Schrift

30.03.2013
ÖSTERREICH
Großarltal im Salzburger Land: Familienboom im Skiparadies
Zehn Erwachsene, fünf Babys und ein Almdorf im Schnee. Ob das gutgeht?
VON RAIMUND HASER

Vor dem Almdorf | FOTO: RAIMUND HASER

Sie sind klein. Sehr klein. Sie fahren weder Ski, noch sagt ihnen das Wort Snowboard etwas. Sie dürfen vor dem Jahr 2027 keinen Glühwein trinken und halten Après-Ski für ein Spielzeug. Aber irgendwie müssen sie ja doch mit in den Skiurlaub, die Babys, die wir nun alle endlich bekommen haben. Nachdem es längst Zeit war, wie unsere Mütter sagen. Zeit für den Nachwuchs.

"Aber ohne Skifahren geht’s nicht", sagt Papa Michael. Er weiß die anderen vier Väter und auch die Mütter hinter sich. "Gesucht wird ein Ferienhaus für zehn Erwachsene und fünf Kinder zwischen 3 und 14 Monaten." So lautet schließlich die Anfrage. 95 Prozent aller verfügbaren Betten weltweit fallen also weg. Und doch werden wir fündig – das "Almdorf" der Familie Fischbacher im Großarltal (Salzburger Land) ist wie gemacht für den ungewöhnlichen Trip. Die neu gebauten Bauernhäuser – idyllisch an der Skipiste gelegen – haben einen Kamin, einen großen Tisch, eine Sauna und fünf Schlafzimmer. Das größte der Häuser bietet reichlich Platz für alle. Was will man mehr? Ach ja, da wäre noch was: Spreißelfreie Holzfußböden, fünf Beistellbettchen in Babyphone-Nähe zum Aufenthaltsraum, Schoppenwärmer, Kindersitze, Mikrowelle, mindestens drei Bäder und einen Windel-Container im Vorgarten hätten wir auch noch gerne. Kein Problem.

Info

GUT ZU WISSEN

GROSSARLTAL

Das Skigebiet Großarltal gehört mit seinen acht Anlagen seit 2001 zum Skigebietsverbund "Amadé" mit insgesamt 270 Anlagen. Das Großarltal ist bekannt als "Tal der Almen" und zieht im Sommer Wanderer aus aller Herren Länder an. Das "Almdorf Großarltal" besteht aus acht unterschiedlich großen freistehenden Häusern, die eine gemeinsame Infrastruktur nutzen und nahe am Lift liegen. Infos: www.almdorf-großarltal.at.


WEITERE INFOS

Der Tourismusverband Großarltal präsentiert das Gebiet auf der Website www.großarltal.info.

Wer Kinderkrippen für "nett" hält, solange man sich nicht selbst mit fünf total süßen Essen-Schlafen-Windel-voll-Kindern beschäftigen muss, dem sei ein Urlaub auf Balkonien empfohlen. Denn Baby-Skiurlaub ist hart. Härter als jede Skitour und spannender als der neue Warren-Miller-Streifen, in dem bunt angezogene Menschen – ohne Baby im Arm – von Felsenklippen in den Tiefschnee springen. Dass Urlaub zu fünfzehnt spannend ist, hat etwas zu tun mit Felix’ triefender Nase, mit Hannahs Gespür für Orte, an die sie nicht hinkrabbeln soll, mit Benedikts Dauerschaukelanfällen auf dem Küchentisch, mit Mias Lärmempfindlichkeit beim Einschlafen und mit Jakobs Hang zum langen Aufbleiben.

Schon der erste Morgen hat es in sich: "Hat mir mal jemand das X? Der Felix darf das Wort Nutella nicht hören." Hat er aber. Also greift der kleine Mann mit der triefenden Nase zur Fanfare, und wenig später schreien sich Kinder an, fuchteln Eltern hin und her, verstaut ein kluger Kopf das "X" hinter einem Kissen und platziert einen Schoppen geschickt zwischen zwei roten Backen, die kurz darauf nur noch glucksen und nicht mehr schreien können. Gefahr gebannt.Eine Stunde später, irgendwann zwischen den Themen "Kinderkrankheiten" und "Pränataldiagnostik" und "Wie macht ihr das eigentlich mit den Bankkonten?" oder "Kennt jemand eine bezahlbare Wohnung in München?" steht urplötzlich ein in Skiklamotten gehüllter Mann hinter den Kindersitzen und fragt, wer mit auf die Piste will. Es folgt das Übliche, das, weshalb man sich Urlaube wie diesen antut: "Ich mach Hannah noch kurz eine frische Windel", "Fährst du heute und ich morgen?", "Ich glaub, der Benedikt wird krank", "Ich muss noch Kässpätzle für heute Abend vorbereiten", "Geh du ruhig, mir ist Skifahren ja sowieso nicht so wichtig". Weil sich alle Paare auf diese koordinierte Art rasch einig werden – die Männer setzen sich am Ende zunächst einmal durch –, stehen rechtzeitig zur Elf-Uhr-Karte (!) fünf ausgelaugte Ski-Junkies an der Liftstation und freuen sich auf und schließlich auch über heilbringende Abfahrten. Großarl ist ein wunderbarer, kleiner, nicht allzu hoch gelegener, traditioneller Skiort im Salzburger Land, der nebst breiten Pisten auch allerhand Variantenabfahrten zu bieten hat. Mit dem Bus geht’s binnen weniger Minuten in Richtung Sport- und Hofgastein – die Skiwelt Amadé lässt mit all ihrer Pracht und Größe grüßen. Keiner kannte das Terrain, und jeder ist begeistert. Eine Tatsache, die bei aller Kinderei nicht untergeht.

