Bielefeld. Der demographische Wandel macht den Einzelhändlern das Leben schwer. Durch die schrumpfende Gesamtbevölkerung sei 2010 bereits ein "einzelhandelsrelevanter Kaufkraftverlust" in Höhe von 185 Millionen Euro in OWL verzeichnet worden. 2011 sei ein Verlust von weiteren 43 Millionen Euro hinzugekommen. "Wir müssen uns auf Kaufkraftschwund und Kundenmangel einstellen", warnte Ferdinand Klingenthal, der Vorsitzende des Einzelhandelsverbandes OWL.
Dank einer "günstigen Konstellation" aus sinkender Arbeitslosigkeit, steigenden Einkommen und verringerter Sparneigung hat der Einzelhandel trotzdem 2011 ein "robustes" Jahr erlebt und in OWL einen Umsatzzuwachs um 1,85 Prozent (NRW: plus 1,6 Prozent) verbucht. Mit 10,89 Milliarden Euro Umsatz wurde in der Region ein Höchstwert umgesetzt. Das recht magere Wachstum sei jedoch "kein Grund zum Jubeln", wie Thomas Kunz, der Hauptgeschäftsführer des Einzelhandelsverbandes, sagte. Im Grunde befinde sich die Branche schon seit der Zeit vor dem Jahr 2000 in der Stagnation.
Ein Blick in die Branchen: Die größten Wachstumsraten meldeten 2011 der Schmuck- und Uhrenhandel sowie der Handel mit Haushaltsgegenständen, Keramik, Glas und Spielwaren. Über Zuwächse von jährlich rund 10 Prozent freut sich seit einigen Jahren vor allem der Online-Handel – auf Kosten der stationären Anbieter. 2011 wurden bundesweit im Internet 26,1 Milliarden Euro umgesetzt, das waren 6,3 Prozent des Einzelhandels "im engeren Sinne", also ohne Autohandel, Tankstellen, Brennstoffe und Apotheken.
Mittelfristige Prognosen sind trübe
Unterproportional wuchs hingegen der Modehandel (plus 0,4 Prozent). Bei Haushaltsgeräten, Büchern und Schuhen gab es sogar Rückgänge. 2012 hoffen die Einzelhändler erneut auf ein leichtes Umsatzplus von vielleicht 1,5 Prozent. Der Verlauf der ersten Monate sei ermutigend, so Kunz.
Die mittelfristigen Prognosen aber sind trübe, vor allem wegen des demographischen Wandels. Weil obendrein die Kosten für Gesundheit, Altersvorsorge, Umwelt und Energie zunehmend die Haushaltskassen belasten, bleibe für die Einzelhändler immer weniger übrig, so die Befürchtung von Klingenthal und Kunz. Schwacher Trost: OWL schrumpfe langsamer als andere Regionen und überhole bis 2030 die Bundesländer Thüringen und Sachsen-Anhalt bei der Einwohnerzahl.
Die absehbaren Entwicklungen müssten bei der Stadtplanung und der Ansiedlung neuer Geschäfte und Einkaufszentren berücksichtigt werden, fordert Klingenthal. Schon heute gebe es mit mehr als 1,3 Quadratmetern Handelsfläche pro Einwohner mehr Flächenwettbewerb als in den meisten anderen Ländern. Zwar gebe es in den meisten Kommunen auch Einzelhandelskonzepte, doch: "Die Konzepte werden zunehmend nicht mehr angewendet, verwässert oder außer Kraft gesetzt", so Klingenthal. Als Beispiel nannte er die Genehmigung für eine neue Kaufland-Filiale in Höxter außerhalb des vorgesehenen zentralen Versorgungsbereichs – dieser wurde dann "angepasst".
Klingenthal mahnt zu einer Ansiedlungspolitik "mit Augenmaß" und Konsens mit Nachbargemeinden. Erschwert werde die Abwägung etwa durch die Abwanderung vom Land in die Städte, nicht zuletzt infolge der sich verschlechternden Versorgung auf dem Lande: "Es wäre doch wünschenswert, auch kleineren Kommunen eine Chance zu lassen."