Delbrück. Der Top-Manager Wolfgang Ziebart macht von seiner Person kein Aufhebens. "Ziebart", begrüßt der promovierte Ingenieur freundlich die Journalisten am Eingang des Delbrücker Sportwagenbauers Artega. Der Unternehmer Klaus Dieter Frers, der mit der Insolvenz des ebenfalls von ihm gegründeten Autozulieferers Paragon zu kämpfen hat, taucht erst gar nicht auf.
Frers hat seine Anteile an den mexikanischen Privatinvestor Tresalia Capital verkauft, der in Deutschland durch die AB 15/08 Vermögensverwaltungs GmbH vertreten wird und bereits seit Oktober 2008 Minderheitsgesellschafter bei Artega war. Die Gebäude am Stammsitz hat der Investor von Frers Grundstücksverwaltung gemietet.
Ziebart kam bereits vor einem halben Jahr im Auftrag des Investors nach Delbrück. Er sollte lediglich feststellen, wo das Fahrzeug technisch steht. "Nach meiner ersten Probefahrt hat sich das Herz eingeschaltet", sagt Ziebart mit leisem Lächeln. Er deutet Meinungsverschiedenheiten der beiden Besitzer über die Finanzierung an. "Es fehlten Finanzmittel." Erst vor zwei Tagen wurde der Vertrag unterzeichnet, der auch Verflechtungen mit dem ebenfalls von Frers geführten Autozulieferer Paragon löste. "Es war unklar, welchem Unternehmen die Software und Werkzeuge gehörten."
Wie ein neuer Ferrari
Ziebart lobt die unternehmerische Leistung und das aufregende Fahrzeug. Das Mittelmotorkonzept verhindere nicht nur das Heckschleudern, sondern eigne sich prinzipiell auch für einen Elektroantrieb. Der Verzicht auf unrecyclebare Gussteile, die leichte Aluminium-Tragstruktur und die kohlefaserverstärkte Außenhaut sprächen für Nachhaltigkeit. Auch der V6-Motor von VW laufe bestens. Der Münchner, der seit zwei Wochen im Hotel lebt, konstatiert: "Würde der Ferrari heute entwickelt, würde die Antwort genauso aussehen wie beim Artega: 6 Zylinder, 300 PS, 8,9 Liter Spritverbrauch." Und den weltberühmten dänischen Designer Henrik Fisker, der die Karosserie des Artega GT entwarf ("Die Linien passen"), kennt Ziebart bestens aus BMW-Zeiten. Fisker entwarf unter anderem den BMW Z8 und den Aston Martin Vantage.
Der Top-Manager, der bis auf weiteres die Artega-Geschäfte leitet ("Ich werde im Januar 60"), fühlt sich inzwischen der Region, den Arbeitsplätzen, dem "guten Team" und selbst Lieferanten verpflichtet. Die Delbrücker schätzten ihren Sportwagenbauer. "Hier ist ein Stolz in der Region." Die meisten der 54 Beschäftigten will er übernehmen. Vom Osnabrücker Autobauer Karmann seien bereits Experten an Bord geholt worden.
Der neue Artega-Chef, dem früher in Großkonzernen viele reinredeten, genießt die Freiheit der Pionierarbeit und die kleine Manufaktur, die individuelle Autos ermögliche. "Aber ich habe auch gelernt, Gewinne zu erwirtschaften. Wir sind in der Lage, Kleinserienprodukte effizienter zu machen." Es sei nicht gottgegeben, dass Autohersteller mindestens fünf Millionen Autos fertigen müssten. 300 bis 500 Artegas pro Jahr seien das Ziel.
Im Mai an die Händler
In den nächsten Monaten wird der Artega gründlich getestet, um alle Mängel bereits vor der Auslieferung zu beseitigen. Die Fertigung für Kunden wird vorerst gestoppt. Im März wird der Sportwagen beim Automobilsalon in Genf ausgestellt. Im Mai soll er an die Händler gehen. Nur über den Preis (80.000 Euro) äußert sich Ziebart nicht.
Zur Person: Wolfgang Ziebart
Der promovierte Ingenieur verbrachte sein gesamtes Berufsleben in der Autoindustrie. 23 Jahre lang (1977-2000) arbeitete der inzwischen 59-Jährige in Leitungsfunktionen für BMW (Fahrzeugvorentwicklung, Fertigung, Karosserie, Fahrzeugelektronik); zuletzt verantwortete er im Vorstand die Bereiche Forschung & Entwicklung und Einkauf.
Im Jahr 2000 wechselte er als Vorstandsmitglied zum Autozulieferer Continental, bei dem er von 2001 bis 2004 stellvertretender Vorstandschef war. Beim verlustreichen Halbleiterhersteller Infineon trat der Vorstandschef am 1. Juni 2008 nach einem Streit über die Strategie auf Druck von Anlegern und Aufsichtsrat zurück.
Seit 2008 ist Ziebart Aufsichtsratsmitglied für die Autoliv Inc. (Stockholm), die ASML NV (Veldhoven) und die Nordex AG (Rostock).