Hannover/Paderborn. Der Finanzdienstleister AWD hat offenbar Probleme mit dem Datenschutz: Wie der NDR berichtet, wurden ihm 27.000 Datensätze von AWD-Kunden zugespielt. Nicht zum ersten Mal haben sensible Informationen das Unternehmen verlassen: Der Neuen Westfälischen liegen Abrechnungen von knapp 1.500 Mitarbeitern des Finanzdienstleisters vor. Die Listen mit Kontoständen und Umsätzen stammen aus den Jahren 2003/04 und werden über eine AWD-kritische Internetseite verbreitet.
Die Listen des NDR enthalten Kundennummer, Adresse, Telefonnummer, Berufsbezeichnung, Geburtstag und die Vertragsabschlüsse der einzelnen Kunden. AWD teilte in Hannover mit, bei den Kundenangaben handele es sich nicht um sensible Daten im Sinne des Datenschutzes. "Es handelte sich beispielsweise nicht um Gesundheitsdaten oder Bankverbindungen", sagte Sprecher Bela Anda gegenüber dieser Zeitung. Das Unternehmen erstattete Strafanzeige gegen unbekannt und will den Fall rasch aufklären. Nach Angaben des NDR ist aus den Datensätzen ersichtlich, welche Kunden eine Lebensversicherung abgeschlossen und wie viel Geld sie angelegt haben. Auch die Laufzeit der Verträge sei angegeben, demnach sei ein großer Teil der Verträge nach wie vor gültig.
Wie es aus Unternehmenskreisen weiter hieß, soll ein Ex-Mitarbeiter aus dem Raum Paderborn für die Weitergabe der Daten verantwortlich sein. Dazu wollte sich AWD-Sprecher Bela Anda nicht äußern. Er sagt, viele Daten seien veraltet oder nicht mehr existent. "Die jüngsten der uns übermittelten Daten stammen aus dem Jahr 2001, die Mehrzahl aus den 90er Jahren." Auch einige AWD-Büros seien längst geschlossen. Laut NDR stammen die Kundendaten fast alle aus Nordrhein-Westfalen.
Bielefelder Teamleiter fiel aus allen Wolken
Aus dem Umfeld des Finanzdienstleisters hieß es, dass nur hochrangige Mitarbeiter Zugriff auf eine derart große Menge an Datensätzen hätten. Das dürfte auch auf die sensiblen Daten der eigenen Mitarbeiter zutreffen, die auf 26 Seiten aufgelistet sind und im Internet kursieren. Die Tabellen enthalten Mitarbeiternummer, Namen und Vornamen, Datum des Firmeneintritts, Vergütungsstufe, Büronummer, Kontokorrentkonten, Stornoreserven, Darlehen, Vorschüsse und monatliche Einnahmen.
Ein Bielefelder Teammanager des Finanzdienstleisters fiel am Freitag aus allen Wolken, als er mit der Veröffentlichung seiner Umsätze konfrontiert wurde. Er sei "überrascht" und könne "das noch nicht einsortieren", sagte er, nachdem er von dieser Zeitung ein Fax mit seinen persönlichen Daten erhalten hatte, bevor er an die AWD-Zentrale in Hannover verwies. Unternehmenssprecher Stefan Suska bestätigt den Fall, ist allerdings der Meinung, dass die betroffenen Mitarbeiter seinerzeit von dem Datenleck informiert wurden. "Diese Tabellen wurden wahrscheinlich aus Rache von jemandem ins Netz gestellt, der dem AWD schaden will. Gehostet werden sie in den USA. Wir haben vergeblich versucht, dagegen vorzugehen." Suska hält die Datenblätter nicht mehr für relevant: "Seit 2004 ist auf den Konten viel passiert", meint er.
Brisant: Aus den Listen geht hervor, dass sich 66 von 122 Teammanagern beim AWD verschuldet hatten. Die Verbindlichkeiten für eine Einzelperson summierten sich auf bis zu 162.788,07 Euro. Auch 17 der 24 in den Abrechnungen aufgeführten AWD-"Direktoren" (DR) hatten damals Darlehen beim AWD aufgenommen. Der höchste Betrag belief sich auf 1.036.630,83 Euro. Die Zahlen werfen ein Licht auf die von ehemaligen Mitarbeitern häufig kritisierte Praxis des Finanzdienstleisters, der als Strukturvertrieb organisiert ist und seine formal selbstständigen Handelsvertreter auf Provisionsbasis bezahlt.
Zum Fall der entwendeten Kundendaten sagte der Sprecher des niedersächsischen Datenschutzbeauftragten, bislang seien die Daten als sensibel zu betrachten. Erst die Untersuchungen der Staatsanwaltschaft würden zeigen, wie die Daten tatsächlich einzustufen seien und welche Verstöße gegen das Datenschutzgesetz vorlägen.
Nach eigenen Angaben hatte der AWD bereits am Mittwoch den niedersächsischen Datenschutzbeauftragten Joachim Wahlbrink informiert. Sollte sich herausstellen, dass die Daten direkt aus der Firma gekommen und nicht etwa durch ein Callcenter in Umlauf gebracht worden seien, sei dieser Fall von besonderer Bedeutung, sagte Wahlbrink.