Bielefeld. Als Rechtsanwalt ist Christoph Schickhardt geübt in der hohen Kunst der diplomatischen Ausdrucksweise. Als "an vielen Stellen recht optimistisch" bezeichnete der Mann vieler Fälle um Bälle jetzt die Zahlen, die den DSC Arminia fast in den Abgrund gerissen hätten. In der Nacht von Montag zu Dienstag atmeten Schickhardt und der von ihm seit 14 Tagen betreute DSC Arminia auf: Es gibt wegen Lizenzverstößen nur vier Punkte Abzug und eine Geldstrafe von 50.000 Euro.
Ein Projekt von rund 20 Millionen Euro hatten der neue Geschäftsführer Heinz Anders (seit August) und der neue Aufsichtsrats-Vorsitzende Norbert Leopoldseder (seit November) übernommen. Angetreten waren sie mit vielen Ideen für eine sportlich bessere Zukunft des Vereins. Das Scouting sollte professionalisiert werden, das Jugendtraining forciert, die Kommunikation mit den Medien verbessert, die Zusammenarbeit mit Sponsoren und der Bielefelder Politik intensiviert - "aber vom ersten Tag an haben wir nur Krisenmanagement betrieben", fasste Leopoldseder die letzten Monate zusammen.
3,5 Millionen Euro gingen weg für den Ausbau der VIP-Räume und Logen auf der neuen Osttribüne, weitere 4,2 Millionen Fehlbetrag waren aufgrund der falschen Erwartungen bei Zuschauer- und Sponsoreneinnahmen zu verzeichnen. "Das ist bei unserem Gesamtetat insgesamt vergleichbar in etwa so, als würden dem FC Bayern München 50 Millionen Euro fehlen", erklärte Anders.
Fan- und Mitglieder-Gespräch
Heinz Anders und Norbert Leopoldseder werden sich am Mittwoch den Fragen der Fans und Mitglieder zu diesem Thema stellen, teilte Arminia Bielefeld am Dienstagabend mit. Das "Fan- und Mitglieder- Gespräch" findet von 19.30 Uhr an im alten VIP-Raum in der Westtribüne der SchücoArena statt. Einlass ist ab 19 Uhr.
Schickhardts Rettertätigkeit in Bielefeld zu Ende
Schickhardt, der seit über 25 Jahren schwierige Rechtsstreitigkeiten mit der deutschen Fußball-Obrigkeit (DFB und DFL) ausficht und schon Vereine wie Hertha BSC Berlin, VfL Wolfsburg, 1. FC Kaiserslautern und Eintracht Frankfurt vor dem Lizenzentzug bewahrt hat, fand in Bielefeld eine einmalige Situation vor. "Die Herren Leopoldseder und Anders hatten mit größtem Engagement ihre Hausaufgaben gemacht, also Einsparungen vorgenommen und neue Sponsorenverträge abgeschlossen", schilderte Schickhardt: "Nur, sie hatten darüber nicht mit der DFL kommuniziert."
Ein Versäumnis, das zur Zuspitzung der prekären Situation beitrug. Ein Fehlverhalten aber auch, das von den Arminen eingeräumt (Anders: "Wir hatten uns hundertprozentig auf die Lösung der Probleme konzentriert") und deshalb von der DFL als Vertrauensbeweis gewertet wurde. Schickhardt: "Der Verein hat eine positive Sozialprognose bekommen." Mit der Pressekonferenz, auf der die DSC-Spitze die Gründe für die Bestrafung durch die DFL erklärte, endet Schickhardts Rettertätigkeit in Bielefeld. Seine Überzeugung: "Arminia Bielefeld hat eine Zukunft, weil ein harter und gerader Schnitt gemacht worden ist. Die neue Lage gibt dem Klub die Möglichkeit, eine Bundesligaperspektive ohne Altlasten zu entwickeln."
Ein "Berg von Arbeit", so Anders, liege allerdings weiter vor ihnen. Von einem "ganz, ganz, ganz tiefen Ausgangspunkt" müsse Aufbruchstimmung erzeugt und "das Arminia-Gefühl aufgebaut" werden. Auch sei die Lizenz für die Saison 2010/11 natürlich noch nicht gesichert. Aber der Optimismus ist groß, "ein Projekt zu schaffen, mit dem sich die Leute wieder identifizieren können", sagte Anders. Denn im Gegensatz zum Beginn seiner Tätigkeit beim DSC Arminia baue er nun auf "Planzahlen, die wir selbst erarbeitet haben". Was heißen soll: Zahlen, die realistisch sind. Und nicht existenzbedrohend überzogen.