"Schön ruhig hier." Diesen Satz sagen alte Leute, wenn sie im Restaurant den letzten freien Platz am wärmenden Ofen ergattern. Wenn aber ein frischgebackener Vater so etwas in einer kalten Gondel zu vier anderen nicht ausgeschlafenen Vätern sagt, dann nicken die anderen nur. Denn sie wissen ganz genau, was gemeint ist. Endlich zwei Skier unter den Füßen, endlich Schnee, endlich, ja, Ruhe. "Vielleicht", sagt Matthias schweißgebadet nach der zehnten Abfahrt durch unverspurtes Gelände, "genießt man den Sport ja mehr, wenn man weiß, dass man nicht allzu viele Abfahrten haben wird." Verzicht und Genuss entpuppen sich als zwei Seiten derselben Medaille. Philosophie im Sessellift. Und alles nur, weil man mal für einen Moment lang Ruhe hat.

Um 13 Uhr ist schließlich Schichtwechsel – die Frauen sind dran. Ein Wort macht die Runde: "Druckbetankung" heißt das, was dem "Adieu" von Mama vorausgeht. Schließlich sind die Pisten bis halb fünf offen. Bis dahin müssen es die Kleinen aushalten. Ohne Futter, denn wie man weiß, macht die Gleichberechtigung vor der Nahrungsabgabe Halt. Die Männer machen es sich schließlich gemütlich, fühlen sich an die Elternzeit erinnert und – ja – haben richtig Spaß mit den Kleinen! Ein Spaziergang zum Café im Ort, eine Schlittenfahrt auf der Kinderpiste nebenan, eine Portion Kässpätzle hobeln für den Abend – irgendwie gehen Skiurlaubsnachmittage im Haus vorbei wie im Flug, wenn man sich erst einmal darauf eingelassen hat.

Und so spielt sich alles ein im Großarltal – die Männer nehmen die Morgenstunden, die Damen fahren über Mittag, und am Abend genießen wiederum die Herren der Schöpfung die letzte Bergfahrt, um den Tag mit einem Blick in die untergehende Sonne zu beschließen. Die Kinder raufen sich zusammen, die Eltern singen abends Lieder, anstatt sich – wie die Jahrzehnte zuvor – in aufgeheizten, stickigen Bars die Après-Ski-Hits 1997–2012 vorspielen zu lassen. Am Damensauna-Abend sehen die Männer Fußball, während Heidi Klums Topmodel am Männersauna-Abend aus der Glotze flimmert. Und irgendwie verschwimmen die Geschlechterrollen: Armin ist fast nur noch in der Küche anzutreffen, während die Damen ihren Pistenanteil im Laufe der Woche signifikant erhöhen. Im Dorf kennt man "die fünf fahrenden Väter" rasch – die Gastronomie freut sich täglich auf ihren Besuch. Und auf der Piste kommt schlussendlich keiner zu kurz, erst recht nicht, weil Almdorf-Erbauer und Ur-Ur-Einheimischer Sepp Fischbacher uns mitnimmt auf den "Skikeriki", bei dem man bereits um 7.15 Uhr morgens über die Pisten brettern darf.

Am letzten Abend sind sich alle einig, dass das Experiment geglückt ist: Wer winterverrückt genug ist und ein wenig über den eigenen Schatten springen kann, ist im Baby-Winter-Skiurlaub gut aufgehoben. Das Almdorf ist wieder gebucht – für 2014, wenn der Kinder-Skilift und der Zwergerl-Garten auch einen Wert haben. Bis dahin üben Hannah und Mia, Jakob, Felix und Benedikt schon mal unfallfreies Voranrobben im Schnee. Und wer weiß – vielleicht freuen sich unsere Mütter bis dahin auch über ein paar Knirpse mehr im Schnee.


Schrift



Anzeige

Anzeige

NW-Mobil
Der Anti-Porsche
Sparsam fährt man nur, solange die Batterie Saft hat... mehr

S hat alles dabei
Nach einem eher zurückhaltenden Auftakt im vergangenen Jahr ist der Suzuki SX4 S-Cross jetzt im Markt angekommen: In diesem Jahr etablierte sich der... mehr

Scharfe Sparklasse
In der Kompaktklasse tritt von nahezu jedem Hersteller ein Modell an, um im Windschatten des dominierenden VW Golf eine Alternative darzustellen.... mehr

Eine Frage des Prestiges
Als "Deutschlands günstigsten Kombi" bewirbt Dacia den Logan MCV. Weniger als 8.000 Euro kostet der Einstieg – den aber die wenigsten wählen. Unser... mehr

Luft nach oben
Puristische Traditionalisten mögen darüber streiten, ob der Citroën DS3 mit Stoffdach den Namenszusatz "Cabrio" verdient hat oder nicht – Fakt ist:... mehr


Anzeige



Jobs bei der NW


Zeitungsdruck Rotationsdruck Rheinisches Format   NW Logistik