Interview Christoph Theuerkauf über die verpatzte Handball-EM und die Restsaison für Lemgo
Lemgo. Gerade einmal 14 Tage ist es her, dass der Olympia-Traum der deutschen Handballer und damit auch Christoph Theuerkaufs (27) geplatzt ist. Jetzt heißt es, sich aufzurichten und nach vorne zu schauen, denn bereits heute (20.15 Uhr/live in Sport1) steht der Kreisläufer wieder mit dem TBV Lemgo beim Heimspiel gegen die SG Flensburg-Handewitt auf der Platte. Ein Blick zurück im Gespräch mit Stephanie Fust sei dennoch erlaubt.
Herr Theuerkauf, die EM ist vorüber, der Bundesliga-Alltag hat Sie wieder. Viel Zeit zur Verarbeitung der Ereignisse blieb Ihnen nicht. Gut oder schlecht?CHRISTOPH THEUERKAUF: Von beiden ein bisschen. Sicher hätte ich mir eine längere regenerative Pause gewünscht, aber jetzt heißt es eben, die kurze Zeit konstruktiv zu nutzen. Abhaken, Blick nach vorne richten und weiter geht’s.
War die EM nach Ihrer Rückkehr im Mannschaftskreis des TBV ein Thema?THEUERKAUF: Ja klar. Meine Mitspieler wollten natürlich wissen, wie es in Belgrad und in Nis war. Sie wollten wissen, wie es mit den Fans war. Martin Strobel, Carsten Lichtlein und ich haben unsere Erlebnisse und Eindrücke erzählt. Und natürlich wollten sie auch wissen, wie wir das Aus erlebt und verkraftet haben.
Hat es gut getan, darüber zu reden, war es vielleicht sogar ein wenig Trost spendend?THEUERKAUF: Was heißt Trost spendend, wir wissen ja, woran es gelegen hat. Wir haben die Geschehnisse innerhalb der Nationalmannschaft besprochen und auch in den Medien war alles abgebildet. Es musste mir deshalb keiner mehr groß weiterhelfen.
Die Frage war eher auf das Olympia-Aus bezogen . . .THEUERKAUF: Das ist durchaus enttäuschend. Hätten wir einen Punkt gegen Dänemark geholt oder einen Sieg gegen Polen – wir hätten drei Fliegen mit einer Klappe schlagen können. Wir hätten das Halbfinale erreicht, hätten noch eine Chance auf die Olympia-Teilnahme gehabt und wir wären für die WM qualifiziert. Deshalb ist der Frust schon sehr groß, aber wir hatten es selbst in der Hand. Wir haben die Chance nicht genutzt und deshalb müssen wir das nun selbst verkraften.
Am Dienstag spielen Sie mit dem TBV gegen Flensburg. Keine leichte Aufgabe, schon gar nicht so kurz nach einer Europameisterschaft. Was meinen Sie, wie viel Prozent Ihres Leistungsvermögens werden sie abrufen können?THEUERKAUF: Alles andere als 100 Prozent zu sagen, wäre ja Quatsch. Sicherlich war die EM ein anspruchsvolles Turnier, inklusive der Vorbereitung körperlich sehr belastend. Aber der TBV Lemgo ist mein Arbeitgeber und wir haben in der Rückserie noch viel vor. Wir wollen vor allem die Heimspiele erfolgreich bestreiten. Und jetzt kommt mit Flensburg eine Spitzenmannschaft mit drei Europameistern. Aber trotzdem wollen wir das Spiel gewinnen. Und das heißt für mich: Alles, was noch drin ist, in die Waagschale zu werfen.
Mir schien es, dass die EM für Sie besonders kräftezehrend war, da sie auch noch die Rolle des Motivators eingenommen haben. Spüren Sie eine mentale Müdigkeit?THEUERKAUF: Klar bin ich müde. Wären wir erfolgreich gewesen, hätten wir nun etwas in der Hand und es wäre sicher leichte, diese Anstrengung wegzustecken. Deshalb werde ich wohl noch ein bisschen Zeit brauchen, um das abzuschütteln.
