Bielefeld. Natürlich kommt der Mann zum Treffpunkt mit dem Mountainbike. Schließlich sind es von seiner Wohnung an der Lessingstraße zum Parkplatz an der Habichtshöhe nur ein paar Pedalumdrehungen. Es verwundert auch nicht, wenn Jens Brüntrup erzählt, dass "ich die meisten Wege mit dem Fahrrad mache, weil ich mein Auto nur in Ausnahmefällen benutze". Brüntrup darf das sagen, weil der Drahtesel sein bevorzugtes Fortbewegungsmittel ist und weil er seit Jahren ebenso bewusst vor dem Pulk der Hermannsläufer herfährt.
Am Lauftag, dem letzten Sonntag im April, gehen nach dem Startsignal nicht nur rund 7.000 Läufer und Wanderer auf die Strecke, sondern auch drei Mountainbiker - einer davon ist Jens Brüntrup. Der leidenschaftliche Radsportler und Triathlet des TSVE hat sich vor knapp zehn Jahren "regelrecht aufgedrängt", als das Organisationsteam des Veranstalters ein Begleitfahrzeug mit Fahrer suchte. Da auf den spektakulären 31,1 Kilometern zwischen Hermannsdenkmal und Sparrenburg nur ein Mountainbiker in Frage kam, griff Brüntrup zum Telefonhörer. Mit Erfolg.
"Der Hermannslauf ist etwas ganz Besonderes. Ich habe mir schon früher viele Rennen angeguckt", sagt er: "Am Rennsonntag habe ich immer Zeit." Gelaufen ist er die Strecke jedoch nie. "Mir fehlt die Zeit, derart umfangreich zu trainieren." Vielleicht wählte der 38-Jährige deshalb die Rolle als Führungsfahrer - quasi als Umweg zu einer Teilnahme an dem OWL-Highlight. Auf dem Sattel bekommt Brüntrup viele Ereignisse exklusiv mit. Die Mountainbiker, die die Strecke für die Spitzenläufer freihalten sollen ("Da herrscht viel Verkehr. Wanderer und Spaziergänger müssen vor den Läufern gewarnt werden"), bekommen die taktischen Spielchen der Favoriten mit.
Wer zieht an welcher Stelle einen Spurt an? Und welchem Siegkandidat geht die Puste? Die Antworten auf diese Fragen telefoniert Brüntrup zum Moderator, der im Zieleinlauf an der Promenade die Zuschauer mit Nachrichten versorgt und über den Rennverlauf informiert. Das ist beileibe nicht so einfach, wie es sich anhört. Zum einen ist das Fahren auf dem unwegsamen Untergrund nach dem zumeist nasskalten Wetter nicht ganz ungefährlich, zum anderen ist Telefonieren am Steuer verboten. Doch beim Hermannslauf zieht die Regel aus dem Straßenverkehr natürlich nicht. Wie soll Brüntrup ansonsten ein Live-Interview mit einem Läufer von der Strecke liefern? Der Führende wird für seine Sätze bei Radio Bielefeld sicherlich nicht anhalten.
Ähnlich diffizil ist das Ausbaldowern der aktuellen Reihenfolge. "Besonders bei den Frauen haben sich immer wieder Unbekannte ins Klassement geschlichen, die wir erst auf der Zielgerade als Gewinnerin ausgemacht haben", sagt Brüntrup. So geschehen 2002, als Ricarda Botzon beinahe unerkannt zum Sieg lief. Oder im vergangenen Jahr Jürgen Wieser. Den Läufer ohne Namen mit der Startnummer 3576 musste Jens Brüntrup zunächst einmal identifizieren ("Ich habe ihn einfach angesprochen"), bevor Wieser als Überraschungszweiter ins Ziel kam.
Der Mountainbiker Jens Brüntrup ist für den Hermannslauf allerdings deutlich mehr als nur ein safety car auf zwei Rädern. Brüntrup, das menschliche Sicherheitsfahrzeug, ist nämlich hauptberuflich Arzt - genauer gesagt: Orthopäde. Als Oberarzt des städtischen Krankenhauses versucht er in Zusammenarbeit mit dem TSVE 1890, die Läufer optimal auf die Strapazen beim Hermann vorzubereiten. Seit acht Jahren hält Doktor Brüntrup Vorträge zu Themen wie "Richtiges Training" oder "Sportverletzungen - laufen bis der Arzt kommt" und streift dabei die wichtigen Bereiche: Ernährung, Kleidung, Belastung oder Regeneration.
Bisweilen kommt es sogar vor, dass Brüntrup einen Zuhörer auf dem Operationstisch wieder trifft. "Da hat dann einer nicht richtig aufgepasst", spaßt der Doc. Er erinnert sich noch bestens an einen Fall aus dem zurückliegenden Jahr, als er am Montag nach dem Hermannslauf ein Knie operierte. "Der OP-Termin war schon lange im Voraus angesetzt und trotzdem hatte sich der Patient die Teilnahme an dem Rennen nicht nehmen lassen. Das hat man dem Knie dann auch angesehen."










