Durch Zufall wurde sie vor knapp vier Jahren entdeckt: die mittelalterliche Mikwe von Erfurt. Seit vergangenem Herbst ist dieses jüdische Ritualbad saniert und zu besichtigen. Zusammen mit dem Museum Alte Synagoge präsentiert die Stadt nun neben jüngeren Zeugen jüdischer Kultur zwei besonders wertvolle und aussagestarke Bauwerke aus dem Mittelalter.
Die Mikwe aus dem 13. Jahrhundert war bei Bauarbeiten am Ufer des Flüsschens Gera bei der bekannten Krämerbrücke zutage getreten. Die Archäologen hatten sie zwar dort vermutet, aber sich irgendwie schon damit abgefunden, sie niemals mehr zu entdecken. Dann brach fast am Ende der Grabungszeit ein Gewölbe ein und offenbarte einen Schatz: eine ungewöhnlich alte und ungewöhnlich geräumige Mikwe. Sie wurde freigelegt, saniert und mit einer schützenden baulichen Hülle umgeben. Die Kostbarkeit war aus dem Verborgenen geholt worden, ohne sie ans Licht zu zerren.
Und so steht man zwischen jenen alten Steinen im Halbdunkel und versucht in Gedanken, die Zeit um Jahrhunderte zurückzudrehen: Eine Frau tritt ein, legt ihre Kleidung und allen Schmuck ab, löst die Haare, wärmt sich noch kurz am kleinen Feuer im Vorraum, stellt ihr Lämpchen in die Nische des Mauerwerks und steigt die sieben Stufen hinab ins mit eisigem Grundwasser gefüllte Becken. Wovon muss sie sich reinwaschen? Vom Blut einer Entbindung, der Menstruation oder der Krankenpflege? Oder will sie morgen heiraten? Unter den Blicken der Badedienerin taucht sie vollkommen unter. Nur ihre langen Haare schwimmen noch auf der Wasseroberfläche. Nun ist sie rein und darf wieder in die Synagoge.
Älteste bis zum Dach erhaltene Synagoge in Mitteleuropa
Auch diese Synagoge steht in Erfurt noch. Vor dem Jahr 1100 errichtet, gilt sie als die älteste in Mitteleuropa, die noch bis zum Dach erhalten blieb. Auch sie musste vor ihrer Rückkehr ins öffentliche Bewusstsein und in die Reihe außergewöhnlicher Erfurter Bauwerke erst wiederentdeckt werden. Schon Ende der 80er Jahre bemühte man sich, die Synagoge zu finden. Ab 1992 erfolgten systematische Untersuchungen des Baus. Ende der 90er Jahre begann die Restaurierung. Den Experten gelang es – als blättere man in einer Chronik –, alle Kapitel der vergangenen neun Jahrhunderte aufzuschlagen. Ein Lichtergesims und die im Erdgeschoss zusammengetragene Baugeschichte erinnern an die ursprüngliche, religiöse Nutzung.
Von Erweiterungen und Umbauten des Bethauses erzählen das Mauerwerk und Maßwerkrosetten, von der Zeit als Speicher die gotischen Balkendecken, die Toreinfahrt und der Keller. Im Obergeschoss ist der Ballsaal des 19. Jahrhunderts noch erlebbar. Aber nicht allein das Gebäude ist sehenswert. Es präsentiert als Museum Alte Synagoge Erfurt in den Kellergewölben einen jüdischen Schatz. Dessen wertvollstes Stück ist ein filigraner Hochzeitsring.
Manche Kapitel der Geschichte des Schatzes können die Archäologen und Restauratoren inzwischen erzählen. Auch die von vor 660 Jahren, als der Geldhändler Kalman von Wiehe den Hochzeitsring zusammen mit anderen Schmuckstücken in einen faustgroßen silbernen Doppelkopf gepresst, in Leinen gewickelt und unter seine Kellertreppe gestopft hat. Er ahnte wohl, welch Grauen der jüdischen Gemeinde Erfurts bevorstand. Seine Angst vor einem Pogrom bewahrheitete sich. Am 21. März 1349 überflutete eine Woge der Gewalt und Zerstörung das Viertel. Die jüdische Gemeinde wurde für lange ausgelöscht.
Mit Audioguides der Erfurter Geschichte lauschen
Seit seiner Eröffnung 2009 strömt reichlich Publikum ins Museum Alte Synagoge Erfurt. Es lauscht den Audioguides oder Expertenführungen und lässt sich mitnehmen in ein fernes, bislang wenig beleuchtetes Kapitel Erfurter Geschichte. Seit September 2011 ist auch die Mikwe in die Synagogenführungen eingebunden beziehungsweise eine Station auf Stadtrundgängen zur jüdischen Geschichte Erfurts. Wer sich keiner Gruppe anschließt, kann zumindest oberhalb der Synagoge in den Schutzbau treten und über ein Fenster in das Bad hinabschauen.