Innsbruck. Bei dem Namen Noka Serdarusic geraten alle ins Grübeln. Während die Vorrundengegner Deutschland, Polen und Schweden sich in der Gruppe C in taktischer Hinsicht gegenseitig kaum Rätsel aufgeben, weiß niemand so ganz genau, was der frühere "Meistermacher" des THW Kiel mit der slowenischen Nationalmannschaft, die er seit dem 1. August vorigen Jahres betreut, auf die Beine stellen wird.
"Wir sind Sportler und werden um den Einzug in die Hauptrunde kämpfen. Laut Papierform reicht es aber nur zu Rang vier", macht Serdarusic offiziell zwar auf Understatement. Die Experten sind sich aber sicher, dass sein Team ganz anders auftreten wird als in der Qualifikation, in der es – noch ohne ihn – unter anderem zwei Niederlagen gegen die DHB-Auswahl (26:27 und 30:38) gegeben hatte. Auch die slowenischen Handball-Fans glauben an ihre Mannschaft: Laut einer Umfrage auf der Verbandsseite sind 54 Prozent von einem Platz zwischen eins und sechs überzeugt. Sie trauen dem charismatischen, bisweilen aber auch diktatorischen Coach zu, dass er die Nationalmannschaft in kürzester Zeit auf ein anderes, gehobenes Level hebt. Der gestrige 27:25-Sieg über Schweden wird den Optimismus weiter gesteigert haben.
Vom aktuellen EM-Kader spielen nur sechs Akteure außerhalb des ehemaligen Jugoslawiens. Einer davon ist der in der Bundesliga bestens bekannte Rechtsaußen Vid Kavticnik, der im Sommer 2009 nach vier erfolgreichen Jahren beim THW Kiel gemeinsam mit seinem Kumpel Nikola Karabatic zu Montpellier HB nach Frankreich wechselte. Weitere Stützen des EM-Zweiten von 2004 sind Torhüter Gorazd Škof (Zagreb), Linksaußen Luka Žvižej (Szeged/Ungarn) sowie die Rückraumspieler Aleš Pajovic, Uroš Zorman (beide Celje), David Špiler (Koper) und Jure Natek (Gorenje). Einige dieser Spieler kehrten nach erfolgreichen Ausflügen in die spanische Liga erst vor der aktuellen Saison in ihre Heimat zurück und besitzen große internationale Erfahrung.
Über die verfügt natürlich auch Serdarusic. Der 59-Jährige hatte bei seinem Weggang vom THW Kiel eigentlich mit dem Trainerjob abgeschlossen. "Ich hatte eine schwere Rückenoperation und rauche zwei Schachteln Zigaretten am Tag – was soll ich da noch planen?" hatte er erklärt, war dann aber nach einer einjährigen Auszeit heiß darauf, der Handballszene zu beweisen, dass das alte Feuer immer noch brennt. Und es kommt noch besser: Nach der EM übernimmt Serdarusic zusätzlich den slowenischen Spitzenklub RK Celje, da ihn "die Arbeit als Nationaltrainer einfach nicht ausgelastet" habe: "Mir war langweilig!"
Zuletzt verursachte der Coach indes eher negative Schlagzeilen. So bleibt seine Rolle beim Skandal um die Schiedsrichter-Bestechung beim Champions-League-Finale 2007 nach wie vor ungeklärt, ist bei der Staatsanwaltschaft Kiel weiterhin ein Verfahren gegen ihn und den früheren THW-Manager Uwe Schwenker wegen des Verdachts auf Beihilfe zur Untreue anhängig. Da half es wenig, dass der im Juni 2008 im Streit vom THW geschiedene Trainer das "Kapitel Kiel" im Dezember 2009 aus seiner Sicht für beendet erklärte, als er dem Verein die Hälfte eines obskuren Darlehens von 60.000 Euro zurückerstattete.
Für die EM hat Serdarusic keine konkreten Vorgaben formuliert, sondern lediglich vage Ambitionen geäußert. "Ziel bei einem solchen Turnier ist, immer zu gewinnen – auch gegen Deutschland. Bange machen gilt nicht", ist alles, was ihm zum möglichen Abschneiden seines Teams zu entlocken war. In der heutigen Partie gegen Slowenien (18.30 Uhr/ZDF)spricht auf jeden Fall die Statistik für die deutsche Mannschaft: In neun Spielen gab es neun Siege für die Mannen von Heiner Brand, darunter auch jenen im EM-Finale 2004. Doch auf die Vergangenheit sollte sich im deutschen Lager niemand verlassen – allein schon wegen Noka Serdarusic.