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29.12.2012
USA
Oregon, das verkannte Paradies an der Westküste
Amerikas rauer Norden
VON CARIN MÜLLER

Grüne Schönheit | FOTO: DPA

Oregon? Wo liegt das eigentlich? Und was zum Teufel soll ich da? Wie wäre es beispielsweise mit einer Wanderung durch eine der größten Dünenlandschaften der Welt? Alternativ könnte man auch die Drehorte der Twilight-Saga entdecken, sich in die Höhle der (See-)Löwen wagen oder Wale beobachten. Viele Wale. Sehr viele Wale! Mit der amerikanischen Westküste bringen viele Menschen meist nur Kalifornien in Verbindung. Wenn sie ein wenig länger nachdenken, fällt ihnen noch Mexiko im Süden und Kanada im Norden ein. Dass es aber US-Bundesstaaten gibt, die dazwischen liegen, hat kaum einer auf dem Radar. Was einerseits schade ist, anderseits Oregon zum Nimbus des Geheimnisvollen verhilft.

Von vielen Reisenden auf ihrem Weg zwischen Vancouver und San Francisco nur stiefmütterlich behandelt, sind die Staaten Washington und Oregon aber deutlich mehr als nur einen lästigen und langen Transit wert. Eine Tatsache, die auch unsere Reisepläne gehörig durcheinanderwirbelt, denn wir hatten exakt dies vor: möglichst flott durch Oregon zu kommen. Doch dann nimmt uns die Region, die von den Einheimischen mit vollem Ernst und ganz ohne Pathos als Paradies bezeichnet wird, von Tag zu Tag mehr gefangen. Außer uns sind hier vor allem Naturfreunde unterwegs, denen Kalifornien "too crowded and boring" ist.


Die Gefahr, dass es dort einerseits überfüllt oder aber andererseits langweilig werden könnte, ist praktisch ausgeschlossen. Dazu ist allein die 640 Kilometer lange Küste viel zu abwechslungsreich. Schroffe Felsen wechseln sich mit weiten Sandstränden, malerischen Buchten und imposanten Dünenlandschaften ab. Da die gesamte Küstenregion staatlich ist, dürfen Besucher sich auch überall frei bewegen. Verbotsschilder, wie sie in Kalifornien an vielen Stellen an der Tagesordnung sind, sucht man hier vergebens. Ein bisschen dekadent ist es schon, mit dem Auto über menschenleere Strände zu brettern, aber irgendwann können auch wir dem Reiz nicht widerstehen und jagen unseren Jeep über den Sand.

Zu Besuch bei den Seelöwen

Im Herbst und Winter könnte man auch den frischen Wind nutzen, um prima Drachen steigen zu lassen. Uns steht der Sinn aber mehr nach realen Tieren, daher fahren wir in Richtung Florence. Dort befinden sich die berühmten "Sea Lion Caves", eine der weltweit größten natürlichen Seelöwenhöhlen. Ein Aufzug bringt die Besucher in den riesigen kathedralenartigen Raum, den der Pazifik vor Urzeiten dem Stein abgetrotzt hat. Aber das Wetter ist zu gut, und daher sind die großen Robben entweder auf der Jagd unterwegs oder lungern am Strand in der Sonne herum. Sonst sieht es dort im Herbst und Winter häufig ganz anders aus. Dann herrscht Rushhour, wenn hunderte Tiere in dem Gewölbe Schutz vor der stürmischen Witterung suchen.Raue See kann dagegen den Grauwalen gar nichts anhaben. Das ganze Jahr über leben etwa 300 Tiere vor der Küste Oregons und lassen sich häufig sogar vom Strand aus beobachten. Uns sind Zufall und Glück in Depoe hold, wo sich drei Wale Fontänen sprühend in der Bucht tummeln. In den Wintermonaten sind rund 19.000 Tiere unterwegs, wenn sie im Dezember in ihr Winterquartier nach Mexiko wandern und im März zurück in die Beringsee. Tieregucken und die frische Seeluft machen hungrig. Gut, dass es im Giftshop der Sea Lion Caves eine üppige Auswahl an hausgemachtem Fudge gibt, Buttertoffees in kaum fassbarer Sortenvielfalt. Wir gönnen uns eine Portion "Maple Nut Fudge", gefühlte 5.000 Kalorien, aber köstlich. Wie übrigens das meiste Essen auf unserer Tour.

Auch kulinarisch wird etwas geboten

An der Küste drängen sich Fisch und Meeresfrüchte praktisch auf, und ab dem zweiten Tag sind wir süchtig nach "Chowder". Die dicken, sahnigen Eintöpfe gibt’s in vielen Variationen. Die besten essen wir in Lincoln City. In einem ganz kleinen, einfachen Laden namens "The Soup’s On" kocht Besitzer Joe Melton jeden Tag frische Suppen. Wir entscheiden uns für die klassischen Varianten "Clam Chowder" (mit Muscheln) und "Dungeness Crab Chowder" (mit Krabben). Ein Traum.

Überhaupt ist Oregon stolz auf seine kulinarische Tradition. Neben den Chowders lohnen sich auch ganz besonders Käse und Schokolade. Und zu allem passt erstaunlich gut der Wein aus der Region. Im "Nor’Wester Seafood" im Hafen von Gold Beach ganz im Süden Oregons genießen wir eine Flasche Riesling zu Wolfsbarsch mit Ofenkartoffeln und Garnelen-Pas-ta. So kann es weitergehen. Wer neben den Naturschönheiten und der gastronomischen Vielfalt noch Argumente braucht: In Oregon gibt es keine Mehrwertsteuer. Die lästige "plus tax"-Politik, die einem auf einem US-Trip schon mal gehörig die Budget-Kalkulation vermiesen kann, fällt hier weg. So macht das Shopping beispielsweise in der "Tanger Outlet Mall" von Lincoln City gleich noch einmal so viel Spaß.

Widerwillige Teenager lassen sich möglicherweise damit locken, dass die Vampir-Saga "Twilight" in Oregon gedreht wurde – obwohl sie in Washington spielt. Wie wäre es also mit einer spannenden Spurensuche durch geheimnisvolle düstere Wälder? Wir nehmen das nächste Mal in jedem Fall mehr Zeit mit, damit wir ausführlich auch Portland erkunden können.
Info: www.traveloregon.de.


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