Bielefeld. Er war jung, abenteuerdurstig und hemmungslos brutal. Schon mit 18 schloss sich der Arminia- und Boxkampf-Fan Stefan Schubert den berüchtigten "Blue Army"-Hooligans aus Block 4 an. Der Rausch der Gewalt ließ ihn nicht mehr los - acht Jahre lang. Erst 1996 deckten Journalisten Schuberts Doppelleben auf: "Polizeibeamter ist Fußball-Hooligan", "Rambo-Polizist" und "Beamter an Straßenschlacht beteiligt" titelten Zeitungen und Magazine bundesweit. Das ganze Ausmaß seiner gewalttätigen Karriere schildert der ehemalige Polizist jetzt in seinem Buch "Gewalt ist eine Lösung". Die Lokalredaktion sprach darüber mit dem Autor.
Bereits am 8. August 1994 veröffentlichte die NW ein Foto von Ausschreitungen am Rande des Arminia-Spiels im pfälzischen Edenkoben. Im Vordergrund drücken Polizisten einen der Hooligans zu Boden. Dahinter steht mit freiem Oberkörper Stefan Schubert - das Gesicht geschwärzt. "Trotzdem war ich für alle, die mich kannten, deutlich zu erkennen", erinnert sich der 39-Jährige an den Schock. Für den Polizisten war das Foto eine Gefahr. Doch passiert sei nichts.
"Bei der Polizei intern war mein Tun am Rande der Fußballspiele lange bekannt, mindestens als Gerücht", sagte Schubert. Acht Jahre lang habe er mit einschlägig vorbestraften Gesinnungsgenossen "unzählige Nasen und Kiefer gebrochen". Viele Polizeibeamte, die rund um die Alm im Einsatz gewesen seien, sollen von ihrem gewalttätigen Kollegen gewusst haben.
Polizist mit geschwärztem Gesicht | FOTO: STADTARCHIV
Gefürchteter "Gewalttäter Sport"
Trotzdem hatten Körperverletzungen und Landfriedensbrüche jahrelang keine Konsequenzen für den Polizeiobermeister. "Es gab nicht mal ein Disziplinarverfahren." In Edenkoben etwa rettete er sich während des Polizeieinsatzes, indem er sich mit einem Kollegen aus Bielefeld unterhielt. Er wurde deshalb nicht erkennungsdienstlich behandelt und wieder nicht entlarvt.
Schubert erzählt von seiner Entwicklung eines gehänselten Jungen hin zum ersten Schlag gegen eine Stieghorster Jugendgang ("Gewalt ist eben doch eine Lösung") - bis hin zum gefürchteten "Gewalttäter Sport". Seitdem habe vor allem die immer wiederkehrende Angst vor Entdeckung sein Leben beeinflusst, so Schubert. Im Rausch von Adrenalin und Alkohol habe er oft unbesonnen auf seine Gegner eingeprügelt. Erst wenn das Blaulicht im Augenwinkel blitzte, habe sich wieder der taktisch denkende Polizist in ihm gemeldet. "Das hat mich oft gerettet. Irgendwann habe ich mir gar keine Gedanken mehr gemacht. Schließlich bin ich damals aus jeder Klemme wieder rausgekommen."Erst mit seiner Entlarvung in der Presse im November 1996 brach alles über den damals 26-Jährigen herein. "Die Polizeiführung tat plötzlich ganz überrascht und versetzte mich in den Innendienst. Der Focus widmete mir sogar eine ganze Seite", erinnert sich Schubert.
Dann die Anklage: wegen Landfriedensbruchs auf dem Klosterplatz. Nach dem Arminia-Aufstieg war es am 8. Juni 1996 zu einer Massenkeilerei zwischen Hooligans und türkischen Jugendlichen gekommen. Ein WDR-Team hatte die Szenen gefilmt - und erneut war Stefan Schubert im Bild.
Die Realität auf 350 Seiten niedergeschrieben
Am 26. August 1997 berichtete die NW von der Gerichtsverhandlung, bei der sich Medienvertreter gegenseitig auf den Füßen standen: "Wegen Landfriedensbruchs ist gestern der Bielefelder Polizeiobermeister vom Amtsgericht zu 5.400 Mark Geldstrafe verurteilt worden. Richter Lothar Otto sah den 27-jährigen Beamten aufgrund einer Videoaufzeichnung als überführt an, an den gewalttätigen Ausschreitungen einer Gruppe von Hooligans teilgenommen zu haben."
Auch ein szenekundiger Polizeibeamter war damals als Zeuge gehört worden: Sein Kollege sei seit etwa vier Jahren "ständig mit Bielefelder Hooligans unterwegs gewesen", er habe sich aber nie an Gewalttätigkeiten beteiligt, wird er in der NW zitiert. Dass diese Aussage nicht der Realität entspreche, hat Stefan Schubert auf 350 Seiten niedergeschrieben - ehrlich und in schonungsloser Härte.
Trotzdem behauptet Schubert bis heute, ausgerechnet bei der Straßenschlacht am Klosterplatz nicht mitgemacht zu haben. "Ich war dort, habe aber niemanden geschlagen. Es ist der Treppenwitz der Geschichte, dass mir eine Schlägerei zum Verhängnis wurde, an der ich nicht beteiligt war. Trotzdem kann ich mich nicht darüber beschweren, was mit mir passiert ist."
Das Buch sei deshalb weder Abrechnung noch Rechtfertigung, betont der Bielefelder. Er würde heute einiges anders machen, sagt er. Reue verspüre er aber nicht. "Weil wir uns mit jungen Männern geprügelt haben, die das Gleiche wollten."
1998 schied Schubert nach einem Deal mit Polizei und Staatsanwaltschaft freiwillig aus dem Polizeidienst aus. Gleichzeitig beendete er seine bis heute in ihrem Ausmaß unbekannte Hooligan-Karriere. Sein Buch erscheint am 2. März im
Riva-Verlag München.