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29.06.2013
Rügen
Himmelsstürmer an der See
Neues Naturerbe-Zentrum in Prora
VON EKKEHART EICHLER

Weiter Ausblick | FOTO: EICHLER

"Da drüben seht ihr eine Spechtschmiede." Mana Peter zeigt auf den abgestorbenen Ast einer Rotbuche, in dem ein langer Riss klafft. Diesen benutzt der pfiffige Vogel "gewissermaßen als eine Art Schraubstock, um dort Fichtenzapfen und andere Leckereien zu arretieren." So kommt der Specht bequem und jederzeit an die Samen heran, speziell im Winter, wenn er weniger Nahrung findet.

Ein paar Schritte weiter. Frau Peter drückt die Hand gegen einen Baum, gibt ihm einen Schubs und versetzt ihn in Schwingung. Ein Vorgang, der die Elastizität zeigt, mit der sich Bäume im Wind üblicherweise verhalten. Eine Demonstration aber auch, die am Fuße des Stammes ebenso schlicht unmöglich gewesen wie die Spechtschmiede dem Auge verborgen geblieben wäre.

Wir nämlich wandeln fünfzehn Meter über dem Erdboden auf Augenhöhe mit den Kronen urwüchsiger Buchen. Auf einem über einen Kilometer langen hölzernen Weg, der folglich besondere Perspektiven auf Flora und Fauna eröffnet. Ein Baumwipfelpfad, der das Herzstück von Rügens nagelneuem Superlativ ist – dem Naturerbe-Zentrum in Prora.
Info

GUT ZU WISSEN

KONTAKTE
Naturerbe-Zentrum Rügen, Tel. (0 38) 39 36 62 20.
Ganzjährig ab 9.30 Uhr geöffnet; Eintritt: 9,50 Euro
www.nezr.de

Biosphärenreservat Südost-Rügen, Tel. (038) 30188290; zwischen Mai und Oktober regelmäßig geführte Wanderungen im Revier; www.biosphaerenreservat-suedostruegen.de

Nationalpark Jasmund, Tel. (038) 392 661766 (berühmtes Nationalparkzentrum am Königsstuhl). Zwischen Mai und Oktober täglich geführte Wanderungen mit ortskundigen Parkrangern;
www.nationalpark-jasmund.de

INFO
Tourismuszentrale Rügen, Tel. (038) 38807780; Tourismusverband Mecklenburg-Vorpommern, Tel. (038) 14030500.

INTERNET:
www.ruegen.de
www.auf-nach-mv.de
www.dbu.de/naturerbe

Welche Kraft muss ein Baum aufbringen?

Natur erleben und Natur verstehen – diesem hehren Ziel kommt der Besucher auf verschiedenen Stationen spürbar näher. So kann er zum Beispiel kräftig kurbelnd am eigenen Leib schweißtreibend feststellen, welche Kraft ein Baum aufbringen muss, um Wasser von den Wurzeln bis in die Wipfel zu pumpen. So kann er mit einem grammophonähnlichen Trichter in einen Erlenbruch hineinlauschen und Geräusche intensiv wahrnehmen. Oder mikroskopisch scharf wie ein Seeadler in die Landschaft starren – mit einem speziell justierten Fernglas, das die fantastische Sehleistung des Raubvogels simuliert.

Architektonisch raffiniert schraubt sich der Weg irgendwann plötzlich in Kreisen um eine Buche herum zu einem 40 Meter hohen Aussichtspunkt. Dieser wurde einem Adlerhorst nachempfunden und lässt in puncto Ostsee- und Bodden-Panorama keinerlei Wünsche offen. Zumal sich ganz oben wie auf Bestellung zunächst die Sonne und dann sogar ein Seeadler sehen lässt.

Das ist aber bei weitem noch nicht alles: Zum Naturerbe Prora gehören Wälder, Feuchtgebiete und Offenland, in denen Spezies wie Rohrdommel, Seeadler oder wilde Orchideen leben, die auf der Roten Liste stehen. Führungen in diese nahezu unberührten Lebensräume sind ebenso fester Bestandteil des Zentrum-Programms wie die vertiefende Dauerausstellung – mit jeder Menge gebündeltem Wissen und spielerischen Exponaten. Wer also etwa mal aus Feuersteinen Funken schlagen möchte, ist hier goldrichtig.

Rügen - ein Paradies für Naturfreunde

Für Naturfreunde war und ist Deutschlands größte Insel aber schon immer ein Paradies. Das Biosphärenreservat Südost-Rügen etwa schützt eine eigentümliche Kulturlandschaft, die es im gesamten norddeutschen Küstenraum kein zweites Mal gibt. Zum Beispiel das Mönchgut. Rügens südöstlicher Zipfel entwickelte aufgrund seiner Randlage und Abgeschiedenheit über Jahrhunderte nicht nur eigene Traditionen und Kultur; auf trockenen und nährstoffarmen Böden haben sich hier viele Pflanzen angepasst, die eigentlich am Mittelmeer und in Südosteuropa zu Hause sind.

Wie spannend allein Gräser sein können, erfahren wir auf einer Wanderung durch die sanften Hügel der Zickerschen Alpen, die von Frühjahr bis Herbst von bunt blühendem Trockenrasen überzogen sind. Stefan Woidig berichtet, "dass die Kämpfe der Gräser um den besten Platz, die meisten Nährstoffe und das meiste Wasser nicht nur über, sondern auch unter der Erde erbittert ausgefochten werden – notfalls sogar mit chemischer Kriegsführung".

Der Biologe zeigt uns den seltenen Berg-Haarstrang und den zwiebeltragenden Zahnwurz. Klappertopf und Silbergras, Schwalbenwurz und Ochsenzunge. Wir sehen Orchideen wie den Vogel-Nestwurz und das "konkurrenzstarke Landreitgras, um das selbst unsere besten Landpfleger, die rauwolligen pommerschen Landschafe, einen großen Bogen machen." Alles in allem ein ungemein lehrreicher und amüsanter Exkurs in fast menschenleerer Natur.

Wesentlich mehr Trubel herrscht im Nationalpark Jasmund mit seiner weltberühmten Kreideküste. Zumindest am Nationalparkzentrum mit dem Königsstuhl und der Viktoria-Sicht. Wer sich hingegen von Sassnitz aus auf den Hochuferweg macht, hat die umwerfenden Kulisse aus Kreidekliffs und Buchenwäldern, die sich ins Meer hinabzustürzen scheinen, fast für sich allein.


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