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26.01.2013
Firmen mit eigenem Ökostrom
Energieexpertin: Geschäftsmodell der Stadtwerke wird sich verändern
VON ANDREA FRÜHAUF

Sonnenkraft | FOTO: ANDREAS ZOBE

Bielefeld. "Die Energieversorgung wird durch die Energiewende immer dezentraler", prophezeit Claudia Kemfert, Energieexpertin des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung. Erneuerbare Energien würden häufig von mittelständischen Betrieben oder Privatleuten finanziert. Um sich vom Monopol der großen Energieversorger und deren Preisen unabhängiger zu machen, setzen Unternehmen auch in OWL vermehrt auf Eigenversorgung.

"Mittlerweile wird bis zu 23 Prozent des industriell verbrauchten Stroms schon selbst hergestellt", sagt Kemfert dieser Zeitung. Man werde daher mehr und mehr auf konventionelle Großkraftwerke verzichten können. Kemfert prophezeit: "Damit werden sich die Geschäftsmodelle auch von Stadtwerken verändern."

Eigenerzeugung ist en vogue: Jedes zehnte Unternehmen hat bereits konventionelle oder erneuerbare Kapazitäten aufgebaut, ein Viertel ist dabei oder überlegt diesen Schritt", lautet das Fazit des Deutschen Industrie- und Handelskammertages. Vor allem alternative Energien würden selbst erzeugt.
Info

Bielefelder Initiative

  • Die Bielefelder Initiative für Zukunftsenergie und Energieeffizienz (BIZE) gründete vor vier Jahren die Projektgruppe "Zukunftsenergien in der gewerblichen Wirtschaft", um die breitere Anwendung von Erneuerbaren Energien zu unterstützen. Unternehmen wie Wahl & Co und Goldbeck Solar zeigten früh Interesse.
  • Karl Krahn, der mit Wolfgang Smode, Ex-Chef der Bielefelder WEGE, das Projekt initiierte, sieht neben Geschäftsführern auch Arbeitnehmer(-Vertreter) in der Pflicht. "Betriebsräte müssen als Energieexperten qualifiziert werden." VW-Mitarbeiter in Emden gründeten gar eine Genossenschaft für eine Solaranlage. (fr)


"Es gibt so viele Firmendächer"

Professor Karl Krahn und Wolfgang Smode von der Bielefelder Initiative für Zukunftsenergie und Energieeffizienz wollen die Energiewende in Unternehmen voranbringen und Akteure (Betriebe, Stadtwerke, Gewerkschaften, Kreditinstitute, Handwerker) vernetzen. Smode, Ex-Chef der Bielefelder WEGE, hat viele Ideen: "Es gibt so viele Firmendächer. Selbst auf Deponien könnte man Photovoltaik-Anlagen installieren."

Der Bielefelder Mittelständler Wahl & Co. setzte bereits 2008 auf das Dach seines Warenumschlagterminals eine 1,5 Millionen Euro teure Photovoltaikanlage (385 kwp). Auch auf dem Dach der neuen Logistikhalle soll Strom aus Sonnenenergie erzeugt werden – die neue effektivere Anlage (160 kwp) koste nur noch gut 200.000 Euro, sagt der Geschäftsführer Jochen Wahl-Schwentker. Das Investmentment lohne sich trotz gesunkener Einspeisevergütung.

"In fünf Jahren wird Ökostrom billiger als konventioneller Strom sein", prophezeit er. Beide Anlagen produzieren eine halbe Million Kilowatt Solarstrom im Jahr. Der Stromverbrauch des Logistikunternehmens belief sich bisher auf eine Million Kilowattstunden. Je höher der Strompreis steige, desto attraktiver werde der Eigenverbrauch, um Kosten aufzufangen. Zudem wird Kraft-Wärme-Kopplung und Erdwärme genutzt.

Blockheizkraftwerke, wie sie neuerdings auch die Gütersloher Großbäckerei Mestemacher nutzt, nehmen laut Kemfert immer mehr zu. Auch der Bielefelder Baukonzern Goldbeck, der seine Pulver-Lackieranlage erweitern will, liebäugelt mit dem Kauf eines solchen Kraftwerks. "Für die Anlage brauchen wir Wärme", so der Energiemanager Thomas Eilers. Auch werde der Kauf einer Photovoltaikanlage für den Eigenverbrauch erwogen.

Einspeisevergütung höher als Stromkosten

Die bei Goldbeck installierten Solaranlagen gehören der Aurum Solar Verwaltungs GmbH in Hirschberg, an der Goldbeck beteiligt ist. Die Dachflächen hat das Familienunternehmen an Aurum vermietet. Aurum speist im Gegenzug den Ökostrom in die Fertigung am Stammsitz ein. Eilers: "Wir zahlen den normalen Strompreis an die Stadtwerke, die die Einspeisevergütung an Aurum weiterleiten." Die Einspeisevergütung sei noch höher als die Stromkosten.

Nach Ansicht von Kemfert werden Stadtwerke, aber auch Energieanbieter künftig nicht nur Strom verkaufen, sondern zunehmend auch Dienstleistungen, sprich flexible Lösungen zur Gestaltung des (dezentralen) Strommarktes anbieten. Schon heute gebe es Contracting-Modelle für Energieeffizienz, aber auch zum Erwerb von Kraftwerksteilen.

Die Stadtwerke Bielefeld haben mit mehreren Unternehmen Contracting-Verträge geschlossen. Sie stellen dem Bielefelder Unternehmen Mitsubishi HiTech Paper für die Dampfversorgung der Fabrik eine 34 Millionen Euro teure Gas- und Dampfturbinen-Anlage und betreiben sie. "Unsere Gaslieferung haben wir auf Wärmelieferung umgestellt", erläutert Christian Kracht (Stadtwerke). "Die Wandlung von Gas auf Wärme ist unsere Sache. Wir liefern zu einem bestimmten Preis Wärme und garantieren bei der Anlage einen Wirkungsgrad von 90 Prozent." Die Nachfrage nach Contracting wachse.

Der Gildemeister-Konzern, der seine entwickelten Sun Carrier, Wind Carrier und Batterien an gewerbliche Unternehmen verkaufen will, hat inzwischen einen Energieberater, der für Unternehmen Kosten und Nutzen alternativer Energien berechnet. "Wir bieten ganzheitliche Energielösungen zur Erzeugung, Speicherung und Anwendung für den Eigenverbrauch von Industriebetrieben", heißt es. Kemfert: "Der Markt ist in einem Prozess der Veränderungen."



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