Bielefeld/Köln. Er gilt als Prophet der Finanzkrise: In seinem Buch "Der Crash kommt" sagte Max Otte das Platzen der amerikanischen Immobilienblase voraus. Jetzt warnt er erneut - vor einem Informationscrash. Eine seiner Kernthesen ist, dass die kostenlosen Informationsangebote im Internet längerfristig einen negativen Effekt haben werden. Mit Max Otte sprach Martin Krause.
Herr Otte, Sie warnen vor einem Informationscrash. Was soll das sein?MAX OTTE: Die Bürger werden immer weniger in die Lage versetzt, komplexe Themen zu verstehen. Beispiel Schweinegrippe: Wer weiß, ob eine Impfung wichtig ist? Oder die Krise im Finanzwesen - wer steigt da noch durch? Beispiel Bildung: Die Leute wissen nicht, in welche Schule sie ihr Kind schicken sollen. Wir können immer weniger Themen selbst bewerten, das zieht sich durch alle Lebensbereiche. Ich denke, die Verunsicherung hat Methode.
Sie glauben an eine Absicht?OTTE: Natürlich. Für Konzerne ist es besser, schlecht informierte oder verwirrt Kunden zu haben. Denen kann man alles verkaufen. Die Geschäftsmoral hat sich allgemein verschlechtert, und die staatliche Gegenmacht ist gebrochen. Es gibt keine ordnende Macht mehr.
Gebrochen? Wodurch? OTTE: Nach dem letzten Krieg hat sich das neoliberale Wirtschaftsmodell aus dem englischen und amerikanischen Raum durchgesetzt. Jeder macht soviel Beute, wie er kann. In Frankreich und Deutschland wurde zwar traditionell mehr auf staatliche Standards geachtet. Die Begründer der sozialen Marktwirtschaft haben auf faire Spielregeln gesetzt und auf einen starken Staat, der die Einhaltung der Regeln überwacht. Doch der Staat wurde zurückgedrängt, und die Machtübernahme durch die Konzerne ist bereits weiter fortgeschritten, als viele denken. Hohe Eigenkapitalrenditen zeigen ja gerade, dass der Wettbewerb nicht mehr funktioniert und dass anstelle eines funktionierenden Wettbewerbs oftmals Oligopole die Kontrolle übernommen haben. Wohlgemerkt, ich sage das als überzeugter Marktwirtschaftler.
Zurück zum angeblichen Informationscrash: Sind die Möglichkeiten zur Information durch das Internet nicht enorm gestiegen?OTTE: Im Gegenteil. Das Internet ist eine Desinformationsmaschine. Vertragsbedingungen von Telekom-Anbietern sind zum Beispiel oft nur noch im Internet zu finden - aber dort können sie stündlich verändert werden. Oder die Preise: Die ändern sich heute mit jedem Kauf, mit jedem Click. Für die Anbieter ist so eine Preisoptimierung möglich - früher nannte man das Wegelagerei. Und in den Chat-Foren setzen sich nicht die besten, sondern die lautesten Argumente durch.
Habe ich im Internet nicht alle Möglichkeiten zur Information?OTTE: Nein, viele Sachverhalte werden im Netz sehr verkürzt, viele Inhalte sind leicht zu manipulieren. Die meisten Informationsangebote sind kostenlos, aber oft fehlen kompetente Redaktionen. Jeder schreibt irgendwas - so schafft man elektronische Herden, die kopflos in die eine oder andere Richtung rennen. So, wie es im Moment läuft, ist das Internet sehr schädlich. Denn die kostenlosen Angebote schaffen einen hohen Kostendruck auf reguläre Redaktionen. Früher habe ich gerne die News meines E-Mail-Anbieters gelesen, heute gibt es da aber nur noch Boulevardthemen. Im Vordergrund stehen die Nase und die Brüste von Amy Whinehouse. Nach oben kommt, was die meisten Clicks anzieht - das wird minütlich gemessen. Dadurch kommen dramatische Informationsverluste auf uns zu.
Misstrauen Sie Journalisten?OTTE: Nein, ich finde es aber bedenklich, dass die Qualität durch den Trend zu kostenlosen Angeboten abgebaut wird. Die Journalisten sind die Getriebenen und können sich dem Trend kaum entziehen.
Klar, es gibt verschärften Wettbewerb. Aber sollte der Markt nicht den besten Angeboten zum Durchbruch verhelfen?OTTE: Der Stärkste, der Rücksichtsloseste gewinnt. Das haben die Schöpfer der Sozialen Marktwirtschaft übrigens auch schon so gesehen. Der Markt bringt von sich aus keine Qualität hervor.
Es gibt doch immer Menschen, die auf Qualität achten!OTTE: Okay, aber selbst früher selbstverständliche Qualität wird zum Luxus- und Nischenprodukt. Dort, wo Qualität an eine Marke gekoppelt ist, bringt sie Prestige und wird deswegen verlangt. Aber in der Bildung oder im Journalismus hat Qualität es schwer.
Was schlagen Sie zur Abhilfe vor?OTTE: Wir brauchen im Medienbereich mehr Staat und müssen Spielregeln installieren. Das kann bis hin zur Lizensierung gehen, Ausbildungspflicht für Journalisten, Standards für dem Quellencheck. Absolut denkbar wäre auch eine Gebührenfinanzierung von Zeitungen - wie beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Wobei sich das leider kaum noch von privaten Programmen unterscheidet. Öffentlich-rechtliche Sender dürften eigentlich keine Werbegelder einsetzen, weil sie wegen der Werbung nämlich auf Einschaltquoten angewiesen sind. Derzeit geht es immer weiter hin zum Murdoch-Journalismus.