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23.02.2013
JAPAN
Höflich bleiben
Zwischen Tradition und Moderne
VON SIGRUN MÜLLER-GERBES

Kein Grund zum Lachen | FOTOS: SIGRUN MÜLLER-GERBES

Darf eine Geschichte, die Lust auf Reisen machen soll, mit dem Gang aufs Klo beginnen? Nur wenn es eines in Japan ist: beheizte Brille; eingebaute Sprühwäsche des Hinterteils; Spülungsrauschen vom Band auf Knopfdruck, das Körpergeräusche übertönt. Selbst an der Autobahnraststätte ist die Toilettenanlage Sinnbild fürs moderne Japan: für seinen Glauben an Fortschritt; seine Blitzsauberkeit; sein Bemühen um Diskretion und Rücksichtnahme. Und für sein Festhalten an Traditionen – gibt es doch zwischen all den High-Tech-Schüsseln auch stets eine Kabine im "Japanese Style": ein Loch im Boden.

Fortschrittsoptimismus: Ausgerechnet in dem so oft von Erdbeben geschüttelten Inselreich steht der welthöchste Fernseh- und Aussichtsturm. 634 Meter ragt der "Sky Tree" in Tokio in den Himmel. Seine endgültige Höhe erreichte er kaum eine Woche nach dem verheerenden Tsunami von Fukushima. Seit Eröffnung im Mai 2012 sind zwei Millionen Besucher im Fahrstuhl nach oben gesaust, 50 Sekunden bis zur oberen Aussichtsplattform. Der Rest ist Staunen. Ein Hochhaus drängt sich an das nächste, Straßenschluchten, so weit das Auge reicht, durchschnitten von Stadtautobahnen, die, um Platz zu sparen, auf Stelzen stehen.

Info

GUT ZU WISSEN

REISE: Japan lässt sich individuell erschließen oder in der Gruppe, etwa mit 9-tägiger Rundreise ab Tokyo. Bei Dertour – nach eigenen Angaben größter Japan-Veranstalter in Deutschland – ab 1.299 Euro pro Person.

FLÜGE:
Flüge nach Tokio und von Kioto zurück gibt es mit All Nippon Airways ab 933 Euro, von Frankfurt und München.

INFOS: www.gotokyo.org/de

Fremdenverkehrszentrale: www.jnto.de.

Tokio mit seinen 13 Millionen Einwohnern ist bunt, oft schrill, immer schnell. Und sauber. Hundehaufen, Kippen, Müll – nichts davon ist zu finden auf den Straßen. Mülleimer übrigens auch nicht. Wie das zusammengeht? Japaner stecken ihren Abfall ein und entsorgen ihn zu Hause. Wie gesagt: Blitzsauberkeit gehört zum Nationalcharakter. Tokio ist zudem erstaunlich leise. Nur wer einen Parkplatz hat, darf ein Auto anmelden. Entsprechend viele Fahrräder schlängeln sich durchs Gedränge. Geklingelt wird nicht. Ist auch unnötig – man weicht eben höflich aus. Japanischer Höflichkeit begegnet man auf Schritt und Tritt, im Winter besonders augenfällig in den vielen Gesichtern, die sich hinter Papiermasken verbergen. Sie sind weder der hilflose Versuch, sich vor Strahlenbelastung zu schützen, die in Tokio auch nicht höher ist als in Berlin, noch sind sie Folge der Furcht vor Ansteckung. Im Gegenteil: Wer verschnupft ist, trägt Maske, um Bazillen nicht weiterzuverbreiten. Rücksichtnahme in Reinkultur.


Selbst die Schaffner in Japan sind höflich


Höflich ist auch der Schaffner im Schnellzug Shinkanzen. Er betritt das Abteil, zieht die Mütze, verbeugt sich tief und bittet, einen Blick auf die Tickets werfen zu dürfen. Noch eine Verbeugung – und die Gewissheit: Hier würde man auch als Individualreisender nicht verlorengehen.
Weil’s so schön romantisch ist

In einer Reisegruppe ist alles nur ein bisschen einfacher. Etwa die Bustour ins abgelegene Höllental in den verschneiten Alpen, berühmt für die wilden Makaken-Affen, die sich hier in Thermalquellen aufwärmen. Menschen sind den putzigen Tierchen reichlich gleichgültig, und so lassen sie ungerührt lange Fotosessions einer Gruppe deutscher Hobby-Fotografen über sich ergehen.

Wieder per Bus geht es weit zurück in die Vergangenheit. Im UNESCO-Weltkulturerbe-Dorf Shirakawa-Go stehen strohgedeckte Gassho-Häuschen beieinander. Gassho, das heißt "Hände, zum Gebet gefaltet" – und so sieht es fast aus, wenn die Spitzdächer sich in den Winterhimmel recken. Vor sechs Jahren, erzählt Pensionswirtin Kyoyo Kimura, hat sie mit ihrem Mann beschlossen, in dessen Elternhaus im Dorf zu leben. Eine Weile hat sie daran gezweifelt, damals, nach März 2011, als von einem Tag auf den anderen die Touristen ausblieben. Inzwischen erholen sich die Zahlen.

Es strömen wieder Touristen nach Japan


Auch andernorts berappelt sich die Branche. Die Chinesen kommen wieder, die Südkoreaner, aus Europa die Geschäftsreisenden. 120.000 Deutsche besuchten im Jahr vor Fukushima Japan. Wenn der aktuelle Trend anhält, heißt es beispielsweise beim Reiseanbieter Dertour, ist man Mitte 2014 wieder beim alten Stand.

Das kulturinteressierte ältere Publikum ist Hauptzielgruppe für auf Japan spezialisierte Veranstalter. Schon weil die Reise ganz billig nicht ist. In erster Linie aber, weil Japan fürs Kulturpublikum besonders viel zu bieten hat. Etwa die großen Tempelanlagen in der Kaiserstadt Kioto. Mittendrin erläutert Zenmeister Takafumi Kawakami, was es auf sich hat mit der buddhistischen Lehre von der Konzentration auf den Augenblick: "Jeder Moment verdient es, wahrgenommen zu werden." Schmunzelnd berichtet er von Scharen westlicher Sinnsuchender, die verbissen den Lotussitz üben, um ja alles richtig zu machen bei der Meditation – "dabei braucht es nur eine bequeme Sitzposition, um innere Ruhe zu finden".

Auf so pragmatischen Umgang mit Religion trifft man oft: Morgens ziehen Brautpaare hoch zeremoniell durch Shinto-Schreine, um den Segen der guten Götter zu erbitten; für danach haben sie eine christliche Hochzeitskapelle gemietet, weil’s so schön romantisch ist. Bei Beerdigungen trifft man sich am buddhistischen Tempel. Denn bei aller Moderne: Japan hält stolz und fest an Traditionen.


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