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11.02.2012
Unternehmen in OWL ohne Börsen-Euphorie
Entwicklung in der Region seit Jahren rückläufig
VON MARTIN KRAUSE

Trauen wohl den Kursen nicht | FOTO: DPA

Bielefeld. Ein neuer Börsenboom hat Amerika erfasst - spätestens seit der Ankündigung von Facebook, in den nächsten Monaten aufs Parkett zu gehen und bei den Anlegern 5 bis 10 Milliarden Dollar einzusammeln. Internetfirmen wie Zynga und die defizitäre Groupon sind in den vergangenen Monaten an der Wall Street gestartet. Aber auch der größte Börsengang aller Zeiten, der Neustart von General Motors, ist gerade einmal 15 Monate her. In OWL ist von Börseneuphorie nichts zu spüren - im Gegenteil. Die Zahl börsennotierter Aktiengesellschaften schrumpft hier seit Jahren.

Anfang des vergangenen Jahrzehnts, auf dem Höhepunkt der New Economy, gab es 21 operativ tätige Publikumsgesellschaften mit Sitz in der Region, inzwischen sind es nur noch 15. Neun börsennotierte Firmen sind seit 2002 unter die Räder gekommen oder verschwunden (siehe Karte), nur drei kamen hinzu.

In zwei Fällen gibt es derzeit Bewegung: Die Bankverein Werther AG, die ihr Stammgeschäft 2011 an die Volksbank Paderborn verkaufte, hat ihre Verwaltung inzwischen nach München verlegt. Das Restgeschäft (etwa mit Kreditkartenzahlung im Internet) läuft unter der Marke "Privatbank 1891". Auch die Firmierung soll verändert werden.

Geister der Börse

Die Hucke AG in Lübbecke soll mehr als fünf Jahre nach der Pleite jetzt von der Börse genommen werden. Insolvenzverwalter Hans-Peter Burghardt beantragte am 18. November die Einstellung der Notierung und den Widerruf der Börsenzulassung. Geschehen ist bisher nichts. "Die Börse in Düsseldorf fordert dafür eine Entscheidung der Hauptversammlung", sagt Burghardt und diagnostiziert eine Regelungslücke: "Die Börsenordnung sieht den Fall einer Insolvenz nicht vor."

Bürokratische Hürden und drohende Kosten, die niemand tragen will, sind ein Grund dafür, dass viele Firmen noch Jahre nach ihrem Untergang an der Börse herumgeistern, vermutet der Herforder Rechtsanwalt. Auch Ceyoniq und Kampa sind zum Beispiel noch notiert.

Für den 2003 in den Bankrott gegangenen Fensterhersteller Porta Systems wurde 2008 das Insolvenzverfahren beendet - das Unternehmen verwaltet nach eigenen Angaben seitdem ein sechsstelliges Restvermögen, hat aber "noch keine weitere Geschäftstätigkeit aufgenommen". Vorstand Robert Zeiss wartet den regelmäßig veröffentlichten Geschäftsberichten zufolge darauf, dass ein Interessent die börsennotierte Hülle mit neuem Leben erfüllt.

Jüngster Börsengang vor vier Jahren

Der jüngste Börsengang in OWL liegt mehr als vier Jahre zurück: Der Blomberger Holzwerkstoffhersteller Delignit AG ist seit September 2007 notiert - der Aktienkurs ist seitdem kontinuierlich gesunken. Delignit war wegen der Wirtschaftskrise schon kurz nach dem Börsendebüt in die roten Zahlen gerutscht. Ganz ähnlich ist es auch dem zweitjüngsten Börsenunternehmen der Region ergangen, der seit 2006 notierten Biogas Nord AG. Die Bielefelder versanken gleich für mehrere Jahre tief in der Verlustzone.

Das bisher letzte ostwestfälische Unternehmen, das nachhaltig erfolgreich den Weg aufs Parkett wagte, ist die Paderborner Wincor Nixdorf AG, seit Mai 2004 notiert.

