Dirk U. Hindrichs scheidet als Geschäftsführender Gesellschafter aus, bleibt aber in Bielefeld
Bielefeld. Am Sonntag frönte Dirk U. Hindrichs noch seiner Leidenschaft, dem Golfspiel. Bestens gelaunt sei er gewesen, berichten Sportfreun-de. Bis Dienstag war er als Präsident mit dem Industrie- und Handelsclub unterwegs. Wieder jovial und guter Dinge. Am Mittwoch kam sein Rauswurf bei der Schüco International KG. Es wird wohl mächtig gekracht haben. Aber wirklich geknickt ist Dirk U. Hindrichs nicht. Vielleicht nicht mehr.
Er habe sich nichts vorzuwerfen, sagt er im Gespräch mit dieser Zeitung. "Schüco ist ein tolles Unternehmen. Ich habe den Job unheimlich gern gemacht." Ab sofort macht den Job ein anderer. Die Fuchs-Gruppe, Muttergesellschaft von Schüco, hat den eigenen Chef entsandt. Hinrich Mählmann heißt er. Er ist promovierter Ingenieur und seit 2007 Gesamtgeschäftsführer der Fuchs-Gruppe. Zuvor war er Vorstandsvorsitzender des Baumaschinenkonzerns Putzmeister, sein Berufsleben hatte er beim Baggerhersteller Liebherr in Frankreich begonnen.
Was Mählmann mit dem Standort Bielefeld vorhat, ist nicht bekannt. Auch nicht, ob er zur Intersolar kommt, die am Mittwoch beginnt und die für Schüco einer der wichtigsten Termine ist. Aber die bisherige Geschäftsführung mit Horst Platzhoff, Nico Reiner, Helmut Marzahn und Carsten Heuer werde da sein, versichert Schüco-Sprecher Thomas Lauritzen. "Erklärtes Ziel ist und bleibt, grüne Technologie für den blauen Planeten zu entwickeln und zu vertreiben und damit einen wichtigen Beitrag für den weltweiten Klimaschutz zu leisten", heißt es in einer knappen Presseerklärung.
Dass Schüco sich so stark im Klimaschutz engagiert, ist Hindrichs Verdienst. Der Manager wurde am 4. März 1955 in Solingen geboren. Er ist Diplom-Wirtschaftsingenieur, hat in der Schickedanz-Gruppe die Geschicke der Quelle-Industriesparte betreut. Beim Lebensmittelkonzern Seagram war er anschließend verantwortlich für die Sektmarke Mumm. Als Seagram 1996 nach New York übersiedeln wollte, kam die Offerte, Geschäftsführer bei Schüco zu werden. "Das Angebot, als selbstständig handelnder Unternehmer bei Schüco einzusteigen, war Motivation genug für mich, New York mit Bielefeld zu tauschen."
Rekordumsatz von 2,38 Milliarden Euro
Hier in Bielefeld führte Hindrichs das Unternehmen 2010 zum Rekordumsatz von 2,38 Milliarden Euro. Dazu trug maßgeblich die Sparte neue Energien (Solar) bei, deren Umsatz sich auf gut eine Milliarde Euro mehr als verdoppelte. Rund 1,13 Milliarden Euro betrug der Umsatz im Metallbau, rund 200 Millionen Euro steuerte der Geschäftsbereich Kunststoff zum Gesamtumsatz bei. Erwirtschaftet wurde das Ergebnis von weltweit 5.250 Mitarbeitern, 3.750 davon in Deutschland, rund 1.750 in OWL beschäftigt.
Die Krise der Solarbranche durch den Preisverfall bei Photovoltaik-Modulen, die aufkommende Konkurrenz aus China und Gesetzesänderungen zur Solarförderung trafen Schüco hart. Trotz des gesteigerten Absatzes bei Modulen prognostizierte Unternehmenssprecher Thomas Lauritzen bereits Ende letzten Jahres, dass der Rekordumsatz nicht erneut zu erreichen wäre.
Hindrichs hatte für das Geschäftsjahr 2011 weiteres Wachstum angestrebt, vor allem im Bereich Gebäudetechnik und Energiegewinnung.
Gegründet hatte der Kaufmann Heinz Schürmann das Unternehmen 1951 in Porta und es 1953 nach Bielefeld verlegt. 1964 verkaufte er die Firma an die Otto Fuchs KG in Meinerzhagen. Schürmann, der 1965 auch die Firma Granini-Fruchtsaft aufbaute, starb 2010.
Schüco entwickelte sich in den 1960er Jahren zum Systemlieferanten für Fenster, expandierte in den 70ern zum Spezialisten für Aluminiumfenster. Seit den 80er Jahren werden Kunststofffenster produziert. In den 90er Jahren wurde Schüco dann zum Anbieter für Gebäudehüllen und mit eigenen Gesellschaften zum internationalen Unternehmen.
Seit 2005 etabliert sich Schüco unter dem Leitbild "Energie sparen und gewinnen" zunehmend als Hersteller von Solartechnik. In Bielefeld wurde ein Forschungs- und Technologiezentrum aufgebaut. Heute ist Schüco in 78 Ländern aktiv.
KOMMENTAR Vertrauen entzogen
VON STEFAN SCHELPDirk U. Hindrichs und die Schüco International KG, das war über lange Jahre scheinbar ein und dasselbe. Nicht wenige Beobachter gingen gar davon aus, dass Hindrichs das Unternehmen gehörte. Weit gefehlt. Auch wenn Kritiker meinten, er agiere manchmal wie ein Sonnenkönig, arbeitete Hindrichs doch im Auftrag der Fuchs-Gruppe. Und die hat ihm nun offenbar das Vertrauen entzogen.
Über die Gründe kann man nur spekulieren. Die schwierige Situation auf dem Markt der Solarenergie dürfte aber wichtigster Auslöser der Trennung sein. Hindrichs hatte das Unternehmen sehr stark auf die Kraft der Sonne ausgerichtet. Den Anteil der Photovoltaik am Umsatz hat er ein ums andere Mal stolz hervorgehoben, Metallbau und Kunststoff traten da - zumindest rhetorisch - weit in den Hintergrund.
Hindrichs wird den Ostwestfalen erhalten bleiben. Als Präsident des Industrie- und Handelsclubs bleibt er auf der Bildfläche. Und dass er sich mit 57 Jahren zur Ruhe setzt, wird niemand ernsthaft glauben.
Wohin der neue Mann an der Schüco-Spitze das Unternehmen steuern wird, ist noch nicht ausgemacht. Aber an den neuen, politisch gesetzten Rahmenbedingungen in der Solarindustrie wird auch er nichts ändern können.
stefan.schelp@ihr-kommentar.de