Hain: "St. Pauli ist ein Lebensgefühl"
Hamburg. "Es gibt so Momente, in denen weiß ich, dass ich alles richtig gemacht habe", sagt St. Pauli-Keeper Mathias Hain. Was er damit meint? Natürlich den grandiosen Aufstieg seines Vereins in die Bundesliga - und die berauschenden Liebesbeweise von mehr als 100.000 Fans, die am Sonntag den Erfolg mit ihren Braun-Weißen feierten.
"Es war überwältigend, auf dem Balkon vom Schmidt’s Tivoli auf der Reeperbahn zu stehen und auf dem Spielbudenplatz unter mir ein Meer aus Menschen zu sehen, die alle nur unseretwegen gekommen waren", sagt er sichtlich bewegt. "Das habe ich in diesem Ausmaß noch nie erlebt."
Dabei wäre er fast gar nicht dabei gewesen. Denn noch in der vergangenen Woche lag der 37-jährige Ex-Armine mit einer Kieferfraktur, Gehirnerschütterung und gerissener Lippe im Krankenhaus, nachdem er im Spiel gegen Greuther Fürth mit Stephan Fürstner zusammengestoßen war. Es war das vorletzte Spiel der Saison - und die Paulianer sicherten sich schon hier mit einem grandiosen 4:1 ihren Aufstieg.
Zweimal mit Arminia aufgestiegen
"Das war wirklich Pech", fasst Hain sein frühes Ausscheiden aus dieser Partie knapp zusammen und erzählt, dass er sich nur vernebelt an seine letzten Minuten im Stadion erinnern kann. "Ich war wohl ohnmächtig. Als ich wieder zu mir kam, hatte ich solche Schmerzen, dass ich um mich herum nichts mitbekommen habe."
Wahnsinn am Millerntor
Die Regel "Nach dem Spiel ist vor dem Spiel" bekommt am Millerntor eine ganz neue Bedeutung. Als um 16.55 Uhr die "Hells Bells"-Einlaufmusik ein zweites Mal ertönt, kommen 14 Kicker in Trikots von Erstligisten auf den Platz, und es heißt: Pauli gegen die Bundesliga. Klarer Sieger des Duells ist natürlich die Heim-Elf; klarster Verlierer der ungeliebte HSV. Timo Schultz ist in ein Jarolim-Trikot geschlüpft und schwalbt schon vor Anpfiff über den Acker. "Schulle" alias Jarolim kassiert unter tosendem Applaus Doppelrot, bevor das Spiel überhaupt angepfiffen ist.
Im Spiel grätschen die Bundesliga-Vertreter kollektiv ins Leere, und Ralph Gunesch ballert den Ball ins Tor. Als die Kiezkicker Trainer Stanislawski in Raubtier-Manier für eine Bierdusche erlegen, sagt dieser scherzhaft: "Alle Spieler werden entlassen, nächstes Jahr gibt’s ’ne komplett neue Truppe." Feiertechnisch unter dem Motto "Wir rocken die Bundesliga" ist Pauli jetzt schon erstklassig.
Dass er unter Standing Ovations selbst der Greuther-Fans hinausgetragen wurde, hat er später aus Erzählungen erfahren. So war für den Rest des Spieles Ersatzkeeper Benedikt Pliquett für Pauli im Einsatz und vertrat den Verletzten würdig. "Er hat einen super Job gemacht", sagt Hain anerkennend und erzählt dann tapfer, wie sehr er seinen Jungs gerade diesen Sieg gegönnt hat, weil er den Druck vor dem letzten Spiel genommen hat.
Und, dass es ja nicht so schlimm sei, dass er nicht dabei war - und auch am Sonntag nur Zuschauer war. "Ich bin mit Arminia zweimal aufgestiegen und weiß, wie sich das anfühlt: auf dem Rasen zu stehen, die glücklichen Gesichter der Fans zu sehen, ihre Energie zu spüren." Das hätte er mit seinen Braun-Weißen natürlich auch gerne erlebt. "Aber ich bin glücklich, dass ich überhaupt dabei war, und nicht das Bett hüten musste", sagt er und fügt schmunzelnd hinzu: "Ich hatte vom Arzt grünes Licht für ein, zwei Gläser Sekt bekommen."
Liebe für St. Pauli geht über das Berufliche hinaus
Ein, zwei Gläser Sekt, damit hätte er sich also schon zufrieden gegeben. Doch da hatte er die Rechnung ohne seine Mannschaft gemacht. Die nämlich hatte sich für die Begrüßungsrunde vor diesem letzten Spiel Trikots mit Hains Rückennummer 25 angezogen. "Das hat mich fast von der Bank gehauen", sagt er. "Das war ein echter Freundschaftsbeweis."Dass seine Jungs dann die Chance auf die Meisterschale verspielt haben, fand Hain zwar schade - "aber die Begeisterung über den dann offiziell besiegelten Aufstieg war einfach größer". Und so ließ er sich dann mitreißen vom allgemeinen Glücksrausch und fuhr mit der Mannschaft im Doppeldeckerbus vom Millerntor zur Mega-Party auf der Reeperbahn.
Dem Torwart war es wichtig, seine Fans dort zu treffen, denn seine Liebe für St. Pauli geht über das Berufliche hinaus. "St. Pauli ist ein Lebensgefühl", sagt er. "Dieser Stadtteil ist einzigartig und der Fußball ist ein fester Bestandteil dessen." Hain arbeitet hier - und er lebt hier. Genauso wie viele seiner Team-Kollegen. "Flo Lechner wohnt bei mir um die Ecke, Marcel Eger direkt gegenüber. Vor den Heimspielen gehen wir zusammen zu Fuß über den Kiez zum Stadion. Das gehört dazu und erdet irgendwie." Gerade darum kann er das bisschen Wehmut in seiner Stimme dann doch nicht so ganz überspielen. Immerhin war er bis zu seinem Unfall in jedem Spiel der Saison von der ersten bis zur letzten Minute auf dem Rasen - und das, obwohl er mit seinem Ende bei Arminia eigentlich schon mit dem Fußball abgeschlossen hatte.
Doch dann kam gerade im richtigen Moment der Anruf aus Hamburg. Es war Pauli-Geschäftsführer Helmut Schulte. Ob Hain sich vorstellen könnte, bei St. Pauli zu spielen. "Klar konnte ich", sagt er fröhlich. Kurz nach dem Telefonat traf er sich mit Trainer Holger Stanislawski (40). Danach war klar: "Da unterschreibe ich." Es war eine Entscheidung des Herzens, nicht des Verstandes. "Ich war Feuer und Flamme."
Diese Flamme brennt bis heute: "Die Zeit hier hat meinen Horizont unglaublich erweitert." Dass St. Pauli jetzt auch noch in die 1. Liga aufgestiegen ist, ist für ihn das Sahnehäubchen. Zumal sein ursprünglicher Zweijahresvertrag kürzlich für ein Jahr verlängert wurde. Und danach? "Ich bin gerade dabei, Trainerscheine zu machen. Ich bin seit 20 Jahren Profi-Fußballer. Das ist das, was ich am besten kann. Warum soll ich mein Wissen nicht an andere weitergeben?" Die anderen, das wird vermutlich auch sein Verein sein. Der hat angefragt, ob er sich vorstellen könne, unter anderem als Torwart-Trainer für die Braun-Weißen weiterzuarbeiten. "Das war auch so ein Moment", sagt Mathias Hain, "da wusste ich, warum die Tür in Bielefeld zugegangen war. Das ist passiert, weil eine andere Tür ganz weit für mich offenstand."