Schrift

16.03.2013
Rodrigues
Blaugrüne Schönheit
Die kleine Schwester von Mauritius
VON JUTTA LEMCKE

Mehr als eine Touristenattraktion

Es regnet. Ein feiner Sprühnebel geht unaufhörlich über dem kleinen Holzboot nieder, das über das grün schimmernde Wasser der Lagune tuckert – weit entfernt lockt die Palmeninsel Ile aux Cocos. Vorne steht breitbeinig Christopher und grinst, als die Passagiere ihre Regenschirme aufspannen, die eigentlich gegen die Sonne schützen sollten. "Wir lieben den Regen", sagt er mit seiner leisen, freundlichen Stimme, "er hält Rodrigues am Leben. Manche beten sogar um einen Zyklon, nur damit der Regen kommt."

Die kleine Insel Rodrigues mitten im Indischen Ozean, gut 600 Kilometer östlich der luxuriösen Schwesterinsel Mauritius, schläft wie Dornröschen, das noch auf seinen Prinzen wartet. "Mauritius wie vor 30 Jahren", sagen die Mauritier sehnsuchtsvoll. "Ein Paradies der Ruhe und Gelassenheit", sagen die Zugereisten. "Eine coole Insel", sagt Christopher. Der 33-jährige Rodriganer, der wie schon sein Vater Besucher zur vorgelagerten Ile aux Cocos fährt, würde für nichts auf der Welt woanders leben wollen als auf dem lange vergessenen Eiland mit seinen tropisch grünen Hügeln im Zentrum, den kargen Küsten und der Lagune, die sich im Norden und Westen kilometerlang bis zum Riff erstreckt, gegen das wütend die Wellen des Indischen Ozeans schlagen.

Info

GUT ZU WISSEN

AUSKUNFT
Fremdenverkehrsbüro der Insel Rodrigues, Port Mathurin, Tel. (0023083) 20866,
Internet:
www.tourism-rodrigues.mu.

ANREISE
Die Anreise nach Rodrigues ist nur über Mauritius möglich. Von dort geht es in 80 Minuten mit dem Flugzeug auf die Insel oder per Schiff in rund 36 Stunden.

KLIMA
Auf Rodrigues herrscht ein tropisches Klima mit 28 bis 35 Grad Celsius im Sommer (Oktober bis Mai) und 18 bis 27 Grad Celsius im Winter (Juni bis September).

Wie schimmernde Jade umhüllt die Lagune den Flecken Vulkanerde. Wenn sich bei Ebbe der Ozean über die Riffkante zurückzieht, ist es für die Rodriganer Zeit, aufs Meer zu gehen. Die Männer holen die Fische mit Netzen oder Nylonschnüren aus dem Wasser, die Frauen gehen auf Tintenfischjagd. Schon vor Sonnenaufgang machen sie sich in ihren bunten Kleidern auf den Weg, vorbei an Papaya- und Bananengärten, und waten dann in Gummistiefeln ins Wasser. Mit Metallspeeren stechen sie in die Korallenhöhlen, in der Hoffnung, einen der porzellanfarbenen Oktopusse zu erwischen.


"In der Zeit unserer Väter", erzählt Christopher, "war die Lagune wie ein Topf voller Fisch." Doch diese Jahre sind vorbei – zu viele Fische und Kraken wurden aus der Lagune geholt. Die Regierung hat inzwischen zu speziellen Zeiten und an einigen Plätzen Fangverbot erteilt – geholfen hat es wenig. Für die Menschen hier ist der Fischfang ein Naturrecht. "Aufs offene Meer fahren wir zum Fischen nicht hinaus", sagt Christopher, "denn wir Rodriganer können nicht schwimmen."

