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01.12.2012
BAYERN
Scheidegg - Grüner Genuss
An der Sonnenterrasse überm Bodensee
VON GERD S. KASELOW

Skeptischer Blick – ob das schmeckt? | FOTO: TVB SCHEIDEGG

Beim "Allgäuer Viagra", dem Samen von Brennnesseln, griffen die meisten ja noch mutig zu – zu unscheinbar sahen die kleinen schwarzen Gebilde aus. Als Djemila Rädler und Christine Giera die Teilnehmer des Wildkräuter-Abendessens nahe der Hütte Bromatsreute im Allgäuort Scheidegg aber aufforderten, doch ein paar Dutzend frische Blätter der ungeliebten Pflanze zu pflücken, war Schluss mit lustig. Keiner wollte sich im wahrsten Sinn des Wortes die Finger verbrennen. Dabei hatten die beiden liebevoll "Kräuterhexen" genannten Damen schon Blätter vom Spitzwegerich bereitgelegt: Sie wirken nicht nur bei Wespenstichen schmerzstillend.

Nach einem Aperitif "Wilder Hugo", bei dem je nach Jahreszeit Prosecco und Limettensaft mit Giersch, Gundermann, Veilchen, Gänseblümchen und Schlüsselblumen mit Holunderblütensirup gemischt werden, heizte das Holzfeuer hinter dem mit Kräutern, Likören, Sirup sowie Tellern und Bestecken gedeckten Tisch dem offenen Kessel darüber mächtig ein. In ihm kochten gesammelte und von den Teilnehmern der Wanderung "Wilde Kost" kleingeschnittene Kräuter, bis die Vorspeisensuppe fertig war. Bis dahin aber durfte man sich mit Wildkräuterpesto auf frischem Brot laben und sich am Mörser üben – Rosenblätter mit Zucker vermischen.

Bis zu sechs Gänge servieren die beiden Kräuterfrauen bei der rund fünf Stunden dauernden Veranstaltung zweimal im Monat. Zum Nachtisch warten dann vielleicht gekochte Engelwurzblätter mit Früchten und Sirup. Gesammelt werden je nach Jahreszeit zum Beispiel Huflattich, Beinwellblätter, Indisches Springkraut, Schafgarbe und der bei Gärtnern so ungeliebte Giersch. Aber noch nicht auf dem Weg zur Hütte. Die Wiesen, durch die man wandert, sind von Kühen der Bauern zu sehr gedüngt. Es wird erklärt, dass man diese Kräuter nicht verwenden kann und diese erst pflückt, wenn man sich der Hütte unterhalb einer Waldlichtung nur rund 150 Meter von der Grenze zum österreichischen Vorarlberg entfernt, in rein natürlicher, kuhfreier Umgebung genähert hat.

Auch wenn die gesunden Kräuter wenig zu neuem Hüftgold beitragen können, empfiehlt sich am nächsten Tag eine Wanderung rund um den heilklimatischen und Kneipp-Kurort, der als einziger in Deutschland den Zusatz "Premium Class" gleich zweimal trägt. Dabei darf man meist auf schönes Wetter hoffen, denn Scheidegg, oberhalb des Bodensees bei Lindau, wurde schon zweimal vom Deutschen Wetterdienst zum sonnenreichsten Ort Deutschlands gekürt (zuletzt 2011 mit 2.304 Stunden). Ausschlaggebend für viele sonnige Stunden ist die exponierte Lage des weit verteilten Ortes zwischen 600 und 1.000 Metern Höhe auf dem Pfänderrücken im Dreiländereck Deutschland, Österreich und der Schweiz.In früheren Zeiten sind die Menschen von Quelle zu Quelle gezogen, um Ruhe- und Weideplätze für sich und ihre Herden zu finden. Später wurden an den Quellen Kapellen gebaut. Da viele von ihnen heute noch um die Gemeinde im südwestlichen Zipfel Bayerns zu bewundern sind, gibt es die "Wege für Leib und Seele", die sogenannten Kapellenwege. 13 Gotteshäuser, darunter auch ein ökumenisches, laden meist fernab lärmender Straßen zum Entschleunigen ein – kilometerweite Blicke auf malerische Gipfel der Bregenzer und Allgäuer Bergwelt mit den Zweitausendern Kanisfluh und Mittagsspitze im Süden eingeschlossen. Der kleinere, 2,7 Kilometer lange Weg führt vorbei an sechs heiligen Stätten durch Scheidegg. Der große Kapellenweg verbindet sie auf 22 Kilometern alle. Einige der einstigen Pilgerstätten sind zwischen 500 und 1.000 Jahre alt, wie die Ulrichskapelle, die ein paar hundert Meter hinter der österreichischen Grenze bei Möggers zu finden ist. Oder die Annakapelle in Scheideggs Mitte, wo ein Opferstock aus dem 15. Jahrhundert ebenso zu bewundern ist wie eine Glocke von 1609 im Turm, die nach dem Zweiten Weltkrieg auch evangelische Flüchtlinge zum Gottesdienst rief, bevor sie ihre eigene Kirche bauen konnten. Geheimnisvoll taucht nicht weit davon entfernt die Lourdes Grotte in der Sonnstraße auf. Keine übliche Kapelle, sondern eine Gebetsstätte, die im Innern mit einer Kalkstein-Nachbildung die Marienerscheinung darstellt.

