Bielefeld. Stellen Sie sich vor, Sie verhandeln mit Ihrem Bankberater über einen Kredit. Sie haben ein gutes Gefühl: Schließlich verfügen sie über ein sicheres Einkommen, einen dicken Sparstrumpf und sind schuldenfrei. Doch dann werden Sie zu exorbitanten Zinsen verdonnert oder bekommen gar eine Absage. Denn Sie wohnen vielleicht nicht im richtigen Stadtviertel.
Bei der Kreditvergabe spielen nämlich nicht nur Ihre persönlichen finanziellen Verhältnisse eine Rolle – sondern auch die Ihrer Nachbarn. Geoscoring heißt die Methode der Auskunfteien: Über die Adresse ermitteln die Experten das Wohnumfeld einer Person.
Dann ziehen sie die Daten der Nachbarn heran, um die Kreditwürdigkeit einer Person zu beurteilen: Bezahlt der größte Anteil der Ansässigen die Rechnungen nicht? Liegen viele Schulden vor? Je nach Situation schließen die Kreditinstitute von der Allgemeinheit auf den Einzelnen. Und verschlechtern ihre Konditionen oder verweigern die Leistungen ganz.
Riesige Bewertungsmaschinerie
Das Geoscoring ist aber nur ein Bestandteil einer riesigen Bewertungsmaschinerie. Von den Verbrauchern meist unbemerkt, wird sie betrieben von Auskunfteien wie der Schufa, und ihren Kunden, darunter Kreditinstitute, Versicherungen und Versandhändler.
In einem ausgeklügelten Punktesystem wird die Bonität anhand diverser Kriterien geprüft: Mit dabei sind aussagekräftige Angaben wie Einkommen, Vermögen oder berufliche Stellung, aber auch irrelevante Aspekte wie Staatsangehörigkeit, Umzugshäufigkeit oder Wohndauer.
Die Summe sämtlicher Erhebungen wird in einer Bonitäts-Note zusammengefasst: dem Score-Wert. Er ordnet die Kunden bestimmten Risiko-Gruppen zu.
Erlaubt per neuem Datenschutzgesetz
Das klingt anrüchig, ist aber per neuem Datenschutzgesetz erlaubt. Verboten ist lediglich die alleinige Anwendung des Geoscoring. "Aber wer kann das schon kontrollieren?", fragt Frank Pauli, Bankenexperte des Verbraucherzentralen-Bundesverbands. Seiner Einschätzung nach wird das Geoscoring immer dann herangezogen, wenn den Auskunfteien wenig Daten über eine Person vorliegen. "Und das kommt häufiger vor, als man denkt."
Bei Nachfrage geben sich die Banken zugeknöpft. "Wir verwenden nur bonitätsrelevante Werte, die Adresse spielt keine Rolle", sagt Deutsche-Bank-Sprecherin Anke Veil.
"Wir lehnen Geoscoring nicht ab, verwenden die Anschrift aber nicht", sagt eine Sprecherin der Commerzbank. "Die einzelnen Daten der Score-Werte legen wir aus Wettbewerbsgründen nicht offen", sagt Sparkassen-Sprecher Stefan Marotzke.
Kategorisierung von Menschen ist Berufsalltag
Einer, der die geheimen Hintergründe kennt, ist der langjährige Bankkaufmann Andreas Meier (Name geändert). Für ihn ist die Kategorisierung von Menschen Berufsalltag. Hat er bei seinem derzeitigen Arbeitgeber ein Gespräch mit einem Kunden beendet und die Daten aufgenommen, erscheint vor dem abschließenden Ausdrucken ein Filterprogramm auf dem Computerbildschirm.
Es ordnet Kunden drei Klassen zu. Weiß bedeutet, dass Meier den Kredit ohne Bedenken gewähren kann. Bei Grau muss er das Einverständnis des Filialleiters einholen. Und bei Schwarz "kann der Kunde den Kredit vergessen".
Woran genau es scheitert, können die Bankkaufleute allerdings nicht einsehen. "Die Filter werden von den Zentralen eingestellt", sagt Meier. "Darauf haben wir keinen Einfluss und können den Kunden auch keine Tipps geben." Allerdings ist es unter Meier und seinen Kollegen ein offenes Geheimnis: Geoscoring gehört zur üblichen Praxis in vielen Kreditinstituten.
Ungerecht und gefährlich
In den Augen von Verbraucherschützer Pauli ist das ungerecht und gefährlich. "Hier werden einzelne Personen gewissermaßen in Sippenhaft genommen." Und das, obwohl es außer klammen Finanzen viele Gründe für die Wahl des Wohnortes geben könne. "Die Nähe zum Arbeitsplatz oder einem pflegebedürftigen Verwandten zum Beispiel."
Wie negativ sich eine solche Klassifizierung auswirken kann, zeigt nach Paulis Ansicht das Beispiel USA: "Ende der 20er Jahre markierte man dort auf der Karte Gebiete mit vielen säumigen Schuldnern rot." Wer dort wohnte, bekam keinen Kredit mehr.
Besonders Menschen mit dunkler Hautfarbe hatten unter dieser Methode des "Redlining" zu leiden, ganze Regionen stürzten wirtschaftlich ab. Pauli: "Zu einer solchen Ghettoisierung kann es auch in Deutschland kommen."
Befragung durch Stiftung Warentest
Nach einer Befragung der Stiftung Warentest gaben fünf der größten Auskunfteien Deutschlands – Accumio, Creditreform, Delta Investment, Infoscore und Bürgel – an, dass die Adresse in den Score-Wert einfließe. "Lediglich die Schufa verneinte dies", so Redakteurin Kerstin Backofen. Auf Anfrage räumte Schufa-Sprecher Andreas Lehmann allerdings ein: "Wenn Kunden das möchten, nehmen wir auch die Adresse mit hinein. Es ist ja legitim."
Dennoch fordern die Verbraucherschützer mehr gesetzlich festgelegte Transparenz bei den Score-Werten. Bis es so weit ist, bleibt zur finanziellen Absicherung großer Träume erstmal nur der Umzug in eine gute Gegend – so man sich das leisten kann. Dann bräuchte man vielleicht aber auch keinen Kredit.
Auskunfteien kontrollierenSeit dem 1. April 2010 können Verbraucher einmal jährlich eine kostenlose Eigenauskunft bei den Auskunfteien einfordern, um die dort über sie vorliegenden Angaben zu überprüfen.
Neben Namen, Geburtsdaten sowie aktuellen und früheren Adressen müssen alle Kreditinstitute und Unternehmen angeführt werden, die Informationen über die betreffende Person geliefert haben. Zudem muss auch der auskunftei-eigene Score-Wert genannt werden. Fehler werden kostenlos korrigiert. Ein Musterbrief für die Anforderung der Daten steht im Internet unter
www.bfdi.bund.de. (aq)