Mehrere Firmen haben trotz ihres Erfolges ihre Unabhängigkeit verloren: Die Geschicke von Reply (früher Syskoplan, von der italienischen Reply SpA 2005 übernommen), Itelligence (gehört seit 2007 zum japanischen NTT-Konzern) und Dürkopp Adler (seit 2005 Teil der chinesischen Shanggong-Gruppe) werden nicht mehr in OWL bestimmt.

Die ehemaligen Börsenunternehmen im Überblick

BANKVEREIN

Der Bankverein Werther kam auch im Boomjahr 2000 an die Börse - und machte mit Verlusten, Vorstandswechseln und juristischen Auseinandersetzungen von sich Reden. 2011 wurde die kleine Bank zerschlagen: Das normale Bankgeschäft kaufte die Volksbank Paderborn, den Rest (Privatbank 1891, jetzt mit Sitz in München), übernahm der japanische NTT-Konzern.

HUCKE AG

Das seit 1995 börsennotierte Unternehmen aus Lübbecke war einige Jahre lang der größte Modehersteller der Moderegion OWL. Probleme ergaben sich schon kurz nach dem Börsengang: Es folgten mehrere Wechsel im Vorstand, der Verkauf des Tafelsilbers (Tochterfirma Basler) und 2006 der Insolvenzantrag. Das Delisting ist geplant.

KAMPA AG

Der Fertighaushersteller galt jahrelang als absolutes Vorzeigeunternehmen der Region. 1986 führte Gründer Wilfried Kampa die Firma an die Börse. Kampa wuchs durch zahlreiche Übernahmen - und verhob sich dabei. Wilfried Kampa verkaufte seine Anteile 2006, das Stammwerk in Minden wurde 2007 geschlossen, 2009 folgte die Pleite.

PORTA SYSTEMS AG

Porta Systems entstand aus einer Schreinerei und wuchs zum Bauzulieferer mit fast 400 Mitarbeitern. Großaktionär war Fertighaus-Unternehmer Wilfried Kampa, der die Porta-Produkte in seine Häuser einbauen ließ. Dem Börsengang 1998 folgte schon 2003 der Insolvenzantrag - die Pleite galt als Folge der langen Bauflaute.

CEYONIQ AG

Die Bielefelder Ceyoniq AG war 1998 unter dem Namen Computer Equipment an die Börse gegangen und zählte in OWL zur New Economy. Dem kurzen Höhenflug folgten nach massiven Bilanzmanipulationen 2002 eine spektakuläre Pleite und die Verurteilung der Gründer. Die Ceyoniq GmbH ist weiterhin erfolgreich.

TEAMWORK AG

Das Paderborner Softwareunternehmen Teamwork legte eine der kürzesten Vorstellungen auf das Parkett: Dem Börsengang im Jahr 1999 folgte schon im Herbst 2000 die Pleite. Teamwork stellte 2002 den Betrieb ein. Gründer Heinz Ikenmeyer (1999 Unternehmer des Jahres in OWL) ging mit einer GmbH neu an den Start - mit Erfolg.

K & M MÖBEL AG

Standortschließungen, Entlassungen, Defizite: Die seit 1997 an der Börse notierte K & M Möbel AG in Kirchlengern hatte bereits jahrelang für negative Schlagzeilen gesorgt, als 2003 die Pleite kam. Die Substanz des Unternehmens war am Ende so dürftig, dass sich kein Investor fand und eine Weiterführung nicht mehr möglich war.

AVA AG

Der Bielefelder Handelskonzern AVA (Marktkauf) mit 30.000 Mitarbeitern war seit dem Börsengang 1986 die größte börsennotierte Gesellschaft in OWL. Doch Großaktionär Edeka, einst als "weißer Ritter" zum Schutz vor einer Übernahme eingestiegen, wollte die totale Kontrolle. Edeka kaufte die AVA komplett und nahm sie 2006 von der Börse.

LYCOS EUROPE

Der deutsche Ableger der US-amerikanischen Internet-Suchmaschine ging im Jahr 2000 an die Börse, als die Euphorie am Neuen Markt den Höhepunkt erreichte. Doch Lycos-Chef Christoph Mohn hatte keine Chance gegen Google, Lycos kam nie richtig in die schwarzen Zahlen. Nach herben Verlusten wurde Lycos Europe 2008 zerschlagen. Eine Pleite gab es nicht.



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