Bielefeld. Das Stadion kocht, Derby in Dortmund. 2:2 gegen Schalke, noch 15 Minuten zu spielen. Dann ein harter Zweikampf in der Dortmunder Hälfte. BVB-Spieler Dede fährt dem Schalker Ivan Rakitic mit gestreckten Beinen in die Parade. Schiedsrichter Gagelmann läuft sofort entschlossen zum Tatort.
Jetzt stoppt Schiedsrichterlehrwart Tim Neubauer die Videoszene und schaut fragend in die Runde der Insassen der Justizvollzugsanstalt Brackwede. Gelbe oder rote Karte? Wie reagiert der Schiedsrichter? Was sagt seine Körpersprache aus? "Das muss Rot geben", legt sich Horst sofort fest. Der Teilnehmer des JVA-Lehrgangs für Schiedsrichter erkennt: "Der Schiri packt sich beim Heranlaufen gleich an die Hintertasche. Da weiß jeder im Stadion gleich Bescheid." Tim Neubauer nickt zustimmend. Seine Botschaft ist angekommen. Der Bielefelder Schiedsrichter zeigt den fünfzehn Teilnehmern der Fortbildung auf, "dass die Körpersprache entscheidend für die Leistung eines Schiedsrichters ist."
Und darum geht es in dem sechsstündigen Lehrgang in der Justizvollzugsanstalt Brackwede. Regelsicherheit, Autorität, Kommunikation und Selbstvertrauen des Schiedsrichters sind die Punkte, die die Häftlinge im geschlossenen Vollzug behandelt wissen wollen. "Wir können hier nicht die komplette achtzehnstündige Schiedsrichterausbildung anbieten", erklärt Neubauer, der Mitglied im Schiedsrichterausschuss des Fußballkreises ist. "Die Teilnehmer sollen innerhalb der JVA sicher als Schiedsrichter auftreten." Zu diesem Zweck hat Sato Karaca, Sportbeamter in der JVA Brackwede, den Kontakt zum Fußballkreis hergestellt: "Die Idee kam von den Jungs, dass wir so eine Fortbildung mal durchführen. Das Interesse war riesengroß."
Entsprechend aufmerksam folgen die Teilnehmer den Ausführungen Neubauers. Der bindet die Häftlinge immer wieder aktiv in den Vortrag mit ein. Anhand prominenter Beispiele aus der Bundesliga weist der 24-Jährige auf strittige Spielsituationen hin. Diese werden von den JVA-Schiedsrichtern eifrig diskutiert. Wo liegt der Unterschied zwischen fahrlässigem und vorsätzlichem Foul? Was ist zu tun, wenn ein Spieler ein Piercing trägt? Der Schiedsrichterlehrwart veranschaulicht den Teilnehmern einprägsam, was korrektes Entscheiden und richtige Körpersprache ausmacht.
Das Fazit der Lehrlinge fällt positiv aus. "Ich fühle mich viel sicherer als vorher", sagt Horst. "Wenn ich die Regeln beherrsche und das Strafmaß kenne, gehe ich doch ganz anders auf den Platz." Sein Sitznachbar Hans ergänzt, "dass ich mir Fußball jetzt unter einem anderen Aspekt angucke." Tim Neubauer sieht sein Ziel erreicht: "Ich will einen anderen Blickwinkel auf das Spiel vermitteln. Dass dabei mal Fehlentscheidungen vorkommen, ist menschlich."
In der Praxis anwenden können die Häftlinge ihr Wissen sowohl beim internen Abteilungssport als auch bei den JVA-Turnieren. Zweimal jährlich lädt die JVA Brackwede hinter ihre Mauern ein: Neben Hausmannschaften aus benachbarten Gefängnissen treten dann Vereine aus der Region gegen den Ball. Karaca erzählt: "Da besuchen uns auch mal Profis wie einst Jörg Böhme oder Dirk van der Ven." Und werden Zeuge der Schiedsrichter hinter Gittern.