Ein Handy bimmelt – ausgerechnet jetzt, wo die Yogalehrerin mit sanfter Stimme die Wellen der Schönheit heraufbeschwört. "Ist wahrscheinlich eh zu spät mit der Schönheit", kommentiert Angelika. Sechs Frauen, alle zwischen 40 und 50, probieren gerade Hormon-Yoga aus. Dies gehört zu einem neuen Wellness-Programm im bayerischen Bad Kohlgrub speziell für Frauen, die vom Alltagsstress abschalten wollen. "Balance für mich" lautet der Titel. Dabei geht’s darum, das innere Gleichgewicht zu finden, sich ein paar Tage lang auf den eigenen Körper und Geist zu konzentrieren und diese neue Gelassenheit möglichst in den Alltag mitzunehmen. Am Anfang steht das Moorbad – sowohl für uns als auch für Kohlgrubs Karriere als Kurort. Moor ist ausgesprochen vielseitig. Es soll bei unerfülltem Kinderwunsch helfen (Stichwort Moor-Babys) und später dann gestresste Mütter entspannen (Stichwort Doppelbelastung).
GUT ZU WISSEN
ANGEBOT
Wer sich ein bisschen Zeit nehmen und entspannen will: 6 Tage "Balance für mich" inkl. Ü/F ab 499 Euro.
ANREISE
Mit dem Pkw oder Zug.
AUSKUNFT
Ammergauer Alpen GmbH, Tel. (0 88 22) 9227 40, www.ammergauer-alpen.de.
Unsere Gruppe, die die Pubertät ihrer Kinder glücklich überstanden hat, hofft auf Entspannung. Der Torf, der sich in Tausenden von Jahren aus Pflanzenresten im Hochmoor gebildet hat, wird am Ortsrand von Bad Kohlgrub gestochen und an die Kurhotels geliefert. Piet, im Schillingshof seit 40 Jahren der Mann fürs Moor, pflückt die stärksten Wurzeln heraus, anschließend wird der Torf mit Wasser verdünnt, in großen Kupferkesseln erhitzt und dann in Holzwannen gefüllt. Das Ganze sieht aus wie geschmolzene Zartbitterschokolade, schmeckt aber wahrscheinlich nicht so. Der Anfänger sinkt für 15 Minuten ins 37 Grad warme Moor, bei weiteren Anwendungen wird die Temperatur auf bis zu 46 Grad gesteigert. Vorsichtshalber bekommt man einen Herzkühler mit in die Wanne.
Die dickflüssige Masse umschließt den Körper. Es ist gar nicht so einfach, sich zu bewegen. Unwillkürlich fallen einem die Moorleichen ein, die in englischen Krimis bei dichtem Nebel auf Nimmerwiedersehen verschwinden. Der Gedanke verflüchtigt sich in der wohligen Wärme. Auch sieht Piet wie ein solider Ammergauer Landwirt aus und nicht wie ein hinterlistiger Mörder. Nach jedem Bad wird das wertvolle Heilmittel recycelt und zehn Jahre später wieder verwendet. Piets Großeltern haben den Torf einst unbekümmert im Kachelofen verfeuert.
Hormon-Yoga für Frauen in den Wechseljahren
Nächster Programmpunkt ist das bereits erwähnte Hormon-Yoga. Es soll die Hormonproduktion anregen und ist speziell für Frauen vor oder in den Wechseljahren gedacht. Trainerin Agnes (43) begreift diese Zeit des Umbruchs als Chance zum Neuanfang und Yoga als ideale Begleitung. Konsequenterweise sollte man zu Hause mit den Übungen fortfahren, am besten 30 Minuten täglich – mal sehen, ob der gute Vorsatz dem Praxistest standhält.
Beim Coaching am folgenden Morgen spricht Psychotherapeutin Brigitte Ilibagisa-Krüger zunächst vom "Hamsterradeln", von der Kopflastigkeit der Gesellschaft und vom Burn-out-Syndrom, das gute Chancen hat, zur Volkskrankheit des 21. Jahrhunderts aufzusteigen. All das hat man schon mal gehört. Beim Rollenspiel wird’s dann spannend. Wie vertrete ich meine Interessen am Arbeitsplatz? Eine von uns macht den Chef, die andere probiert verschiedene Varianten aus, eine Gehaltserhöhung durchzusetzen – zuerst noch zaghaft, dann forscher und zum Schluss auf die diplomatische Art.
Mit Norbert Parucha (58), nach Piet der zweite Mann beim Frauen-Wellness, wandern wir am nächsten Tag auf dem "Meditationsweg Ammergauer Alpen", und zwar den Abschnitt von Bad Kohlgrub nach Oberammergau. Insgesamt ist der Weg 85 Kilometer lang, er führt zu 15 Stationen, darunter Kirchen und Kraftplätze. Natürlich geht’s nicht ums Wandern allein, sondern darum, ganz bei sich zu sein, in der eigenen Mitte anzukommen, wie Norbert sagt. Hört sich erst mal ziemlich theoretisch an. "Nehmt die Dinge einfach mal ganz bewusst wahr, den Baum etwa." Das klingt schon konkreter.
"Lebt im Hier und Jetzt"
Zwischendurch zitiert er Sinnsprüche von Laotse und ein Gedicht von Rilke. Oder Norbert fordert zu bewusstem Schweigen auf – was einer Frauengruppe naturgemäß schwerfällt. Norbert selbst hat seine persönliche Balance gefunden, als er vor zehn Jahren seinen Job als Versicherungskaufmann aufgab und nun nach einer zweiten Ausbildung als Therapeut und gelegentlich als Wanderführer arbeitet. "Lebt im Hier und Jetzt, denkt nicht ständig daran, was ihr alles noch erledigen müsst", rät er uns. Eine Botschaft, die hoffentlich nicht verstummt, sobald man das nächste Mal die Mailbox abhört.