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19.01.2013
Grossbritannien
Frühling auf schottische Art
Genussreise in den Norden der Insel
VON JÜRGEN JUCHTMANN

Castle Stalker | FOTO: JÜRGEN JUCHTMANN

Was haben Brad Pitt und Winston Churchill gemeinsam? Die Leidenschaft für Schottland! Der Schauspieler genoss Landschaft und Anonymität unter dem Motorradhelm auf kurvenreichen Bergstraßen, der britische Premier suchte vor allem die Ruhe.

Vier Jahreszeiten an einem Tag, im Frühling nichts Ungewöhnliches hier. Gerade noch trieb stürmischer Wind dicke Regenwolken über den grau-blauen Himmel, schon traktieren Sonnenstrahlen den Wasserdampf. Doch wieder gewinnt das Graue die Überhand, und ein schwerer Schauer prasselt herab. Minuten später erscheint ein fantastischer Regenbogen von 180 Grad vor der knallgrünen Wand des nächsten Berges. Am Applecross Pass warnt ein Schild: Nicht für Fahranfänger geeignet! Einspurig mit Ausweichstellen mäandert sich ein löchriger Asphaltstreifen vom Meer hinauf zur Passhöhe. Der Weg ist das Ziel, und immer wieder lenken phantastische Ausblicke hinunter ins Tal von der Straße ab. Hier werden sogar rasante Kradfahrer ganz zahm.

Info
Zur Anreise nach Schottland mit dem eigenen Auto nutzt man am besten die Fähre von Ijmuiden bei Amsterdam nach Newcastle. Nördlicher als die Reederei DFDS fährt keine andere Linie auf die britischen Inseln. Nach einer Übernachtfahrt mit Kreuzfahrtniveau erreicht man von Newcastle aus in wenigen Stunden schottischen Boden. Nach Ijmuiden fährt man von Ostwestfalen aus in etwa dreieinhalb Stunden. Die Reederei DFDS betreibt auch eine Fährverbindung zwischen Dünkirchen und Dover im Süden der britischen Insel, ebenfalls auf sehr hohem Niveau.
www.luxuryscotland.co.uk; www.dfdsseaways.de

Brad Pitt übernachtete letztes Jahr im Pool House, einem luxuriösen Gästehaus im Fischerdörfchen Poolewe. Das eher unscheinbar wirkende, direkt am Wasser gelegene Haus steckt voller Geschichte. Seniorchef Peter Harrison erläutert sie seinen Gästen eindrucksvoll. Der Familienbetrieb der Harrisons verfügt über sieben Suiten, von denen sechs nach britischen Kriegsschiffen benannt wurden. Eine erinnert an das deutsche Schlachtschiff Scharnhorst.

Dank des Folgstroms gibt es hier eine wunderbare Flora


Die Harrisons sind entfernt verwandt mit dem Kapitän der Titanic, Edward Smith. Eine der Suiten ist deshalb im Titanic-Thema eingerichtet – und Schauspielerin Kate Winslet war auch schon da. Ursprünglich gehörte das Pool House dem Landbesitzer Osgood McKenzie, der am Ufer des Loch Ewe einen der schönsten Gärten der Highlands anlegte, Inverewe Gardens. Dank des Golfstroms gedeihen hier Palmen, Eukalyptusbäume und riesige Rhododendren. Loch Ewe, ein Meeresarm des Atlantiks, war im Zweiten Weltkrieg Ausgangshafen für viele Schiffskonvois zur Unterstützung Russlands. Als ihr Hauptquartier requirierte die Marine damals das Pool House.

Durch den Fährhafen Oban fegen heftige Böen. Die Verkäuferinnen in einer grün lackierten Fischbude am Hafen wärmen sich mit einem Tänzchen zu einem ABBA-Medley auf. Ihre Schürzen flattern beinahe im Takt. Neben einer Reihe von Fischtrawlern liegt die "Hebridian Princess", ein ebenso kleiner wie feiner Kreuzfahrer. Nur 50 Passagiere reisen mit ihr durch die schottische Inselwelt.
Inverewe Gardens

Die britische Königin chartert die ehemalige Fähre gelegentlich für ein oder zwei Wochen, seit ihre Yacht Britannia in Edinburgh ausgemustert wurde. Abseits der Touristenpfade in dem winzigen Ort Port Appin findet sich ein gastronomisches Juwel: das Airds. Viele Besucher kommen wegen Chefkoch Robert MacPherson her, der in dem ehemaligen Fährhaus aus dem 17. Jahrhundert Feinstes aus Schottlands Speisekammern auf den Teller zaubert. In Port Appin kann man Fahrräder mieten und übersetzen zur Insel Lismore, wo die Wikinger zahlreiche Spuren hinterlassen haben.

Zurück auf der Hauptstraße, nähern wir uns Fort William und dem Ben Nevis, dem höchsten Berg Großbritanniens. Der hüllt sein Haupt wie so oft in Wolken. Doch zuvor noch ein Abstecher ins landschaftlich dramatische Tal von Glencoe, wo 1692 der MacDonald-Clan von den Campbells auf barbarische Weise massakriert wurde. Ein Besucherzentrum klärt über die Hintergründe auf. Wie die High Society in viktorianischer Zeit gelebt hat und heute noch lebt, erfährt man bei einem Abstecher zum Inverlochy Castle. Das elegante Schlosshotel, 1863 von Lord Abinger als Jagdsitz erbaut, bekam 1873 Besuch von Königin Victoria samt ihrem Vertrauten John Brown, was sie ausführlich in ihrem Tagebuch registrierte. Auch wer "nur" zum Tee kommt, wird hier behandelt wie ein Lord.

Single-Malt ist eines der bekanntesten Landwirtschaftserzeugnisse Schottlands


Zurück im Süden Schottlands, fallen viele Getreidefelder auf. Ein Großteil der Gerste dient der Whisky-Produktion. Eine Destille gehört zum Pflichtprogramm eines jeden Schottlandbesuchs. Manche Bars – etwa die des Torridon Hotel in Achnasheen – halten mehr als 350 Sorten edlen Single-Malts vor, der stets mit ein wenig Wasser und nur von Banausen auf Eis getrunken wird. Auch das Torridon, romantisch am gleichnamigen Loch (schottisch für See) gelegen, war ursprünglich ein Jagdschloss, erbaut vom Earl of Lovelace.

Zum Schluss ein Abstecher in den Südwesten Schottlands. Sternekoch Tony Pierce pflegt im Zehnzimmerhotel Knockinaam Lodge seine Kunst. Winston Churchill war schon zu Gast, als es noch keine Herberge war. Der britische Kriegspremier traf sich an diesem abgelegenen Ort während des Krieges mit General Eisenhower, um die Landung der Alliierten in der Normandie vorzubereiten. Seit mehr als zwei Jahrzehnten behauptet Chefkoch Tony Pierce seine Auszeichnung durch den Guide Michelin und das gehört wohl zu einem der bestgehüteten Geheimnissen Schottlands.


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