Gütersloh/Köln. Eine Woche, ehe die RTL-Gruppe ihre Halbjahreszahlen vorlegen wird, geht die neue RTL-Chefin und Vorstandsfrau von Bertelsmann, Anke Schäferkordt, mit Interviews in die Offensive. Sie räumt zwar ein, dass der erfolgsverwöhnte Privatsender RTL Deutschland von Januar bis Juli 2012 noch mehr Marktanteile verloren hat als erwartet.
So sackten sie bei den 14- bis 49-Jährigen um fast zwei Prozentpunkte auf 16,5 Prozent. Doch als Schwäche des Senders will die Managerin dies nicht verstanden wissen. Sie habe schon im Dezember 2010 gesagt, "dass auf ein Rekordjahr selten unmittelbar ein weiteres folgt", betonte Schäfercordt gegenüber dem Medienmagazin Horizont.
Was Schäferkordt damals nicht wusste: Auf das Spitzenjahr 2010 mit einem Marktanteil von 18,1 Prozent folgte ein noch besseres Jahr 2011 (18,4 Prozent). 2012 sieht die Fernsehwelt anders aus. Die Konkurrenz wächst, und in der digitalen Medienwelt entstehen immer neue Sender. Was die Bertelsmänner, die 92,3 Prozent der RTL-Gruppe halten (sie gilt als Cashcow des Gütersloher Medienkonzerns) aber besonders ärgern dürfte: Pro Sieben, die Nummer zwei im deutschen Fernsehen, hat im selben Zeitraum nur 0,2 Prozentpunkte seiner Marktanteile abgegeben. Damit ist der Abstand zum Marktführer RTL von 7,1 auf 5,1 Prozentpunkte geschrumpft. Selbst ARD und ZDF legten dank Fußball-EM und Olympia zu. Bei den ab dreijährigen Zuschauern führen ZDF (12,9 Prozent) und ARD (12,5) vor RTL (12,4).
Schrumpfende Marktanteile müssen sich nicht unbedingt in sinkenden Werbeeinnahmen widerspiegeln, hält Schäferkordt dagegen. 2011 steigerte RTL Deutschland (dazu gehören auch Vox, n-tv, RTL Nitro und 50 Prozent von Super RTL) zwar den Umsatz um 1,1 Prozent auf 1,9 Milliarden Euro und erzielte so fast ein Drittel des Gesamtumsatzes der RTL-Gruppe (5,8 Milliarden Euro) sowie 46,6 Prozent des operativen Gesamtgewinns (Ebita). Doch das Ebita sank zugleich um 4 Prozent auf 529 Millionen Euro. Für Schäferkordt ein Indiz dafür, dass 2012 der operative Gewinn nicht zwangsläufig sinken muss. Immerhin räumte ProSiebenSat.1 ein, im ersten Halbjahr Werbeanteile verloren zu haben.
Mit neuen Shows (Bei "Total Blackout" müssen Promis im Dunkeln Aufgaben lösen), neuen Serien, aber wenig eigenproduzierten Filmen und alten Klassikern wie "Die Traumhochzeit" und "Dallas" soll RTL künftig punkten, wie Schäferkordt schon vor der Pressekonferenz verkündete. 2013 soll der Kölner Privatsender ARD und ZDF wieder überholen. Das Programmbudget blieb 2012 stabil. Die RTL-Chefin räumte mit Blick auf den Werbemarkt ein: "Um einen weiteren richtig großen Schritt zu machen, müsste man in für Vox neue Genres investieren." Doch dies sei zunächst nicht geplant. Über Investitionen entscheidet die Gütersloher Zentrale, wo sich in vier Wochen die Führungskräfte treffen.