Kirchlengern. Rainer Brüderle schlug sich gleich zum Auftakt der "Möbelrunde" im Hettich-Forum in Kirchlengern auf die Seite der Unternehmer: "Mein Vater war Einzelhändler, ich kenne die Perspektive hinter der Theke", sagte der Bundeswirtschaftsminister. Im Tonfall des Verbündeten mahnte Brüderle eine Änderung der Mentalität in Deutschland an – hin zu mehr Eigenverantwortung und weniger Staat.
Deutschland sei wirtschaftlich noch immer eines der erfolgreichsten Länder, auch im Export "sind wir weiterhin stark". Das britische Magazin Economist spreche gar vom "deutschen Wunder", weil die Krise bisher so wenig Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt gehabt habe, staunte Brüderle (FDP). Aber die Deutschen sollten sich künftig mehr zutrauen – etwa bei der Veränderung der Sozialsysteme, oder auch beim Einsatz neuer Techniken wie der produktivitätssteigernden Breitbandkommunikation.
Brüderle schlug einen weiten Bogen, bekannte sich zur sozialen Marktwirtschaft, sprach aber auch von seinem Verständnis für Wünsche nach Steuerentlastung und Bürokratieabbau. Er votiere für eine Abschaffung der Erbschaftssteuer ("das Vermögen ist zuvor x-mal versteuert worden"), die Gewerbesteuer sollte durch einen Anteil der Kommunen an der Mehrwertsteuer ersetzt werden. Politik dürfe Firmen nicht nur nicht behindern, sondern, so versprach Brüderle: "Wir versuchen, Sie zu unterstützen."
Auslandsgeschäfte sind Fluch und Segen
Gastgeber Andreas Hettich, Chef des größten deutschen Möbelzulieferers Hettich (Kirchlengern), nahm den Ball später wieder auf. Es wäre schon hilfreich, wenn der Export deutscher Güter nicht weiter behindert würde, sagte Hettich im Hinblick auf fantasievolle Barrieren beim internationalen Handel mit Waren.
Gruppenfoto mit Minister | FOTO: PATRICK MENZEL
Gerade die Auslandsgeschäfte sind aus Sicht der Möbelindustrie Fluch und Segen zugleich. Im Krisenjahr 2009 seien im Export 20- bis 40-prozentige Einbrüche verzeichnet worden. Märkte wie Russland, Polen, Spanien, England oder Japan seien zusammengebrochen – "ein Desaster", sagte Dirk-Uwe Klaas, Hauptgeschäftsführer des Möbelindustrieverbandes VDM.
Doch trotzdem sei der Export zunehmend wichtig, auch als Ventil, um den absehbar verschärften Wettbewerb im Inland bestehen zu können. Klaas gab als Fernziel eine Exportquote von 50 Prozent aus, derzeit seien es nur 27 Prozent – "das ist deutlich zu niedrig". Im Ausland sei das Geld oft schneller zu verdienen als im Inland, wo der Möbelkonsum kaum noch steige und wo die Margen kaum lohnenswert seien.
In dieser Einschätzung waren sich Politiker, Verbandsvertreter und Unternehmer tendenziell einig. Oliver Streit, Geschäftsführer des größten deutschen Küchenherstellers Nobilia (Verl), befand, dass nach der Exportflaute der Zeitpunkt für eine Intensivierung gekommen sei: "Jetzt werden die Claims neu abgesteckt", mahnte Streit. Daher gelte: "Jetzt erst recht!"
Klaas mahnte, dass die oft mittelständischen Möbler noch an ihrer Präsentation im Ausland feilen müssten. Fremdsprachliche Kompetenz gehöre bei Messeauftritten dazu, so lautet eine Erkenntnis, und Kooperationen könnten beim Export hilfreich sein. Wegen der ähnlichen Geschmäcker und Gebräuche gebe es die größten Chancen zunächst in den direkten Nachbarländern, sagte Streit. Doch gebe es eine Internationalisierung des Geschmacks, und "Made in Germany" sei weltweit eine "extrem gut angesehene Marke. Diese Karte müssen wir spielen."