Bielefeld. Noch bevor in Deutschland der Ausstieg aus der Atomenergie begonnen hat, bekommen Verbraucher den Umbruch durch höhere Preise zu spüren. Experten berichten, dass seit Anfang des Jahres hunderte Anbieter die Stromtarife erhöht haben. Im Durchschnitt ergibt sich laut Verbraucherportal Toptarif.de eine Preissteigerung von 6,1 Prozent für die Privatkunden.
Für einen vierköpfigen Haushalt mit einem Jahresverbrauch von 4.000 Kilowattstunden bedeutet das Mehrkosten von rund 60 Euro pro Jahr, so Sprecher Daniel Dodt. "Günstiger wird es auf absehbare Zeit nicht werden." Eon Westfalen-Weser, großer Versorger in Ostwestfalen-Lippe, hat angekündigt, die Stromtarife für Privatkunden ab 1. Mai um rund 4,4 Prozent anzuheben. Wie andere Versorger begründet das Paderborner Unternehmen dies mit dem "erfolgreichen Ausbau der regenerativen Energien in Deutschland", wie Geschäftsführer Volker Rickert mitteilt. Die im Gesetz für erneuerbare Energien (EEG) festgesetzte Umlage betrage mittlerweile 4,2 Cent brutto pro Kilowattstunde, das seien 70 Prozent mehr als im Vorjahr, wie Rickert vorrechnet. Diese Umlage, die für die Einspeisung von regenerativ erzeugtem Strom zu entrichten ist, steigt seit Jahren, da auch der Anteil an Wind- und Sonnenenergie stetig wächst.
Aber, so Daniel Dodt: "Die meisten Versorger kaufen den Strom für die Verbraucher ein bis drei Jahre im Voraus ein." Die Versorger hätten die Möglichkeit gehabt, "sich zu erheblich günstigeren Tarifen Strom zu beschaffen". Er gibt privaten Stromkunden den Rat, den Zählerstand mit dem Stichtag der Preiserhöhung abzulesen. "Sonst wird ein theoretischer Verbrauch errechnet", so Dodt. Er erinnert auch daran, dass nicht alle Anbieter mit der Preiserhöhung automatisch eine Anpassung des monatlichen Abschlags vornehmen.
"Anbieter nutzen jede Möglichkeit, Preise zu erhöhen"
"Die Anbieter nutzen natürlich jede Möglichkeit, die Preise zu erhöhen. Doch die Preissenkungen geben sie nicht weiter", kritisiert Jürgen Stellpflug, Chefredakteur des Magazins Ökotest. Stellpflug fordert die Energieerzeuger auf, "eine offene Kostenkalkulation" zu machen. In der jüngsten Preisoffensive sieht er eine "psychologische Kriegsführung gegen erneuerbare Energien". Greenpeace legte eine Studie vor, wonach die vier großen Energiekonzerne RWE, Eon, Vattenfall und EnBW nur 0,5 Prozent des gesamten Stroms aus Wind- und Sonnenkraft produzieren. In der aktuellen Geschäftspolitik sieht Stellpflug auch einen Kampf um die Hoheit beim Stromnetz.
Es geht aufwärts | GRAFIK: DPA/ML
Jüngst erwarben die Stadtwerke Lemgo und weitere Kommunalbetriebe die Rechte, die Netze in Kalletal, Dörentrup, Augustdorf und Leopoldshöhe in den kommenden 20 Jahren betreiben zu dürfen. Der Preis für den in Blockheizkraftwerken produzierten Strom bleibt bis Jahresende stabil. Seit der Ankündigung der Strompreisanhebung bei Eon Westfalen-Weser verzeichnet Stadtwerke-Geschäftsführer Arnd Oberscheven "einen immensen Kundenzuspruch".
Kommentar: Nicht überziehen
VON MATTHIAS BUNGEROTH
Seit Fukushima ist alles anders. Der größte anzunehmende Unfall in dem japanischen Atomkraftwerk hat selbst in der zuvor kernkraftfreundlichen schwarz-gelben Koalition die Überzeugung geweckt, dass der Ausstieg aus der Atomkraft in Deutschland erheblich beschleunigt werden muss.
Dieser politische Wille bringt für die vier großen Energieerzeuger Eon, RWE, Vattenfall und EnBW eine völlig neue Gemengelage mit sich. Der Energiesektor im Industrieland Deutschland steht vor der größten und schnellsten Umstrukturierung seiner Geschichte. Seriöse Kostenrechnungen hierfür liegen nicht vor. Doch gerade deshalb heißt es für die genannten Unternehmen, die laut Bundesnetzagentur rund 80 Prozent des deutschen Stroms produzieren, die Preisschraube nicht zu heftig anzudrehen. Es gilt, saubere Kalkulationen vorzunehmen und diese dem Kunden nachvollziehbar darzulegen.
Denn eines darf sich im neuen Energiezeitalter nicht wiederholen: dass Risiken vergesellschaftet und Gewinne privatisiert werden. Ohne diesen Effekt hätte es das Schlagwort vom billigen Atomstrom nie gegeben.
matthias.bungeroth@ihr-kommentar.de
Ich verlange ab sofort eine Rentenerhöhung um 6,1%.