Bielefeld. Die Kampagne war generalstabsmäßig vorbereitet. Die Plakate gedruckt, der Zeitplan sauber durchgerechnet – und das Opfer ins Fadenkreuz genommen. "Die Stille ist unser Sturm" war das Motto des Handzettels, den die Fangruppen "Lokal Crew" und "Boys Bielefeld" vor der Schüco-Arena verteilten. Es war der Aufruf zu einem Protest, der dann doch nicht ganz still verlief und eines nicht einkalkuliert hatte: Das Ende.
Exakt zehn Minuten vor Beginn des Derbys räumten die Initiatoren ihren Teil des Blocks 1 auf der Südtribüne. Wie angekündigt. Die Nachbarn allerdings ignorierten den Aufruf "Natürlich sind auch alle Arminen in den Blöcken 2, 3 und 4 eingeladen mitzumachen" weitgehend. Etwa 1.000 Fans hatten sich nach "Lokal Crew"-Angaben verdünnisiert.
So entstand eine sehenswerte Lücke, die mit vier roten Plakaten geschmückt wurde: "Präsident austauschen!", "Aufsichtsrat ausmisten", "Geschäftsführer Sport absetzen" und "Für eine Zukunft ohne Dilettanten!". Erst mit dem Gongschlag zur 15. Minute kehrten die Protestler zurück – und begrüßten die eigene Mannschaft und den Rest des Stadions mit einem zackigen ostwestfälischen "Wir ham die Schnauze voll!"
Klarer definiert waren die unmittelbaren Reaktionen auf alle drei Arminen-Tore. Mit dem Abebben des frenetischen Jubels setzte ein unüberhörbares "Dammeier raus!" ein. Eine konzertierte Aktion auf Block 1. Der Gescholtene reagierte mit der gebotenen Zurückhaltung. "Ich versuche, damit so professionell wie eben möglich umzugehen. Aber nach zehn Jahren bei Arminia Bielefeld tut das schon weh." Mehr mochte Dammeier – vom Mittelfeldspieler zentral-links über den Posten des Amateurtrainers bis hin zum Geschäftsführer Sport aufgestiegener Stadthagener – nicht aus seinem Innenleben preisgeben.
Thomas Brinkmeier, Mitglied des Vorstandes in der "Lokal Crew", erklärte die Konzentration auf Dammeier: "In der ersten von ihm geplanten Saison sind wir abgestiegen. Jetzt hat er eine Mannschaft zusammengestellt, die auch ohne den Punktabzug offensichtlich nicht in der Lage gewesen wäre aufzusteigen. Und ’sein’ Trainer Thomas Gerstner war ein Fehlgriff. Wenn das das Ergebnis seiner Arbeit ist, brauchen wir einen Neuen." Allerdings findet es Brinkmeier "grundsätzlich in Ordnung", dass Dammeier sich jetzt nicht der Verantwortung entziehe und als Interimtrainer einspringe. Brinkmeier ergänzt: "Dass er sich auf dem Fan- und Mitgliederabend gestellt hat, rechnen wir ihm hoch an. Das hatten wir ihm nicht zugetraut."
Einen etwas anderen Verlauf als den befürchteten nahm auch das Spiel. Arminia siegte 3:0 und wurde mit "Oh – wie ist das schön!"-Gesängen vom Platz eskortiert. Dazu Brinkmeier: "Das kam nicht von uns. Nach einem 3:0 gegen einen erschreckend schwachen Gegner können nicht alle Zweifel mit einem Mal beseitigt sein."
"Vielleicht sogar ein bisschen stolz"
"Wir haben davon nicht viel mitbekommen, wir haben ja in die andere Richtung gespielt", meinte Arminias Markus Bollmann zur Protestaktion auf der Südtribüne. Mannschaftskapitän Rüdiger Kauf erkannte dennoch: "Das war heute ganz wichtig für die Fans. Wir haben Kampf, Einsatz und Leidenschaft gezeigt. Dafür sind wir auch mit einer tollen Kulisse belohnt worden. Ich glaube, dass die Fans heute vielleicht sogar ein bisschen stolz auf uns sein können."
Werbung+ Werbewert ergibt den Gegenwert, den die Wirtschaft davon hat!