Sonnabend, 26.05.2012
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29.08.2006
Begegnung mit dem Krebs
Vorbereitung auf die Operation in Hameln

Ich hatte gedacht, ich wäre aufgeregter. Aber ziemlich entspannt habe ich heute Morgen meine Tasche gepackt und bin nach Hameln gefahren. Konnte mich ja lange genug darauf vorbereiten. Ein Buch, Zeitschriften und ein Rätselblock sollen wohl genug Ablenkung sein, um die unangenehme Krankenhausatmosphäre wenig an mich ran zu lassen.

Um mir die Angst zu nehmen, sage ich mir immer, dass es ja keinen schöneren Krankenhausaufenthalt geben kann: Ich fahre gesund in die Klinik, um jemandem zu helfen. Ist ein Versuch...

Info
Etwa 1,4 Millionen Menschen haben seit 1991 für die Deutsche Knochenmarkspenderdatei (DKMS) eine kleine Blutprobe abgegeben - eine so genannte Typisierung durchführen lassen. Speziell für Leukämiepatienten ist eine Knochenmarkspende oft die letzte Chance auf ein Weiterleben. Ein NW-Redakteur, 30, ist ebenfalls ausgewählt worden, eine Knochenmarkspende zu geben. Ihm wird in Hameln unter Vollnarkose der Lebenssaft entnommen. An dieser Stelle berichtet er über seine Erlebnisse.

Also los: Ankunft in Hameln so gegen viertel vor zwei, Anmelden bei der Verwaltung, Vorstellen im Schwesternzimmer auf Station A1. Die Schwester führt mich in mein Zimmer, Nummer 105, "Genesungsraum" steht auf den Türschildern. Mein Zimmergenosse ist gerade im Bad, als wir eintreten. "Gleich nehmen wir ihnen noch einmal zur Kontrolle Blut ab, danach kommt ein Arzt zur Besprechung und dann können Sie in die Stadt gehen", sagt sie.

Als sie vom Blutabnehmen spricht, zuckt der Angsthase in mir nicht mal mehr zusammen. Bin schon fast Profi.

Kurz nachdem die Schwester gegangen ist, kommt mein Zimmergenosse aus dem Badezimmer und ich bin plötzlich wieder viel aufgeregter. Der Mann mittleren Alters ist spindeldürr, trägt nur noch ein paar wenige Haare auf dem Kopf und schiebt ein elektronisches Gerät an einer Stange vor sich her. Er ist sehr freundlich, obwohl er sich ärgert, dass aus seinem gebuchten Einzelzimmer nichts geworden ist.

Bewusst, wie wichtig meine Hilfe sein könnte

Ich stelle mich vor. Er ist Pädagoge aus Hessisch Oldendorf und ich erfahre, dass er zur Chemotherapie jede Woche für zwei Tage hierher kommen muss. Er hat Darmkrebs. Wir reden nicht viel. Mir wird bei seinem Anblick viel bewusster, wie wichtig meine Hilfe sein könnte. Aber ihm helfe ich nicht. Ich habe mich gefragt, was er wohl darüber denkt, dass neben ihm einer liegt, den sie nach der Spende möglicherweise einen Lebensretter nennen, während ihm keine Spende hilft. Ich frage ihn nicht. Ich verdränge lieber.


Würden Sie sich typisieren lassen?
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Der Arzt kommt und erzählt mir, dass das Komplikations-Risiko bei einer Knochenmarkspende kleiner ist als bei einem Bänderriss im Fußgelenk. Ich kriege meine Narkose, werde auf den Bauch gedreht und etwas oberhalb der Po-Backen werden rechts und links zwei Schnitte über dem Beckenkammknochen gemacht. Auf jeder Seite dringt dann jeweils ein Arzt mit einer Nadel in den Knochen vor und punktiert ihn. Der Doc sagt mir, dass sie so insgesamt 1,5 Liter Knochenmark und Blut aus mir raussaugen wollen. Nach etwa 40 Minuten wäre dann alles vorbei und ich würde kurz danach aufwachen. "So machen wir's", sage ich tapfer und schicke noch ein gequältes "Ich vertraue ihnen" hinterher.

Link zum Thema
Werden auch Sie Lebensspender: www.dkms.de
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Danach schaue ich mir Hamelns Altstadt und ihre Kaufhäuser an, telefoniere zu den Liebsten und kaufe noch ein Buch. Ein Grisham-Krimi erscheint mir zur Ablenkung besser geeignet als mein Politschmöker. Mit dem Lesen fange ich in einer Eisdiele an und bin bald gefesselt.

Zurück im Zimmer hat mein Nachbar Besuch von seiner attraktiven Frau. Ich vertiefe mich in mein Buch und versuche die Gedanken an die Narkose und, viel schwieriger, Gedanken an das Schicksal eines Darmkrebspatienten zu verdrängen. John Grisham hilft mir dabei.


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