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20.04.2011
Stromkonzerne kassieren Privathaushalte ab
Tarife steigen um durchschnittlich sechs Prozent / Experten üben Kritik
VON MATTHIAS BUNGEROTH

Stromleitung | ARCHIVFOTO: DPA

Bielefeld. Noch bevor in Deutschland der Ausstieg aus der Atomenergie begonnen hat, bekommen Verbraucher den Umbruch durch höhere Preise zu spüren. Experten berichten, dass seit Anfang des Jahres hunderte Anbieter die Stromtarife erhöht haben. Im Durchschnitt ergibt sich laut Verbraucherportal Toptarif.de eine Preissteigerung von 6,1 Prozent für die Privatkunden.

Für einen vierköpfigen Haushalt mit einem Jahresverbrauch von 4.000 Kilowattstunden bedeutet das Mehrkosten von rund 60 Euro pro Jahr, so Sprecher Daniel Dodt. "Günstiger wird es auf absehbare Zeit nicht werden." Eon Westfalen-Weser, großer Versorger in Ostwestfalen-Lippe, hat angekündigt, die Stromtarife für Privatkunden ab 1. Mai um rund 4,4 Prozent anzuheben. Wie andere Versorger begründet das Paderborner Unternehmen dies mit dem "erfolgreichen Ausbau der regenerativen Energien in Deutschland", wie Geschäftsführer Volker Rickert mitteilt. Die im Gesetz für erneuerbare Energien (EEG) festgesetzte Umlage betrage mittlerweile 4,2 Cent brutto pro Kilowattstunde, das seien 70 Prozent mehr als im Vorjahr, wie Rickert vorrechnet. Diese Umlage, die für die Einspeisung von regenerativ erzeugtem Strom zu entrichten ist, steigt seit Jahren, da auch der Anteil an Wind- und Sonnenenergie stetig wächst.

Aber, so Daniel Dodt: "Die meisten Versorger kaufen den Strom für die Verbraucher ein bis drei Jahre im Voraus ein." Die Versorger hätten die Möglichkeit gehabt, "sich zu erheblich günstigeren Tarifen Strom zu beschaffen". Er gibt privaten Stromkunden den Rat, den Zählerstand mit dem Stichtag der Preiserhöhung abzulesen. "Sonst wird ein theoretischer Verbrauch errechnet", so Dodt. Er erinnert auch daran, dass nicht alle Anbieter mit der Preiserhöhung automatisch eine Anpassung des monatlichen Abschlags vornehmen.

"Anbieter nutzen jede Möglichkeit, Preise zu erhöhen"

"Die Anbieter nutzen natürlich jede Möglichkeit, die Preise zu erhöhen. Doch die Preissenkungen geben sie nicht weiter", kritisiert Jürgen Stellpflug, Chefredakteur des Magazins Ökotest. Stellpflug fordert die Energieerzeuger auf, "eine offene Kostenkalkulation" zu machen. In der jüngsten Preisoffensive sieht er eine "psychologische Kriegsführung gegen erneuerbare Energien". Greenpeace legte eine Studie vor, wonach die vier großen Energiekonzerne RWE, Eon, Vattenfall und EnBW nur 0,5 Prozent des gesamten Stroms aus Wind- und Sonnenkraft produzieren. In der aktuellen Geschäftspolitik sieht Stellpflug auch einen Kampf um die Hoheit beim Stromnetz.

Es geht aufwärts | GRAFIK: DPA/ML

Jüngst erwarben die Stadtwerke Lemgo und weitere Kommunalbetriebe die Rechte, die Netze in Kalletal, Dörentrup, Augustdorf und Leopoldshöhe in den kommenden 20 Jahren betreiben zu dürfen. Der Preis für den in Blockheizkraftwerken produzierten Strom bleibt bis Jahresende stabil. Seit der Ankündigung der Strompreisanhebung bei Eon Westfalen-Weser verzeichnet Stadtwerke-Geschäftsführer Arnd Oberscheven "einen immensen Kundenzuspruch".


Kommentar: Nicht überziehen

VON MATTHIAS BUNGEROTH

Seit Fukushima ist alles anders. Der größte anzunehmende Unfall in dem japanischen Atomkraftwerk hat selbst in der zuvor kernkraftfreundlichen schwarz-gelben Koalition die Überzeugung geweckt, dass der Ausstieg aus der Atomkraft in Deutschland erheblich beschleunigt werden muss.

