Shanghai. Lichtinstallationen, Schattenspiele und multimediale Projektionen: die Weltausstellung in Shanghai ist ein Fest für die Sinne, vor allem für die Augen. Doch vielen der täglich bis zu 800.000 Augenpaaren bleibt beim Besuch ein Großteil der möglichen Einblicke verborgen. Der Grund ist die riesige Besucherzahl. So beginnt der Rundgang durch den deutschen Pavillon an diesem Tag erst nach einer Wartezeiten von fünf Stunden.
Vorfreudig wandern die chinesischen Besucher durch eine Terrassenlandschaft mit gerahmten Fotos von Sehenswürdigkeiten wie dem Lübecker Holstentor. Am eigentlichen Eingang bekommen sie zum Beweis ihres Besuchs einen Stempel in die vorab gekauften Expopässe. "Da sind alle ganz heiß drauf", sagt die deutsche Ausstellungsführerin Yvonne. "Für die Chinesen ist der Expobesuch so etwas wie eine Weltreise."
Die deutsche Station der Weltreise startet nach einer Rollsteigfahrt im Bauch des Gebäudes. Der Beitrag zum Expo-Leitmotiv "Better city, better life" (Bessere Stadt, besseres Leben) sind Beispiele städtebaulicher Alternativmodelle, besonders ökologischer Produkte und Innovationen. Neben den Präsentationen von Solarsiedlungen, wassersparenden Waschmaschinen oder bunten Schautafeln zu Erfindungen wie Geohumus und künstlicher Spinnenseide erfreuen sich die Chinesen vor allem an Volkstümlichem.
Energie durch Schreien, Jubeln und Grölen
Eine Installation mit Gartenzwerghüten wird ebenso gerne fotografiert wie eine Wand mit Schneekugeln, die Alltagsszenen wie Eisstockschießen in München zeigen. Zeit zum Verweilen bleibt nicht, die Masse treibt weiter, vorbei am überdimensionalen Bücherstapel der Literaturecke hin zur Sensation des Pavillons: der Energiezentrale am Ende des Rundgangs.
Sieben Minuten lang toben sich hier 600 Besucher zeitgleich aus. Durch Schreien, Jubeln und Grölen bringen sie im kreisrunden dreistöckigen Zuschauerraum eine tonnenschwere Kugel zum Pendeln. Besonderheit: Auf deren mehr als 400.000 Leuchtdioden läuft derweil ein Film ab. Die beliebtesten Szenen des Publikums: Die Fußball-WM und die Wiedervereinigung. In Hochstimmung strömt die Masse aus Vorführraum und Pavillon auf das fünf Quadratkilometer große Gelände zurück, um sich bei einem der europäischen Nachbarpavillons anzustellen.
Auf den Zutritt zur Riesenpagode ihres eigenen Länderpavillons brauchen die Chinesen gar nicht zu hoffen. Nur, wer bei der wenige Minuten dauernden Vergabe im Morgengrauen eine der bis zu 30.000 Eintrittskarten hierfür ergattert hat, braucht sich überhaupt erst in der riesigen Warteschlange anzustellen. Ein florierender Schwarzmarkt und zahlreiche Fälschungen sind die Folge – weshalb der Veranstalter jetzt auf Karten im Kreditkartenformat mit speziellen Chips umstellen will.
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