Bielefeld. Der selbe Raum, die gleiche Klage. Reinhard Saftig hatte am 23. Februar 2008 nach dem 0:2 gegen Duisburg den Trend moniert, "dass in Deutschland offenbar immer einer raus" müsse. Wie im Dschungel-Camp. Jetzt, die 0:2-Heimschlappe gegen Gladbach ist gerade zwanzig Minuten alt, äußert Michael Frontzeck sein Befremden über Extreme im Fanverhalten.
Doch anders als der drei Tage nach dem Duisburg-Desaster gefeuerte frühere Sport-Geschäftsführer steht der DSC-Trainer bei seinem Vortrag nicht kleinlaut mit dem Rücken zur Wand. Ihm ist daran gelegen, dass alle genau hinhören und dann vielleicht noch mal drüber nachdenken, ob die Forderungen in diesem Augenblick angemessen sind. "Macht doch mal eben das Fenster auf", bittet er die verdutzten Gäste im Presseraum. Nicht um den Mief des "bitteren Samstags" entweichen zu lassen, nein: "Ich meine, da wird schon mein Kopf gefordert."
Nicht sofort wird Frontzecks außergewöhnlichem Wunsch entsprochen. Er wiederholt ihn. Letztlich sind die Rufe weder laut noch zahlreich genug, um auf der ersten Ebene der Schüco-Arena anzukommen (Frontzeck: "Habe ich schon Hallus?"), doch die Botschaft des Trainers war angekommen. Frontzeck setzte noch einen drauf: "Koller in Bochum raus, Funkel in Frankfurt raus, Luhukay in Gladbach ist schon raus, am besten alle raus. Wenn das der Weg ist, ist es halt so."
Exakt in der 80. Minute war die Stimmung im wiederum nicht ausverkauften Stadion (24.600 Fans) abrupt von phantastischer Unterstützung einer nach allen Kräften um den Ausgleich bemühten Elf in Häme ("Oh wie ist das schön") und Hass ("Wir sind Arminen und ihr nicht") umgeschlagen. Marko Marin hatte seinem Tor-des-Monats-Freistoß aus der sechsten Minute das 2:0 folgen lassen – ebenfalls wunderschön, jedoch nach einem Doppelpass mit dem im Abseits stehenden Rob Friend und damit irregulär.
"Dass das Abseits war, ist ja egal", sagte Frontzeck sarkastisch. Wie ein Sturm die Herbstblätter wegfegt, so hatte Marins zweiter Streich alle Hoffnungen auf den trotz schwächerer Leistung in der zweiten Hälfte hochverdienten Punkt zerstört. Arminia hatte in neunzig Minuten ein Chancenplus von 9:5, konnte sich zwar bei Torwart Dennis Eilhoff bedanken, dass er Marins dritten Torversuch (33.) gegen die Latte lenkte, hätte aber selbst drei bis vier Treffer erzielen müssen. Doch Daniel Halfar (9.), der ansonsten erneut voll überzeugende Artur Wichniarek (15.), Jonas Kamper (54.) und Stefan Aigner (76.) patzten frei vor Uwe Gospodarek.
Um die Harmlosigkeit im Angriff zu beseitigen, versprach DSC-Präsident Hans-Hermann Schwick "personelle Verstärkung" im Winter. "Es fokussiert sich alles auf Wichniarek. Das ist zu wenig." In diesem Zusammenhang bestätigte Finanzchef Roland Kentsch "lose Gespräche" mit Dortmund in Sachen Delron Buckley. Für Frontzeck gilt es, trotz Hammer-Programms bis Weihnachten (auswärts: Stuttgart, Hoffenheim und Hannover; zu Hause: Leverkusen, Dortmund) und akuter Abschlussschwäche noch einige Punkte zu sammeln. Ob man den 44-Jährigen überhaupt weitermachen lässt? "Ja, ich denke ja", beantwortete Kentsch die Frage, ob der Trainer fest im Sattel sitze.
Auch Schwick wollte "jetzt keine Trainerdiskussion führen". Bei genauem Hinhören zog ja auch nicht nur der Trainer Volkes-Zorn auf sich. Vor den Kabinen hatten gut zwanzig Fans "Vorstand raus" gebrüllt. Der Situationsvergleich mit dem Februar 2008 und der Fan-Erregung nach dem Duisburg-Spiel brachte Frontzeck dennoch zu diesem Schluss: "Dagegen war das heute ein Kaffeekränzchen. Ich bin dann auch noch rausgegangen und wir haben diskutiert. Da war nichts Böses mehr drin."
Bielefeld: Eilhoff - Fischer, Herzig, Kucera, Schuler - Kirch (72. Aigner), Kauf (81. Bollmann) - Katongo, Halfar, Kamper - Wichniarek.
Mönchengladbach: Gospodarek - Levels, Brouwers, Daems, Dorda - Alberman - Marin (83. Matmour), Bradley, van den Bergh (90. Ndjeng) - Friend, Colautti (46. Baumjohann)
Schiedsrichter: Peter Gagelmann (Bremen)
Tore: 0:1 Marin (6.), 0:2 Marin (80.)
Zuschauer: 24.600
Gelbe Karten: Schuler (4), Herzig (5) - Marin (2), Gospodarek











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