Libreville. Mit einem mulmigen Gefühl schreiten die Spieler des Africa-Cup-Finalisten Sambia durch die Empfangshalle des Leon M'ba International Airport in Libreville. Hier, in der gabunischen Hauptstadt, könnten sie am Sonntag (20 Uhr/Eurosport) den größten Erfolg für ihr Land feiern. Hier, am Flughafen der Küstenstadt, spielte sich 1993 aber auch ein Unglück ab, das die Nation bis heute erschüttert.
"Unsere Fans werden während des Endspiels Tränen vergießen", sagt Christopher Katongo, ehemaliger Spieler von Arminia Bielefeld und aktueller Kapitän der sambischen Nationalmannschaft. Wie auch viele seiner Mitspieler erinnert er sich noch gut an den 28. April 1993. Er war zehn Jahre alt, als ein Flugzeugabsturz sein Heimatland in kollektive Trauer stürzte.
Am Abend zuvor war die Militärmaschine der sambischen Luftwaffe mit der gesamten Nationalmannschaft an Bord gegen 22.45 Uhr vor der Atlantikküste ins Meer gestürzt, nachdem das linke Triebwerk Feuer gefangen hatte. Das Team war auf dem Weg zu einem WM-Qualifikationsspiel im Senegal. Keine der an Bord befindlichen Personen, darunter 18 Nationalspieler, die beiden Trainer und der Verbandspräsident, überlebten das Unglück.
Im Finale kämpfen
Einzig und allein Stürmer Kalusha Bwalya entging der Katastrophe, da er als Spieler des PSV Eindhoven aus Europa anreisen wollte. "Ich saß gerade beim Frühstück, als ich den Anruf erhielt. Für mich ist in diesem Moment eine Welt zusammengebrochen", erinnert sich Bwalya, der seit 2008 Präsident des sambischen Fußballverbandes ist. "Man kann die Zeit nicht zurückdrehen. Aber unser Team sollte im Finale auch für die Jungs von damals kämpfen", sagt der 48-Jährige. Er selbst habe sich, da er als einziger Nationalspieler dem Unglück entgangen sei, stets schuldig gefühlt.
Der Trainer der sambischen Nationalmannschaft, der 43-jährige Franzose Hervé Renard, denkt noch einen Schritt weiter: "Stellen Sie sich vor, wir könnten dort den Pokal in die Höhe stemmen. Es wäre eine fantastische Möglichkeit jene Menschen zu ehren, die ein ultimatives Opfer für ihr Land gebracht haben." Nach dem überraschenden 1:0-Halbfinalsieg gegen Mitfavorit Ghana rechnet sich Kapitän Katongo für das Finale gegen die Elfenbeinküste, die durch einen 1:0-Sieg gegen Mali ins Endspiel eingezogen war, durchaus Chancen aus: "Wir gehen ohne Druck in das Endspiel. Wir haben die nicht alltägliche Chance, den Pokal zu holen." Das Team sei eine intakte Einheit. Jeder respektiere den anderen, egal ob dieser spiele oder auf der Ersatzbank säße, so der frühere Bundesligaspieler, der seit dem vergangenen Sommer für den chinesischen Erstligisten Henan Jianye spielt und beim aktuellen Afrika-Cup bereits drei Mal traf.
Für Sambia ist es das dritte Finale nach 1974 und 1994, als die Afrikaner sensationell mit dem neu formierten Team das Endspiel erreichten. Gewinnen konnte die Nation aus dem Süden Afrikas dieses noch nie. Das 1993er-Team gilt bis heute als Top-Team des Kontinents und als die beste Nationalelf des Landes, das 1964 seine Unabhängigkeit vom Vereinigten Königreich erklärte. Das Grundgerüst bildeten Spieler, die bei Olympia 1988 Italien 4:0 bezwangen und im Viertelfinale gegen das deutsche Team mit den späteren Weltmeistern Jürgen Klinsmann und Thomas Häßler ausschied. Der Afrikameister-Titel könnte nun die letzten Tränen der Sambier trocknen und ihnen ihr ganz persönliches "Wunder von Libreville" bescheren.