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04.04.2013
Paderborn
Wirtschaftsweise aus Paderborn glaubt an den Euro
Claudia Buch im Interview über Schuldenkrise und ihre Heimatstadt

Paderborn. Professor Dr. Claudia Buch ist die einzige Frau unter den fünf Wirtschaftsweisen, die der Bundesregierung jedes Jahr Prognosen über das Wirtschaftswachstum vorlegen. Ihr Abitur hat die heutige 46-Jährige am ehrwürdigen Theodorianum gemacht. Annika Falk sprach mit ihr über Eurokrise, Finanztransaktionssteuer und die Liebe zur Domstadt.



Frau Buch, Sie hatten eigentlich vor, Journalistin zu werden, haben zu Schulzeiten ein Praktikum bei der NW gemacht. Warum haben Sie sich von diesem Wunsch abgewendet?

CLAUDIA BUCH: Während des Studiums habe ich bei verschiedenen Zeitungen und Nachrichtenagenturen gearbeitet, aber es ist ein kurzlebiges Geschäft. Mich hat dann eher das Langfristige an der Forschung gereizt. Aber das Grundinteresse, Wissen zu vermitteln und Zusammenhänge zu erklären, ist geblieben und so hat mein Beruf etwas Ähnlichkeit mit dem Journalismus.


Sie haben Paderborn direkt nach dem Abitur verlassen, kommen aber immer wieder gerne zurück. Was verbinden Sie heute mit der Domstadt?

BUCH: Es ist das Heimatgefühl. Ich habe in verschiedenen Städten gelebt. Letztlich fühle ich mich aber meiner alten Heimat besonders verbunden. Der Kontakt zur Familie ist mir sehr wichtig. und ich kaufe in Paderborn auch gerne ein.


Als Sie 1985 Ihr Abitur am Theo gemacht haben, standen wirtschaftliche Kenntnisse noch nicht im Fokus. Welches Rüstzeug wurde Ihnen von der Schule trotzdem mitgegeben?

BUCH: In der Schule habe ich Mathematik sehr gerne gemacht. Das war ein Entscheidungskriterium für das Studium der Volkswirtschaftslehre, denn in diesem Fach wird analytisches Arbeiten mit wirtschaftspolitisch interessanten und relevanten Fragen verbunden. Geholfen hat mir aber auch die Kombination - aus einer humanistisch-kulturellen Ausbildung, in der Analytisches mit Sprachen wie Englisch und Latein verbunden wird. Grundsätzlich sollte Schule nicht nur ein sehr spezifisches Wissen vermitteln, sondern vielmehr einen Zugang dazu schaffen, sich selbst Wissen zu erarbeiten.


Es ist jetzt ziemlich genau ein Jahr her, dass Sie in den Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung berufen worden sind. War diese Entscheidung für Sie überraschend?

BUCH: Klar, denn die Entscheidung wurde kurzfristig getroffen, und man kann nicht damit rechnen, als Nächstes in den Rat berufen zu werden. Aber ich habe sofort und gerne zugesagt. Die Themen, die ich jetzt im Rat bearbeite, habe ich vorher schon in der wirtschaftspolitischen Beratung betreut. Ich war zuvor Vorsitzende des Wissenschaftlichen Beirats am Bundeswirtschaftsministerium. So ist mir der Übergang recht leicht gefallen.


Wofür sind die Prognosen des Sachverständigenrates wichtig?

BUCH: Die Prognosen des Rates liefern der Politik eine wichtige Größe, auf der viele wirtschaftspolitische Entscheidungen, zum Beispiel in der Finanzpolitik, aufbauen. Die Prognosen prägen zudem die mediale Wahrnehmung in der Öffentlichkeit darüber, was die Arbeit von Ökonomen ausmacht. Ein Vorwurf, der dem Fach häufig gemacht wird, lautet "Ihr prognostiziert die ganze Zeit, aber die Krise habt ihr nicht vorhergesehen." Das stimmt so nicht. Unser Ziel ist es auch, andere Themen, die längerfristiger und struktureller angelegt sind, in die Öffentlichkeit zu tragen. In einem Sondergutachten im vergangenen Jahr haben wir uns beispielsweise ausführlich mit der Eurokrise beschäftigt, im aktuellen Jahresgutachten entwickeln wir ein Modell für den Übergang zu einer Bankenunion.


Es war zwar vor Ihrer Amtszeit, aber gab es in den Gutachten vor der Krise konkrete Hinweise?

BUCH: Ja. Es wurde viel geschrieben über Risiken auf dem US-Immobilienmarkt und im Finanzsektor. Viele haben gesehen, dass etwas passieren könnte. Aber alle haben sich gleichzeitig schwer getan damit, ganz konkret Zeitpunkt und Ausmaß der Krise vorherzusagen, wie wir sie dann tatsächlich erlebt haben.


