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23.12.2012
Hartmut Ostrowski geht neue Ziele an
Ein Jahr nach dem Abschied von Bertelsmann
VON STEFAN SCHELP

Er ist schmaler geworden | FOTO: WOLFGANG RUDOLF

Bielefeld. Die Vergangenheit hängt an der Wand. Hartmut Ostrowski mit Microsoft-Gründer Bill Gates. Hartmut Ostrowski mit EU-Chef Manuel Barroso. Hartmut Ostrowski mit der Kanzlerin. Und in der Mitte, silbern gerahmt, das Schwarzweißfoto des Bertelsmann-Patriarchen Reinhard Mohn.

Hartmut Ostrowski lässt die Bilder wirken. Und weist dann auf eine Fotografie am Rand. "Gucken Sie mal", sagt der Ex-Vorstandsvorsitzende des Bertelsmann-Konzerns. "Mein letzter Bertelsmann-Vorstand." Ostrowski lächelt verschmitzt. "Ab Januar sind nur noch zwei davon da." Alle anderen sind weg - Ostrowski inklusive. Vor einem Jahr hat der 54-Jährige dem Konzern den Rücken gekehrt.

Bereut hat er den Schritt nicht. "Mir geht es gut", versichert er. "2012 war ein schönes Jahr. Ich bin ruhiger geworden, ich fühle mich weniger belastet." So gesehen, ist Ostrowski nicht weg. Sondern wieder da. Als er Bertelsmann verließ, hieß es, er habe einen Burn-Out erlitten. "Ach", sagt er heute, "das ist ein dehnbarer Begriff." Er sei nicht zusammengebrochen, habe nicht am Tropf gehangen. "Aber gut ging es mir nicht. Ich habe immer wieder Medikamente nehmen müssen."

Distanz zwischen sich und Bertelsmann

Bewusst hat er nach dem Ende der fast 27 Jahre bei Bertelsmann einen scharfen Schnitt gemacht. Er hat Distanz zwischen sich und Bertelsmann gebracht - auch räumlich. "Ich war vier Wochen in der Südsee. In Vanuatu", erzählt er. Und weil sowieso niemand weiß, wo Vanuatu liegt, holt Ostrowski den Atlas hervor. "Eine kleine Inselgruppe, dreieinhalb Flugstunden von Sydney." Wie er ausgerechnet auf dieses Fleckchen Erde verfallen ist? "Das war in Berlin. In der Tiefgarage stand ein Auto mit einem Kennzeichen, das ich nicht zuordnen konnte. Ich hab’s nachgeguckt. Das Auto kam aus Vanuatu."

Die Neugier des damaligen Bertelsmann-Bosses war geweckt - und blieb auch seinen Sekretärinnen nicht verborgen. "Die haben mir zum Geburtstag einen Vanuatu-Reiseführer geschenkt." Den hat Ostrowski mitgenommen auf die Reise. "Vier Wochen Urlaub. So lange war ich noch nie am Stück im Urlaub." Kein Fernseher, kein Empfang beim deutschen Handy. Ganz allein. Auch am Geburtstag. "Die meisten Mails und SMS habe ich erst in Sydney bekommen." In früheren Urlauben war das Handy immer an - keineswegs nur für Geburtstagswünsche.

Die Einwohner von Vanuatu gelten als die glücklichsten Menschen der Welt, erzählt der einstige Top-Manager. Und ein Jahr nach dem Abschied von Bertelsmann gewinnt man den Eindruck, dass Ostrowski selbst eine ordentliche Portion dieses Glücks mitgenommen hat.

"Privatier" steht auf seiner Visitenkarte

"Ich hab keinen Schritt bereut", sagt er und lehnt sich zurück in seinem Büro mit Blick auf den Bielefelder Johannisberg. "Ich will genauso weitergehen." Genauso - das heißt vor allem, dass er nicht mehr angestellt arbeiten will. Das hat er auch auf seiner Visitenkarte vermerkt. "Privatier" steht dort. Nicht Manager, nicht Investor. Wobei Ostrowski keinesfalls untätig ist. Aufsichtsrat ist er bei Bertelsmann, die OWL-Familienunternehmen Nagel Group, Gundlach, Egeplast und Nobilia unterstützt er als Beirat. Außerdem ist er Senior Advisor bei der US-Investmentbank Greenhill.

Es heißt, Ostrowski habe rund zwei Millionen Euro von dem Geld, das er in seinen Vorstandsfunktionen bei Bertelsmann verdient hat, über seine Holding FHO (Familie Hartmut Ostrowski) in Startups investiert. An der Berufsakademie Hanse College war er schon vor dem Bertelsmann-Ausstieg beteiligt. Seither ist das Unternehmen Active Cross hinzugekommen, das Sportgeräte entwickelt und vertreibt, außerdem der Übersetzungsdienst Toptranslation.

Weiter ist Ostrowski beteiligt an einer Plattform für Werbung auf Smartphone-Apps sowie am Online-Lebensmittelhändler Emmas Enkel. Und ganz neu am Unternehmen 360Report, das Nachhaltigkeitsberichterstattung betreibt. Mit 4 bis 18 Prozent ist Ostrowski beteiligt, mit sechs- bis siebenstelligen Summen. "Das alles sind Unternehmen, die von jungen Leuten geführt werden." 2012 sei für ihn ein Jahr der Investitionen gewesen. "Und jetzt habe ich den Ehrgeiz, dass sich diese Investitionen auch gut verzinsen."

Ganz nebenbei weist Ostrowski darauf hin, dass kein Invest aus dem Medienbereich dabei ist. "Die Branche ist schwierig." Deshalb beneide er seinen Nachfolger auch nicht um dessen Job. "Alle sind gut beraten, Thomas Rabe Zeit zu lassen", sagt er. Natürlich habe er im Auge, was Rabe tue. "Dazu bin ich ja schon als Aufsichtsrat verpflichtet." Schwer falle es ihm nicht, an seiner alten Wirkungsstätte in Gütersloh aufzutreten. "Das waren schöne Jahre. Ich blicke ja nicht mit Grauen zurück. Wenn die ehemaligen Mitarbeiter einen mit einem Lächeln begrüßen, ist das doch ein schönes Signal."


"Immer auf Angriff"

Der TuS Dornberg ist Hartmut Ostrowskis große Leidenschaft. Seit vielen Jahren ist er Mäzen des Fußball-Oberligisten, hat viel Geld investiert. Die Dornberger sind mit den Arminia-Amateuren ranghöchster Amateurverein im Raum Bielefeld – wenn auch zurzeit nur auf dem vorletzten Tabellenplatz. "Ich bin gebürtiger Dornberger. Für mich ist das Engagement ganz normal", sagt Ostrowski. Fußball hat er früher selbst gespielt. "Im Mittelfeld, natürlich immer auf Angriff."



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