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23.01.2010
Eine Medaillenfarbe fehlt noch
Polen will mit starker ostwestfälischer Unterstützung weit kommen
VON HANS-JOACHIM KASPERS

Freude über Sieg | FOTO: DPA

Innsbruck. Während die deutsche Nationalmannschaft bei der EM alles andere als überzeugen konnte und die Vorrunde nur mit viel Glück und einem Sieg über Schweden überstand, hatte sich Polen – nicht zuletzt dank jeder Menge Handball-Power aus Ostwestfalen – schon vor dem letzten Gruppenspiel gegen Slowenien für die Hauptrunde qualifiziert. "Allmählich ernten wir die Früchte unserer jahrelangen Aufbauarbeit", freut sich Bogdan Wenta, dass sein Team mittlerweile konstant gegen die anderen Weltklassemannschaften bestehen kann.

Der polnische Nationaltrainer ist seit 2004 im Amt und hat, wie er offen zugibt, bei seinen Planungen in Deutschland und Skandinavien abgeguckt. "In Polen hatten wir keine Erfahrungen, wie man langfristig auf ein Ziel hinarbeiten kann, da besaßen andere Nationen einen großen Vorsprung", sagt Wenta. Mit den Plätzen zwei und drei bei den Weltmeisterschaften 2007 und 2009 hat sein Team indes schon nachdrücklich bewiesen, dass es stark aufgeholt hat.

"Wir sind psychisch robuster geworden und werfen nicht gleich die Flinte ins Korn, wenn es mal nicht so läuft", erklärt der Coach – die WM-Medaillen hätten das Selbstvertrauen enorm gestärkt. Wie sicher sich die polnischen Spieler ihrer Sache sind, belegt die Tatsache, dass sie sich mittlerweile auch schon mal trauen, ihren Boss zu kritisieren. "Wenn mir einer meiner gestandenen Akteure während einer Partie sagt: ’Trainer, mach’ mal halblang’, dann weiß ich, dass ich mein Temperament zügeln und mich zurücknehmen muss", haben nicht nur Polens Handballer, sondern auch ihr Chef dazugelernt.

Bogdan Wenta, der in den 90er-Jahren fünf Spielzeiten für den TuS Nettelstedt aktiv war, setzt in seinem Kader auf Blockbildung. "Wir haben gleich mehrere Achsen, auf denen unser Wagen rollt", meint er lachend, man müsse nur manchmal noch den einen oder anderen Reifen (sprich: Spieler) austauschen. Dass auch das meist ohne Reibungsverluste gelingt, beweist zurzeit Tomasz Rosinski, der – mit noch nicht einmal zehn Länderspielen auf dem Buckel – effektiver Regie führt als die deutschen Mittelleute Mimi Kraus und Michael Haaß zusammen.

Wichtigster Zulieferbetrieb ist neben dem mehrmaligen polnischen Meister Vive Kielce und den Rhein-Neckar Löwen ausgerechnet Wentas früherer Klub, der TuS N-Lübbecke. Und das ostwestfälische Trio hat seinen Coach einmal mehr überzeugt. "Mit Michal Jurecki habe ich neben Karol Bielecki einen weiteren echten Brocken im linken Rückraum.

Artur Siodmiak rackert und wühlt in der Abwehr, dass es für jeden Trainer eine wahre Freude ist. Und Tomek Tluczynski ist für uns als sicherer Siebenmeterschütze und wegen seiner ganzen Art unverzichtbar", lobt Wenta die Jungs vom Wiehen beinahe über den grünen Klee. Der 48-Jährige selbst hat noch lose Kontakte nach Ostwestfalen und hält, wenn er Weggefährten aus jener Zeit etwa bei großen Turnieren trifft, immer gern ein Schwätzchen. "Das geht mir aber mit Leuten aus allen meinen früheren Vereinen so – ich habe zu keinem Klub die Tür zugemacht", sagt Wenta.

Wie weit die Polen bei dieser EM noch kommen können, vermag Wenta nicht einzuschätzen. "Was willst du auch sagen, wenn jetzt solche Kracher wie Frankreich oder Spanien auf dich zukommen?" sagt er, gibt aber ganz am Ende des Gesprächs seinen großen Traum preis: "Wir sind jetzt bei großen Turnieren einmal Zweiter und einmal Dritter geworden – eine Medaillenfarbe fehlt uns noch." Die zweite EM-Woche wird also zur "Operation Gold".


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