Muss man sich immer wieder eingestehen, dass die Prognosen eben nur Prognosen bleiben?

BUCH: Wer ehrlich damit umgeht, weiß, dass es Prognosen unter dem Motto "Nach bestem Wissen und Gewissen" sind - ebenso wie beim Wetter und Klima. Wir versuchen, unsere Modelle so gut wie möglich aufzustellen. Aber jede Prognose beinhaltet auch ein gewisses Maß an Unsicherheit, und das kann sicherlich noch deutlicher kommuniziert werden.


Berücksichtigt werden müssen in Zukunft auch die Auswirkungen der Finanztransaktionssteuer. Reichen die Steuersätze Ihrer Meinung nach, um die Finanzmärkte einzudämmen?

BUCH: Ich halte die Finanztransaktionssteuer für zu wenig zielgerichtet, um Banken und Finanzmärkten zu stabilisieren. Dieses Ziel kann besser dadurch erreicht werden, dass man Banken zwingt, mehr Eigenkapital zu halten. Ein höheres Eigenkapital macht Banken resistenter gegenüber Schocks und hilft, Anreize richtig zu setzen. Da sehe ich bei der Finanztransaktionssteuer zu wenig Lenkungswirkung. Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass wir in Europa bessere Mechanismen bekommen müssen, um mit Schieflagen vor allem von großen Banken besser umgehen zu können. Hierzu fehlen in vielen Ländern und auf zentraler europäischer Ebene noch die nötigen rechtlichen Rahmenbedingungen. Auch verursacht die Restrukturierung von Banken Kosten, die zum Teil durch eine Bankenabgabe gedeckt werden können, zum Teil aber fiskalisch aufgebracht werden müssen.Banken müssten also besser beaufsichtigt werden. Sie sagen aber, dass alles unter dem Dach der EZB nicht funktionieren wird.

Karrierefrau | FOTO: MARC KÖPPELMANN

BUCH: Hieraus entstehen Interessenskonflikte. Die Geldpolitik muss getrennt sein von Aufsichtsfragen, denn diese verursachen sehr schnell auch fiskalische Kosten. Etwa stellt sich die Frage: Muss eine Bank mit Steuermitteln gerettet werden?


Die Eurokrise ist noch nicht ausgestanden. Ist es sinnvoll, immer neue Hilfspakete nach Griechenland zu schicken, um das Land zu retten?

BUCH: Ich glaube, dass die Kombination aus Hilfen und Forderungen sowie Vorgaben für die Wirtschaftspolitik eine sinnvolle Strategie ist. Über Details lässt sich streiten, aber ich sehe keine Alternative. Strukturreformen dauern eben. Eine bessere Exportfähigkeit muss aus den Unternehmen kommen. Wir wissen, dass es nur die großen und sehr produktiven Unternehmen schaffen, sich erfolgreich auf den Weltmärkten zu behaupten. In vielen der Krisenländer gibt es aber diese großen Unternehmen oft nicht. Der nötige Wandel braucht sehr viel Zeit.


Muss man in diesen Ländern noch mehr investieren?

BUCH: Es wäre toll, wenn wir Bedingungen schaffen könnten, damit die Unternehmen aus Ländern wie Deutschland dort investieren würden. Denn Investitionen internationaler Unternehmen transportieren auch Wissen - und das erhöht die Produktivität.


Und was kann der öffentliche Sektor machen?

BUCH: Das ist die große Schwierigkeit. Ich glaube, dass die Möglichkeiten, über eine expansive Fiskalpolitik etwas zu erreichen, sehr begrenzt sind. Es ist richtig, fiskalisch zu konsolidieren und Schuldenbremsen einzuhalten. Nur müssen wir diesen Weg so gestalten, dass die politische Akzeptanz dabei nicht auf der Strecke bleibt.

In Paderborn arbeiten Ingenieure aus Spanien, Italien und Portugal, bald kommen Krankenschwestern aus der Partnerstadt Pamplona. Ist dieser Austausch an Arbeitskräften auch ein Schritt zur Stabilisierung Europas?

BUCH: Auf jeden Fall, auch wenn er nicht die ganze Lösung sein kann. Mehr Mobilität und eine Willkommenskultur hinzubekommen, ist wesentlich, damit beide Seiten profitieren.


Sind Sie überzeugt, dass der Euro überleben wird?

BUCH: Ja, die Politik tut alles, um den Euro stabil zu halten. Allerdings trägt derzeit die Europäische Zentralbank einen zu großen Teil der Lasten. Wir müssen es schaffen, die EZB zu entlasten, damit sie sich allein ihren eigentlichen Aufgaben in der Geldpolitik widmen kann.