Es ist nicht das erste Mal, dass die Menschen auf Rodrigues zu gierig nach den Schätzen der Natur gegriffen haben. "Da sind viele Landschildkröten auf der Insel, manchmal 2.000 bis 3.000 auf einem Fleck. Man könnte über ihre Panzer gehen, ohne den Boden zu berühren", berichtete François Legat, der 1691 mit sieben Mann auf der Insel landete und zwei Jahre dort wie im Paradies lebte, bis die Männer des Alleinseins überdrüssig wurden und auf der Suche nach Frauen gen Mauritius segelten. Die Schildkröten dienten von da an über die Jahrhunderte als Abendessen, bis auch die letzte auf dem Tisch landete.
Fischer seit Generationen | FOTO: JUTTA LEMCKE

Immerhin weiß man heute dank der Aufzeichnungen Legats von dem damaligen Naturreichtum und möchte einen Teil davon wieder aufleben lassen. Das François-Leguat-Giant-Tortoise-&-Cave-Naturreservat im Süden von Rodrigues hat die riesigen Panzertiere aus Mauritius geholt und zählt mittlerweile mehr als 1.000 Schildkröten. Publikumsmagnete sind die ehrwürdigen Alten. Wenn sich der 240 Kilogramm schwere Matt mit seinen 98 Jahren erhebt, seinen schrumpeligen Kopf aus dem Panzer schiebt und sich zu seiner schon mehr als hundert Jahre alten Gefährtin Foitidia schleppt, dann klicken die Fotoapparate, und die Eltern dürfen die Kleinen auf den Tieren reiten lassen. Das Naturreservat, so hofft dessen Leiter Aurèle André, könnte künftig ein wichtiger Anziehungspunkt für Touristen werden, die einige Tage dem hektischen Leben auf Mauritius und Réunion entfliehen wollen.

Rund 50.000 Besucher kommen mittlerweile pro Jahr nach Rodrigues – darunter etwa 350 Deutsche. Wer auf Rodrigues landet, lässt die gestresste und geschäftige Welt hinter sich. Hektik ist bei den Insulanern verpönt. Fünf Ärzte gibt es auf der Insel, zwei Apotheken, eine Tankstelle – keine Ampel. Im Gefängnis sitzen derzeit elf Insassen ein – die Tür steht offen, und die Wärter spielen mit den Gefangenen Karten. Zeitweise wur-de das Gefängnis am Wochenende sogar geschlossen, und die Gefangenen mussten nach Hause gehen.

Luxus-Resorts wie auf Mauritius sucht man auf Rodrigues vergeblich. Preiswerte und sehr angenehme Unterkünfte bieten Gästehäuser wie die herzliche Herberge Chez Claudine an der Ostküste. Claudine lacht verlegen, wenn man sie darauf anspricht, aber tatsächlich konnte sie sich 2007 mit einem Michelin-Stern für ihre Küche schmücken. Kein Wunder, dass sich an ihrem Tisch alle einfinden, die nicht nur Herzenswärme, sondern auch eine köstliche Mahlzeit schätzen.


Schrift



Anzeige

Anzeige

NW-Mobil
Kia Sportage 2.0 CRDi AWD: Der Unaufgeregte
Muss man im Haifischbecken der kompakten SUVs eigentlich immer mit Superlativen Hausieren gehen, um sich erfolgreich gegen die Konkurrenz behaupten zu... mehr

Jeep Grand Cherokee 3.0 V6: Mitten durch das Mehr
Die amerikanische Institution Jeep und damit auch das Topmodell Grand Cherokee segeln seit Längerem bereits unter italienischer Flagge... mehr

Seat Ibiza ST: Kleiner Rucksack-Macho
Der Seat Ibiza schafft als Kombi ST gleich mehrere Spagate: Der Kleinwagen mit großem Kofferraum ist sportlich und sparsam, aufregend und praktisch.... mehr

Fiat 500L Living: Das Runde ist im Eckigen
Wie viele Fiat 500 benötigt man, um sieben Personen zu transportieren? Im Grunde genommen vier, denn die Rücksitzbank der Knutschkugel ist so knapp... mehr

Toyota RAV4 D-4D 2.2 AWD: Der brave Wilderer
Vor 20 Jahren begründete der erste Toyota RAV4 – damals zunächst nur als 3,72 Meter kurzer Dreitürer – das Segment der modernen SUVs, der Autos also... mehr


Anzeige
Anzeige



Jobs bei der NW


Zeitungsdruck Rotationsdruck Rheinisches Format   NW Logistik