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27.11.2012
4. Ostwestfälischer Innovationskongress: Mut zum Risiko ist gefordert
Aus Fehlern wird man innovativ
VON MARTIN KRAUSE

Bielefeld. Wer neue Wege sucht, kann sich leicht verlaufen. Und wer in der Wirtschaft neue Produkte oder Prozesse ausprobiert, hat große Chancen, einen Flop zu landen. Unter 100 Innovationsversuchen gebe es nur 6 Erfolge, sagte der Bochumer Innovationsforscher Bernd Kriegesmann gestern in der Industrie- und Handelskammer in Bielefeld.

Die Region OWL darf als eine Hochburg der Innovationen gelten. Das IT-Spitzencluster zum Beispiel ist im Kern nichts anderes als eine Reihe ambitionierter Innovationsprojekte.

Aber Forschung und Entwicklung ist keine Einbahnstraße: "Keine Innovation ohne Risiko", sagte Wolf D. Meier-Scheuven, IHK-Vizepräsident und Chef des Bielefelder Kompressorenherstellers Boge, schon zum Auftakt des 4. Ostwestfälischen Innovationskongresses. Gleichzeitig sei die Angst vor Misserfolgen ein Innovationskiller. Denn um Neues zu entwickeln, müssten zwangsläufig Fehler gemacht werden. Und weil Fehler meistens nicht belohnt werden, müsste das Fehlermachen geradezu gelernt werden.

Mit einem Ausflug in die Geschichte der britischen Marine illustrierte Stefan Weißflog, woran es bei Innovationsprozessen häufig hapert. Weißflog, selbst Inhaber der Bad Oeynhausener Firma Avedera, die Beratung zur Unternehmenskultur anbietet, erinnerte an jährlich 5.000 Todesfälle, die auf britischen Schiffen bis über das Jahr 1600 hinaus durch die Mangelkrankheit Skorbut verursacht worden seien. Zwar habe ein gewisser Kapitän Lancaster nach der Kaperung eines Handelsschiffes mit Zitrusfrüchten schon 1601 die Erfahrung gemacht, dass seine fortan mit Zitronensaft genährten Matrosen keinen Skorbut mehr bekamen.Aber bis zum Jahr 1636 habe es gedauert, bis erste Empfehlungen ausgegeben wurden, Zitronensaft auf Reisen mitzunehmen. Noch länger, nämlich bis 1795, habe es bis zu einer entsprechenden Anweisung der Kriegsmarine gedauert. Erst 1865 habe auch die britische Handelsmarine die Vorschrift übernommen. Weißflogs Schlußfolgerung: Eine Million Matrosen könnte gestorben sein, weil aus einer vorhandenen Erkenntnis zu langsam gelernt worden sei.

Für Innovationen brauche es also nicht nur Ideen und Kreativität, so Weißflog, sondern auch die Fährigkeit, zu lernen. Und Fehler und Irrtümer seien besonders lehrreich: Der Entdeckung des Penicillins zum Beispiel sei schlampige Arbeit bei einem Laborexperiment vorangegangen. Und die beliebten Haft-Notizzettel seien bei dem Versuch entwickelt worden, den stärksten Kleber der Welt zu erfinden.

Vorteilhaft für Innovationsfreude sei eine entsprechende Unternehmenskultur: "Wenn wir innovativ sein wollen, müssen wir Vorurteile überwinden", mahnte Weißflog.

Bernd Kriegesmann, Leiter des Instituts für angewandte Innovationsforschung der Uni Bochum, warnte vor leichtfertiger Fehlertoleranz. Industrielle Routinen sollten fehlerlos sein. "Wer fehlerhafte Produkte auf den Markt bringt, hat wohl ein paar Schleifen im Entwicklungsprozess übersprungen", frotzelte Meier-Scheuven.

Nur beim Ausbruch aus gewohnten Denkbahnen seien Fehler normal, so Kriegesmann. Die Risikobereitschaft sei oft vorteilhafter als die Strategie mancher Großunternehmen, die darauf setzen, erfolgreiche Ideen von kleineren Wettbewerbern zu kopieren: "Das machen dann alle. Und die Folge sind Überkapazitäten" in vermeintlichen Zukunftsbranchen.



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