  • Nach dem Abitur am Theodorianum studierte Claudia Buch Volkswirtschaftslehre in Bonn und Wisconsin.
  • Danach forschte sie in New York und Michigan, promovierte in Kiel. 
  • 2004 übernahm sie den Lehrstuhl für Wirtschaftstheorie an der Uni Tübingen. 
  • Buch ist im Wissenschaftlichen Beirat beim Bundeswirtschaftsministerium. Sie hatte 2008 bis 2012 den Vorsitz inne. 
  • Vor einem Jahr wurde sie von Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler in den Sachverständigenrat berufen als Nachfolgerin von Beatrice Weder di Mauro. (faa)

Kommentare
was sollten waisen, politiker & andere marionetten auch sonst sagen ??

auf zypern kann man im kleinen schon mal vorab hineinschnuppern und beobachten, wie es läuft, wenn ein staat pleite geht.

@Nichtraucher

Das Problem ist da - und zu verdanken haben wir´s Rot-Grün!

Die SPD hat doch den Stabilitätspakt zerstört, Griechenland in den Euro aufgenommen und die US-Schuldenkrise nach Europa geholt (Hedgefonds). Letztes Jahr wollten sie noch Eurobondes etc. Wenn die unser Land anvertraut bekommen, dann rette sich, wer kann!

Und das geht auch durch alle weiteren Bereiche: SPD-Mitglied Rürup hat doch erst zuletzt bei der Veranstaltung "10 Jahre Agenda 2010" erklärt, wie das damals alles lief. Und zugleich stellte er die Frage: "Wo stände die SPD heute, wenn sie nicht die Rentenpolitik Kohls rückgängig gemacht hätte, um sie Jahre später wieder einzuführen?!" Schröder hatte 1998 durch einen schmutzigen, polemischen Wahlkampf mit seiner Mutter im Arm der Regierung Kohl in der Rentenpolitik "Unanständigkeit" vorgeworfen. Jahre später gestand er die Rücknahme dieser Politik als "größten Fehler" ein. Die Agendapolitik hätte niemals so hart ausfallen müssen, wenn man zuvor pragmatisch regiert statt populistisch wahl-gekämpft hätte (Rente, Agenda, Mehrwertsteuer etc. sind doch nur einige der Ergebnisse falscher Wahlversprechen!)!

Die falsche Erwartungshaltung durch überzogene Wahlversprechen war der Grund, warum sich bisher die SPD bei jeder Regierungsbeteiligung gespalten hat (Grüne unter Rot-Gelb, WASG/Linke unter Rot-Grün). Und genau wie Schröder leidet nun auch Hollande in Paris unter den schlechtesten Umfragewerten wegen seiner Wahllügen! Selbst die SPD fordert angesichts des Desasters in Frankreich inzwischen nicht mehr lautstarkt die gleichen Rezepte wie Hollande in seinem Wahlkampf - nur noch insgeheim!

Und um dazu noch einen weiteren SPD-Mann zu bemühen, verweise ich auf Müntefering, der feststellte, das Soziale Gerechtigkeit auf hohem Niveau eben nur durch ein hohes Niveau erreichbar ist, wofür man eben eine funktionierende Wirtschaft braucht.

Der Steuerzahlerbund hat derweil festgestellt, dass die SPD-Pläne zur Steuer auch Alleinerziehende, Familien und Sparer belasten würden!

Also wird das Volk so sehr wie nie zuvor in diesem Herbst über seine Zukunft zu entscheiden haben: SPD oder doch die Chance auf Rettung in der Krise!

Der € muss noch mindestens bis 2020 durchhalten. Dann kriege ich meine Lebensversicherung raus. Wenn ich allerdings die Artikel in der NW über die Spardebatte in Bielefeld tagtäglich so verfolge, und gleichzeitig sehe, wie Lokalpolitiker der Ampelkoalition hier so agieren, erwachsen mir diesbezüglich neuerdings doch ernsthafte Zweifel an der Sicherheit unserer Ersparnisse und an der Politik im Ganzen. Wenigstens bin ich mir sicher, dass Arminia im Jahre 2020 noch bestehen wird. Schließlich hat Arminia viele wirkliche Freunde und Gönner, während öffentliche Haushalte auf der anderen Seite quasi aus ihrem Inneren heraus durch Politiker ausgesaugt werden. Nach dem Motto: Die Sintflut? Von mir aus, aber bitte erst nach meiner Amtszeit.

Der Wahnsinn besteht nicht in Leichtgläubigkeit. Die meisten ahnen sehr wohl sehr vieles.... Sie haben aber entweder nicht gelernt oder verlernt zu handeln.... Die wenigsten äußern sich....

Wahnsinn diese Leichtgläubigkeit.
Sehteuch auf Youtube das bitte an: "Zypern ist nur der Anfang ! Der Raubzug hat begonnen spätestens 2018 ist Schluss" von Prof. Sinn.



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