich, nochmal den Mund aufzumachen?
Unglaublich!