Schrift

23.06.2012
NIEDERSACHSEN
Spiekeroog: Reif für die Insel
Keinen Autoverkehr, dafür einsame Dünenstrände
VON SYBILLE BOOLAKEE

Entspannt mit Hut

Im "Blanken Hans" wird die letzte Runde Skat gedroschen. Dann zieht einer der vier Männer seine Mundharmonika aus der Tasche, und mit kräftigen Männerstimmen werden das Meer und natürlich "mien Deern", die Liebste, besungen. Doch bald leert sich die urige Kneipe, und die Insel fällt in tiefen Schlummer. Auf Spiekeroog gehen nicht nur die Insulaner mit den Hühnern ins Bett, sondern auch die zahlreichen Urlauber. Das Inselparadies in der Nordsee ist nur sechs Kilometer vom Festland entfernt, doch eine kleine Welt für sich. Dort haben Ruhe und Natur Vorrang.

Die Spiekerooger wollten nie ein zweites Sylt werden und haben es früh verstanden, ihre dörfliche Idylle zu bewahren. So gibt es auf der Insel keinen Autoverkehr, keinen Flughafen, und selbst Fahrräder sind nicht gern gesehen. Es gibt auch keine Hochhäuser, sondern schöne alte Friesenhäuser mit grünen Wintergärten, grünen Türen, grünen Fensterläden und grünen Zäunen. Überall auf der Insel gedeihen Wäldchen, die von den findigen Insulanern seit dem 19. Jahrhundert angepflanzt werden. Und die vielen Linden, Ulmen und Kastanien spenden den Cafés und Teestuben, an denen das muntere Inselleben vorbeizieht, wohltuend Schatten.

Hinter Rosenbüschen versteckt sich die alte Inselkirche, die 1696 erbaut wurde. "In der ganzen Kirche finden Sie Hinweise auf das Meer und sogar Meeresbewohner. Sehen Sie sich mal um", lädt verschmitzt die Gäste- und Nationalparkwattführerin Anja Sander die Teilnehmer bei der Dorfführung zur Suche ein. Tatsächlich: Segelschiffe baumeln unter der Sternenhimmeldecke – die sieht jeder, und die alte Kogge in den Glasfenstern fällt auch sofort auf. Doch die gut versteckten Krebse und die Queller, Pflanzen der inseltypischen Salzwiesen, die ebenfalls die Fenster schmücken, entdecken nur die Kinder.

Ortschaft kauert hinter hohen Dünen

Dass Familien die Insel ganz besonders lieben, ist kein Wunder. Die Kleinen können sich dort sehr frei bewegen. Überhaupt gewöhnt man sich rasch an das autofreie Leben – keine Hektik, keine Abgase und kein Gehupe. Die wenigen Fahrräder auf der Insel gehören zumeist Insulanern. Die Wege zum Strand sind ohnehin größtenteils für Radfahrer gesperrt, einen Fahrradverleih gibt es auch nicht. Außerdem sind die Wege kurz, alles ist bequem zu Fuß erreichbar.

Sind wir überhaupt auf einer Insel? Muschelketten, exklusive Badeaccessoires, Bade-sandalen – alles, was zu einem Strandtag gehört, wird im Dorf Spiekeroog in hübschen Lädchen angeboten, aber von Meer und Strand ist dort nichts zu sehen.

Sicher geborgen vor Sturmfluten kauert die kleine Ortschaft hinter hohen Dünen. Das Wasser ist erst zu sehen, wenn man das dicht mit Sträuchern, Gräsern und Strandhafer bewachsene Dünengebirge im Norden der Insel erklommen hat. Was für eine Aussicht! 15 Kilometer weit erstreckt sich ein weißer Sandstrand entlang der ganzen Insel. Die Weite und Einsamkeit faszinieren, ebenso das ewige Wechselspiel von Ebbe und Flut und der hohe, weite Himmel. Wolkentürme bauschen sich, um gleich darauf vom Wind wieder fortgepustet zu werden.

"Verjüngen" ist das Zauberwort

Sofort möchte man zu einem langen Strandspaziergang aufbrechen. Die Luft schmeckt nach Wasser und Salz und prickelt auf der Haut. Mit jedem Atemzug tankt man salz- und jodhaltige Luft. "Direkt an der Brandungszone werden die salzhaltigen Aerosole besonders intensiv inhaliert", erklärt die Physiotherapeutin Ulrike Lux vom Kurmittelhaus. Allergiker wissen das schon lange. Wer die natürlichen Heilkräfte des Meeres noch intensiver nutzen möchte, der findet im Kurmittelhaus zahlreiche Thalasso-Anwendungen aus Meerwasser, Schlick, Salz und Algen.

"Meeresalgen enthalten viele Aminosäuren, Jod, Mineralsalze und Spurenelemente. Sie regen den Zellenaustausch an und verjüngen die Haut", empfiehlt Alexa Röhrkasten, während sie die grüne Masse vom Scheitel bis zu den Zehenspitzen aufstreicht. "Verjüngen" ist das Zauberwort, das vor allem die Damen überzeugt, die das Kurmittelhaus aufsuchen. Und es passt so schön zur "grünen Insel". Dick mit der grünen Meeresalgenpaste bestrichen und eingewickelt in warme Tücher, lässt man die Algen ihre Wirkung entfalten.

Nach dem reinigenden Meersalzmilchbad rundet Alexa, die ausgebildete Masseurin, die eineinhalbstündige Anwendung mit einer wunderbar entspannenden Massage ab. Danach fühlt man sich wie neugeboren und freut sich auf einen abendlichen Strandspaziergang – mit Sonnenuntergang. Und landet vielleicht noch auf einen Absacker im "Blanken Hans", der "besten Kneipe entlang der Nordseeküste", wie langjährige Spiekeroogurlauber versichern.


Schrift



Anzeige

NW-Leserreisen
Breslau-Lemberg-Krakau: Mit dem Classic Courier unterwegs
Unsere Leistungen: Fahrt im Sonderzug (1. Klasse od. Club-Abteil) ab/ bis Berlin Sitzplatzreservierung im 1. Klasse- oder Clubabteil 6 Übernachtungen... mehr


NW-Mobil
Renault Twizy: Das Äh-Auto
Der Renault Twizy macht keine Geräusche, dafür auf derStraße aber enormen Spaß – Zwei Plätze, 18 PS, null CO2-Ausstoß... mehr

Citroën DS5 Hybrid4: Alles außer gewöhnlich
Man werfe Coupé, Limousine, Van und Kombi in einen Mixer, und heraus kommt ein kruder Stilmix.... mehr

Audi Q3 2.0 TDI: Keine Überraschung
Der Audi Q3 2.0 TDI ist ein Vertreter der kompakten SUV-Klasse, der mit gewohnt guter Verarbeitung und Qualität überzeugt.... mehr

Audi A3 1.8 TFSI S-tronic: Was bin ich?
Der Audi A3 ist zwar von der Form her ein Kompakter, bewegt sich aber im Spannungsfeld zwischen Sport, Komfort und Luxus wie in der Oberklasse.... mehr

Mercedes-A-Klasse: Alles anders
Radikaler kann man ein Auto kaum verändern: Im Vergleich zum Vorgängermodell ist bei der aktuellen A-Klasse alles anders. Wir waren mit dem A250... mehr





Jobs bei der NW


Zeitungsdruck Rotationsdruck Rheinisches Format