Nach vielen schwungvollen Wanderschritten ist es an der Zeit, wieder an etwas Nahrhaftes zu denken. Zum Beispiel den Allgäuer Käse. Wer sehen will, wie er produziert wird, muss sich in den Ortsteil Böserscheidegg begeben. Im Zentrum, dort, wo meist eine Menschenschlange vor dem Verkaufsraum zu finden ist, ist die Dorfsennerei zu Hause. Eine Genossenschaft von heute 15 Landwirten, deren Urgroßväter sich 1897 zusammengeschlossen hatten, um gemeinsam aus der Milch ihrer Kühe Käse herzustellen. Jeden Tag werden hier morgens und abends zwischen 3.500 und 4.000 Liter (zehn Liter ergeben ein Kilo Käse) angeliefert – ein Kleinbauer mit seinen zwei Kühen bringt zwischen 11 und 15 Liter sogar noch auf einem Handkarren.

"Wir machen auch heute noch Käse wie vor 100 Jahren nach alt überlieferten Rezepten. Und das alles in Handarbeit." Der junge Molkereimeister Helmut Pfanner, Herr über Hunderte von Käselaiben in den Regalen, ist nicht nur stolz darauf, wie seine Vorfahren arbeiten zu dürfen, sondern auch darauf, dass man mit der Käserei nach wie vor Geld verdienen kann.

In der Sennerei, die kostenlos besichtigt werden kann, spielt natürlich der Bergkäse, der nach drei Monaten in den Laden kommt, die duftende Hauptrolle. Inzwischen umfasst das Angebot aber auch Käsegenuss mit Blütenblättern, Bärlauch, Thymian, Bockshornklee, Kümmel, Chili sowie Pfeffer.

Demnächst auch Brennnesselkäse wie in den Niederlanden? "Warum nicht?", wagt Pfanner einen Blick in die Sennerei-Zukunft. Womit wir wieder bei dem brennenden Wildkraut wären. Die beiden Kräuterexpertinnen zupften schließlich von den fast mannshohen grünen Stängeln ein paar Dutzend Blätter – ohne das Gesicht auch nur einmal schmerzhaft zu verziehen. Stattdessen verwiesen sie darauf, dass fünf Gramm Brennnesselblätter so viele Inhaltsstoffe aufweisen wie ein Kopf Salat. Die Blätter wurden in Öl geschwenkt und schließlich als Chips auf den Tisch gestellt. Sie gingen nicht nur weg wie warme Semmel, sondern stellten auch das Allgäu-Viagra weit in den Schatten.


Kräuterrezept 

Zum Nachkochen: Wiesenknusper, 2 Eier, 100 ml Milch, 40 ml Mineralwasser, 1 Prise Salz, 100 g Mehl, Blätter und Blüten der Roten Lichtnelke, Klee, Margeriten, Wiesensalbei, Giersch, Schafgarbe. Eier mit Milch, Wasser und Salz verquirlen, das Mehl unterziehen. Den Teig 15 min. quellen lassen, nochmals kräftig aufschlagen. Blätter und Blüten der Wildkräuter durch den Teig ziehen und in heißem Butterschmalz von beiden Seiten goldbraun braten. Nach Wunsch kann man den Teig auch würzen. Für die Blätter zum Beispiel Pfeffer und Zitronenschale, für die Blüten Honig und Vanille.

Infos: Scheidegg-Tourismus, Rathausplatz 8, 88715 Scheidegg, Tel. (gratis) 0800 8899555, www.scheidegg.de, www.kaeserei-boeserscheidegg.de.


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