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26.03.2013
Bielefeld
Bielefelder plant Produktion von Babymilchpulver
Lieferungen für den chinesischen Markt
VON JULIA GESEMANN

"Asiaten haben häufiger eine Laktoseunverträglichkeit als Europäer" | FOTO: JULIA GESEMANN

Bielefeld. Bis zu 21 Euro bezahlen Chinesen zuhause für ein Kilo deutsches Babymilchpulver. Billiger ist es, wenn sie es über Bekannte aus Deutschland beziehen. Das führt derzeit zu einer Verknappung von Babymilchpulver in deutschen Drogerien (diese Zeitung berichtete). Der Bielefelder Martin Wilke ist Vorsitzender der Vitamol-Arbeitsgemeinschaft und gibt Einblick in die Milchpulver-Produktion für Asien.

"Es sind nicht nur Chinesen aus oberen Schichten, die Pulver aus dem Ausland beziehen. Ärmere Menschen sparen dafür. Das ist es ihnen wert", weiß Wilke aus Gesprächen mit chinesischen Geschäftspartnern. Die Vitamol-Arbeitsgemeinschaft hat international 35 Mitglieder – darunter Schweizer Ingenieure, Maschinen- und Anlagenbauer in Dänemark und chinesische Großhändler. "Es sind alles Personen oder Firmen, die jeden Tag in der Babymilchpulverbranche arbeiten", sagt Wilke. Gemeinsam entwickeln sie neue Trocknungstechnologien für die Herstellung von Ei-, Babymilch- und Kamelmilchpulver. Vitamol verkauft die Ideen – oft mit Lizenzverträgen, "damit das geistige Eigentum bei uns bleibt", wie Wilke sagt.


Der gelernte Werkzeugmacher und Außenhandelskaufmann, spezialisiert auf Physik und Chemie, erklärt: "Babymilchpulver muss eine adaptierte Nahrung sein, muss also dem Fettgehalt der Muttermilch entsprechen." Um das zu erreichen, wird Magermilch mit einem Fettgehalt von 1,5 Prozent Fett weiter entfettet – das Ergebnis ist Milch mit 0,9 Prozent Fett. Wilke: "Das ist die Basis. Hinzu kommen Süßmolkepulver, das den Nährwert erhöht, pflanzliche Öle, Laktose und diverse Vitamine." Diese Milchmischung wird dann pulverisiert.

Keine weltweit einheitliche Produktion möglich

"Vor einem Jahr haben wir von zwei chinesischen Großhändlern erfahren, welche Probleme die Chinesen mit Babymilchpulver haben", sagt Wilke: "Die deutschen Babymilchpulver-Produkte basieren alle auf Rezepturen für Europäer." Und die sind für den chinesischen Markt eigentlich nicht geeignet. Es sei nicht möglich, Babymilch-pulver weltweit einheitlich zu produzieren – zu unterschiedlich seien die Anforderungen an die Inhaltsstoffe in verschiedenen Ländern. "Es gibt individuelle Rezepturen für den afrikanischen oder den arabischen Markt", sagt Wilke. "So hat die EU den Nährwert vor einiger Zeit verringert, China hat ihn erhöht." Zwar seien "große gesundheitliche Folgen bislang nicht bekannt", schaden könnte deutsche Milch chinesischen Babys aber durchaus. Das Problem: Asiaten haben häufiger eine Laktoseunverträglichkeit als Europäer.

"Speziell für den chinesischen Markt produzieren wir unter anderem hypoallergene Lebensmittel", sagt Jutta Bednarz, Sprecherin von Nestlé. Der weltweit größte Lebensmittelproduzent hat in seinem Werk in Biessenhofen im Ostallgäu seit 2011 die Produktionskapazität verdoppelt. "China ist mit Abstand der wichtigste Exportmarkt für hypoallergene Nahrung." Viel verkauft werde auch nach Australien, Thailand und auf die Philippinen.

Seit dem Melamin-Skandal – 2008 starben dabei chinesische Säuglinge – habe China eine staatliche Prüfkommission, so Wilke. "Die gibt vor, welche Rezeptur das Produkt haben muss." Seitdem werde importierte Ware beim Zoll geprüft. "Oft gibt es böse Überraschungen, denn die Rezepturen erfüllen meist nicht die chinesischen Anforderungen." Die Zolllager seien voll mit tonnenweise blockiertem Babymilchpulver aus Australien, Neuseeland, USA.

4 neue Standorte zur Verhinderung des grauen Marktes in Planung

Deshalb habe sich der graue Markt rasant entwickelt: "Schickt jemand aus Deutschland das Pulver per Post, geht das Paket vorbei an den staatlichen Prüfungen." Die Kommission prüfe derart kleine Mengen nicht. "Doch bei grau importierten Waren weiß niemand, wo sie wirklich herkommen", gibt Wilke zu bedenken.

Um das zu ändern, will Vitamol an vier Standorten – in Rostock, Frankfurt an der Oder, in Sachsen-Anhalt und Übach-Palenberg bei Aachen – kleine, flexible Betriebe errichten, unabhängig von Molkereien. "Wir sind mitten im Abschluss von Finanzverträgen mit den Investoren." Zu 85 Prozent sei die Umsetzung wahrscheinlich.

Drei der Standorte sollen nur für chinesische Großhändler produzieren. "Mit einer relativ geringen Produktionsmenge, um kontrollieren zu können." Ziel: Milch für unterschiedliche Zielländer in der Produktion getrennt zu halten, sodass es nicht zur Vermischung kommt. Zudem sollen neuartige Verpackungen mit Scan-Codes es leichtmachen, das Produkt zurückzuverfolgen – bis zur Kuh. "Die Chinesen wollen das", sagt Wilke. "Nur so schafft man Vertrauen."
     


Kamelmilch für arabische Babys

Im internationalen Vergleich sei Deutschland ein "Mini-Babymilchpulverproduktionsland", so Martin Wilke. "Die Global Player sind Amerika, Neuseeland und Australien."

Die neuen Vitamol-Standorte sollen "ausgelagerte chinesische Produktionsinseln" werden. Genauso wie die neuen internationalen Standorte in Österreich und in Bulgarien. "In China wollen wir keinen Standort, weil die Milchrohwaren nicht den Standards entsprechen", sagt Wilke. An der Zahl der Milchkühe scheitert es nicht, "sondern an dem sauberen Wasser". Bis zu 140 Liter trinke eine Kuh pro Tag. Ist das Wasser belastet, landen die Stoffe auch in der Milch. "Die Chinesen wissen, dass in Deutschland das Wasser sauber ist und vertrauen ,Made in Germany‘ blind."

Zukünftig sei der deutsche Markt eher uninteressant und bringe zu wenig Rendite, weil es immer weniger Kinder gebe. "Der arabische Markt ist die Zukunft." Da seien neue Produkte wie Babymilchpulver auf Kamelmilchbasis gefragt, weil Kuhmilch kaum vertragen wird. "Kamelmilch fehlt das Enzym, das Laktoseunverträglichkeit auslöst", sagt Wilke.(juge)



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