Sonnabend, 26.05.2012
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30.08.2006
Die schwierige Nacht vor der OP
So tun, als wäre ich tapfer

Die Nacht vor der Operation war schlimm. Nicht weil ich übermäßig aufgeregt gewesen wäre vor meiner Knochenmarkspende, sondern weil ich soviel Leid meines Zimmerkollegen mitbekommen habe. Der Mann ist zur Chemotherapie gegen seinen Darmkrebs hier im Krankenhaus und erhält künstliche Ernährung.

Er tat mir unendlich leid, denn seine Nacht war schrecklich. Als wir um kurz nach zehn das Licht ausgemacht hatten, bekam er regelmäßig einen Schluckauf und musste zwischendurch immer wieder herzzerreißend röcheln. Manchmal hörte sich das an, wie das Jaulen einer Katze. Aber er schien das zu kennen. Ich habe mich dafür geschämt, aber ich musste mir mitunter die Ohren zuhalten.

Info
Etwa 1,4 Millionen Menschen haben seit 1991 für die Deutsche Knochenmarkspenderdatei (DKMS) eine kleine Blutprobe abgegeben - eine so genannte Typisierung durchführen lassen. Speziell für Leukämiepatienten ist eine Knochenmarkspende oft die letzte Chance auf ein Weiterleben. Ein NW-Redakteur, 30, ist ebenfalls ausgewählt worden, eine Knochenmarkspende zu geben. Ihm wird in Hameln unter Vollnarkose der Lebenssaft entnommen. An dieser Stelle berichtet er über seine Erlebnisse.

Da die Verdauung der flüssigen Nahrung wohl sehr schnell passiert, hatte ihm die Schwester einen Rollstuhl mit Bettpfanne gebracht, den er im Zimmer benutzen konnte. Er entschuldigte sich auch noch dafür, weil es ihm unangenehm war, vor mir seine Verdauung zu verrichten.

Ich habe gelogen, dass mir das nichts ausmache und fand aber wirklich, dass er nun der letzte von uns beiden sei, der sich entschuldigen müsse. Aber ich wusste nicht, wie ich ihm helfen sollte. In der Nacht und am frühen Morgen musste er sich auch zweimal übergeben. Einmal schaffte er es bis zur Toilette, einmal benutzte er die Bettpfanne im Zimmer.

Also, geschlafen hatte ich nicht viel, als um halb sechs die Nachtschwester kam und mir meine OP-Kleidung brachte. Erst durfte ich duschen, dann rasierte mir die Schwester einen Streifen über den Beckenknochen frei und schließlich musste ich mir ein hinten zu schnürendes Hemdchen, eine Netzunterhose in die ich eine Einlage schob und enge Thrombosestrümpfe anziehen. Ich legte mich wieder in mein Bettchen und musste anderthalb Beruhigungstabletten nehmen.


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Nach 45 Minuten kamen zwei Schwestern und schoben mich um kurz vor sieben in den OP. Nach dieser schwierigen Nacht und mit einer Narkose vor der Brust wäre ich genau zu diesem Zeitpunkt am liebsten weggelaufen. Ging aber nicht, irgendwo auf der Welt wurde gerade ein Patient auf den Empfang meines Knochenmarks vorbereitet. Also musste ich so tun, als wäre ich tapfer.

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Im OP ging alles ganz schnell, ein Scherz mit dem Narkosepfleger, der meinte, er habe gar keine Ahnung von dem Job, aber er habe genügend Arzt-Serien gesehen, und kurz danach gab es eine Spritze in den Arm und eine Atemmaske aufs Gesicht und... es war um mich geschehen.

Die Augen geöffnet habe ich um viertel vor neun im Aufwachraum. Unter meinem Becken spürte ich harte Kissen. Das waren Sandsäckchen, die die Wunden schützen sollten. Ich konnte mich nicht so einfach drehen, es zog ein wenig. Aber das war alles halb so wild. Ich war wahnsinnig froh und erleichtert, dass ich es hinter mir hatte. Der Angsthase hatte es geschafft.

Wenig später ging es zurück aufs Zimmer und da gab es kurz danach eine schöne Überraschung. Eine Schwester brachte mir einen großen Blumenstrauß - von der DKMS. Das hat mich sehr gefreut. "Für den Lebensretter" stand auf der Karte und ich bin mit großem Stolz eingeschlafen. Zur Chefarztvisite war ich nur halb wach, aber die Doktores waren mit mir wohl zufrieden, so dass ich gemütlich einschlummern und den entgangenen Schlaf der Nacht nachholen konnte.


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