Dieser politische Wille bringt für die vier großen Energieerzeuger Eon, RWE, Vattenfall und EnBW eine völlig neue Gemengelage mit sich. Der Energiesektor im Industrieland Deutschland steht vor der größten und schnellsten Umstrukturierung seiner Geschichte. Seriöse Kostenrechnungen hierfür liegen nicht vor. Doch gerade deshalb heißt es für die genannten Unternehmen, die laut Bundesnetzagentur rund 80 Prozent des deutschen Stroms produzieren, die Preisschraube nicht zu heftig anzudrehen. Es gilt, saubere Kalkulationen vorzunehmen und diese dem Kunden nachvollziehbar darzulegen.

Denn eines darf sich im neuen Energiezeitalter nicht wiederholen: dass Risiken vergesellschaftet und Gewinne privatisiert werden. Ohne diesen Effekt hätte es das Schlagwort vom billigen Atomstrom nie gegeben.
       matthias.bungeroth@ihr-kommentar.de


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Kommentare
Warum greift die Politik nicht ein ?????
Ich verlange ab sofort eine Rentenerhöhung um 6,1%.

Schade das die meisten Bürger daraus nichts lernen und weiter klang und sanglos zuschauen, wie Land auf Land ab kommunales Vermögen privatisiert wird. Und dann ist der Bürger überrascht, dass die Privaten Gewinne erwirtschaften wollen bzw. müssen.

Die vermeintlich mächtigen im energiesektor versuchen über tricks ihren zwang auszuüben. Die ökostromanbieter (ebenso wie die einzelnen stadtwerke) können momentan nicht die gesamte energiemenge liefern. Sollten sie irgendwann gezwungen sein zuzukaufen, so wären sie den überhöhten preisen der nimmersatten ausgeliefert.

Ich habe einen Monat vor Fukushima meinen Anbieter gewechselt. Weg von E.ON WestfalenWeser, hin zu einem "richtigen" Ökostrom-Anbieter. Es war total easy und ich musste überhaupt nichts machen, zudem spare ich jetzt sogar noch 60 EUR im Jahr. Öko ist also sogar noch günstiger als E.ON.
Wer nicht wechselt ist selber Schuld!

Die scham- und grenzenlose Abzocke geht ohne Pause weiter. Kein Argument ist zu blöde und weit hergeholt, dass es nicht als Begründung für unentwegte Preiserhöhungen herangezogen würde. Beachte: seit 2001 ist ungefähr eine Verdoppelung des Strompreises für den Privatverbraucher eingetreten. Was ist denn wirklich seither geschehen, was die Energieriesen belasten würde? Gab es nicht vielmehr vielfältige politischen Zusagen und Geschenke auf Kosten der Allgemeinheit? Diskutiert wird jetzt, dass wieder die Allgemeinheit die Kosten für den Netzausbau für die Erweiterung und den Ausbau regenerativer Energien tragen soll. Wieso bitte die Allgemeinheit? Investieren soll gefälligst derjenige, der diese Netze künftig nutzen will, um sein Produkt zu verkaufen. Investitionen haben aus
Gewinnen zu erfolgen. Die Gewinne sind nicht nur für die Konten der Anteilseigner, Aktionäre und Großkapitalisten da! Wenn nicht endlich schnellstens gesetzlich dieser Bagage und ihrem Verhalten entgegen getreten wird, sind Mietaufwendungen in absehbarer Zukunft nur noch eine Position in der Nebekostenabrechnung bei der Zahlung der mtl. Stromkosten für eine Wohnung. Die Energieversorgung gehört in die Hände des Staates und nicht in die von sharehoder- Abzockern!!! Lange wird sich dies auch der ach so bequeme und phlegmatische Deutsche nicht mehr gefallen lassen........ Die Endverbraucher, von denen immer stereotyp Zurückhaltung und Augenmaß bei Lohn- und Gehaltsrunden erwartet wird, an die aber ohne mit der Wimper zu zucken alle Preiserhöhungen "weitergegeben" werden, werden sich dann auch mal jemanden suchen, der die Belastungen der kleinen Leute zu spüren bekommen wird, so viel ist jedenfalls sicher........


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