Hat Bundestrainer Martin Heuberger Ihnen diese Rolle zugeteilt?THEUERKAUF: Nein, das ist einfach so passiert. Wir hatten alle das Recht, uns zu äußern. Da ich etwas emotionaler bin als der ein oder andere, bin ich in diese Rolle reingerutscht. Das war keine bewusste Entscheidung.
Aber eine, die durchaus positiv zu bewerten ist. Überhaupt haben Sie ein eher gutes Turnier gespielt.THEUERKAUF: Ja vielleicht. Aber wer wann welche Rolle übernommen hat oder wer gut gespielt hat, ist nebensächlich, weil der Erfolg der Mannschaft ausgeblieben ist. Wir wollten alle zusammen nach London und nun fährt keiner von uns dorthin. Und das ist das, was in unseren Köpfen drin steckt.
Gegenüber der "Handballwoche" haben Sie geäußert, dass Sie diese Leute nerven, die angeblich schon vorher gewusst haben, dass die Mannschaft nicht das Zeug hat, sich für Olympia zu qualifizieren. Erzählen Sie uns, was das Besondere an diesem Team ist, was es noch lernen muss und was Sie ihm in Zukunft zutrauen.THEUERKAUF: Ich glaube, uns kann keiner vorwerfen, dass wir nicht mit Leidenschaft für unser Ziel gekämpft haben. Wir haben einen sehr guten Teamgeist gelebt. Da ist einer für den anderen eingestanden. Was wir noch lernen müssen? Wir müssen mit Drucksituationen besser umgehen. Dann, wenn es drauf ankommt, gut spielen. Wir haben gegen Dänemark den ersten Matchball nicht verwandelt und den zweiten gegen Polen auch nicht. Wir haben mit Leidenschaft und ein bisschen Glück in der Vorrunde die Punkte geholt. Aber dann, als wir mit spielerischer Klasse hätten überzeugen müssen, haben wir die nicht auf die Platte gebracht. Was wir in Zukunft noch bringen, ist schwer zu sagen, da sich die Mannschaft ja auf einigen Positionen verändern wird.
Ihr Präsident Ulrich Strombach traut den deutschen Handballern den Olympiasieg 2016 zu. Was sagen sie dazu?THEUERKAUF: Ach das ist ja noch so lange hin. Da sind selbst die jungen Spieler in einem gestandenen Alter. Wir müssen jetzt erstmal die Qualifikation für die WM realisieren. Weiter will ich gar nicht denken.
Nationalmannschafts-Torhüter Silvio Heinevetter ist Strombach hart angegangen und lässt mit seiner Kritik nicht locker. Er fordert sogar den Rücktritt des DHB-Präsidenten. Geben Sie ihm Recht oder schießt er übers Ziel hinaus?THEUERKAUF: Dazu möchte ich mich nicht äußern. Ich kenne die Hintergründe nicht. Das sollen die beiden mal allein klären.
Zurück zum TBV. Was dürfen die Fans noch von Ihnen erwarten, bevor sie zur nächsten Saison nach Balingen wechseln?THEUERKAUF: Ich werde noch einmal alles dransetzen, dass wir eine gute Rückrunde spielen. Vor allem bei den Heimspielen können und müssen wir noch zulegen.
Wären Sie gern noch länger in Lemgo geblieben? THEUERKAUF: Ja sicher. Ich fühle mich in Lemgo wohl. Aber der TBV plant mit einem anderen Spieler auf meiner Position und das muss ich akzeptieren. So ist das im Sport, manchmal willst du selbst wechseln und manchmal plant der Verein nicht mehr mit dir. Jetzt gehe ich nach Balingen und freue mich dann auch darauf.
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