23. Handelsforum in Bielefeld: Internet-Tipps für Unternehmer
Bielefeld. Die gute Nachricht lautet: Das Internet ist gar nicht der Feind des traditionellen stationären Einzelhandels. Das weltweite Netz bietet auch kleinen lokalen Anbietern wachsende Chancen für Werbung und Vermarktung. Dafür sorgen nicht zuletzt die neuen sozialen Medien wie Facebook, Twitter und Co., über die sich gute Leistungen in Windeseile herumsprechen. Die schlechte Nachricht: Die digitalen Kanäle sind zeitraubend und kostenträchtig und werden doch wichtiger, um im Wettbewerb auf Augenhöhe zu bleiben.
Ferdinand Klingenthal wandte sich zum Auftakt des 23. Handelsforums am Mittwoch in Bielefeld gegen aufkommende Panik unter den Händlern: Der Anteil des Versandhandels (inklusive E-Commerce) sei steigend, aber noch immer werden mehr als 90 Prozent der Umsätze in den Läden gemacht. Denn während Bestellungen am Computer zunehmen, sinkt die Bestellquote per Post oder Telefon. Es gebe eine Verschiebung, aber die Entwicklung sei nicht so rasant, wie suggeriert werde, sagte Klingenthal.
Lokale Einzelhändler, die die Möglichkeiten des Internets erfolgreich einsetzen, sorgten mit Erfahrungsberichten für Höhepunkte des Handelsforums. Etwa der Detmolder Musikalienhändler Wolfgang Meyer-Johanning (Haus der Musik), der schon seit den 90er Jahren ein digitales Schaufenster nutzt. Der Detmolder spürte die Wucht und das Potenzial des Internets erstmals 1998, als er im Netz Notenhefte verschenken wollte – und auf ein Angebot 2.500 Mails erhielt. Heute bespielt er mit dem Internetdesigner Sven Schäfermeier die komplette Klaviatur des E-Commerce. Dazu gehört zunächst ein Online-Shop, der den Kunden neben den Waren auch Mitmachmöglichkeiten bietet – sie können Bewertungen schreiben oder Noten und Videos einstellen.
Kompliziert wird das Geschäft, weil für den Erfolg Partner gebraucht werden, die mitverdienen wollen. Experten, die den Internet-Auftritt für Suchmaschinen optimieren, zum Beispiel. Mitspieler, die Sicherheit beim Shoppen versprechen, oder Partner, die das Bezahlen im Internet ermöglichen.
Digitale Flüsterpropaganda
- Das Internet hilft, Kunden in den Laden zu locken: Der Zukunftsforscher Andreas Haderlein (Zukunftsinstitut Kelkheim) sieht das Netz nicht nur als Vertriebskanal, sondern als Hilfsmittel für die Werbung.
- Jede vierte Internet-Suche betreffe heute den lokalen Nahbereich; Orientierung im Netz suchen oft Menschen, die gerade mit dem Handy unterwegs sind.
- Für lokale stationäre Händler bieten Social Media größte Chancen, weil gute Angebote sich herumsprechen.
- Aber: Preisvergleiche per Handy können bald zu verschärftem Preiskampf führen.
Ein Großteil der Besucherströme komme über Google auf die Website: "Unglaublich, was da generiert wird", schwärmt Meyer-Johanning. Doch hohe Klickzahlen allein bringen noch keinen Umsatz, warnt er. Auf Googles Werbeagentur Adwords setze er daher nicht.
"Schreiben Sie mal eine Bewertung über Staubbeutel"
Deutlicher wurde in diesem Punkt Markus Porten. Der sorgte für Lacher, weil sein Umsatzbringer nach eigener Einschätzung "stinklangweilig" ist: Staubsaugerbeutel nämlich, von denen er 40.000 verschiedene auf Lager hat, auch aus eigener Produktion. "Schreiben Sie mal eine Bewertung über Staubbeutel", flachste er über den Reiz des Produkts. Doch letztlich gehe es darum, Geld zu verdienen.Sein stationärer Laden für weiße Ware sei zur Nebensache geworden, mit der Internetadresse staubbeutel.de und weiteren Präsenzen habe er heute drei Prozent Marktanteil. Ein gewichtiger Kostenfaktor seien die Ausgaben für Googles Adwords: Wegen gewachsener Konkurrenz koste jeder Klick ihn heute 38 Cent, im Jahr seien es 280.000 Euro. "Das geht massiv an die Erträge." Doch sein Geschäft funktioniere ohne Google nicht, Facebook und Twitter seien bisher kein Ersatz: "Wenn wir Google nicht mehr gefallen, sind wir weg", vermutet Porten und warnt: "Eine solch große Abhängigkeit ist eine ernste Sache."
Hoffnungen, dass Google künftig mehr Konkurrenz bekommt, verbreitete Björn Schäfers von smatch.com, einem Portal der Otto-Gruppe für die Produktsuche. Facebook etwa habe schon fast so viele Nutzer wie Google, und Facebook verbreite Empfehlungen von Freunden. Weil sie nicht anonym seien, hätten Tipps über Social Media mehr Gewicht, glaubt Schäfers. Doch Facebook, Twitter und Co. bieten andere Fußangeln: "Wenn ich schlechte Produkte habe, verbreitet sich die Kunde heute extrem schnell", warnt er.
Kommentar: Himmel und Hölle
VON MARTIN KRAUSE
Gute Leistungen im Einzelhandel werden bei Facebook, Twitter und Co. gelobt. Das versprechen viele Internetpropheten, wobei sie wissen, dass die sogenannten Social Media ein zweischneidiges Schwert sind. Die Nutzer erkennen, wenn ihnen platte Werbung untergeschoben wird. Sollten sie aber auf einen falschen Tipp hereinfallen, sind sie fürs zweite Mal gewarnt. Dann wird der Spieß im Netz umgedreht: Denn schlechte Händler und Dienstleister kommen in die Hölle.
Dabei sind das Internet und seine neuen Netzwerke kein Teufelswerk. Es ist doch nur beschleunigte Kommunikation, wie das gute alte Flüstern – mit exponentiellen Möglichkeiten.
Mehr als je zuvor ist es also vordringlich für Einzelhändler (und alle Unternehmen), gute Leistungen anzubieten. Kompetente Mitarbeiter gehören ebenso dazu wie vernünftige Preise. Auch eine gewisse Auffindbarkeit und Präsenz im Netz ist unabdingbar. Unredliche Angebote und Aktionen aber werden immer riskanter. Nur mit guten Leistungen kommen Anbieter in den Himmel.
martin.krause@ihr-kommentar.de