FUSSBALL: Sascha Kuntze aus Altenhagen steht bei der INAS-FID-WM im Viertelfinale
Polokwane. Fahnen in Schwarz-rot-gold verdunkeln die Scheiben links und rechts. Die Insassen grölen "Deutschland, Deutsch-Laaand" - der Bus rast vom Blaulicht der Polizei eskortiert in Richtung Stadion: Als würde Deutschland gleich um den Einzug ins Viertelfinale spielen. Obwohl die Fußball-WM 2010 in Südafrika schon vor acht Wochen abgepfiffen worden ist, geht es an diesem heißen August-Tag in der WM-Stadt Polokwane für ein deutsches Team tatsächlich wieder um einen Titel.
Die, die die Fan-Gesänge im Mannschaftsbus anstimmen, sind die Spieler selbst. Auch Sascha Kuntze aus Bielefeld feuert sich auf dem Weg zur Partie gegen Ungarn lautstark an. Der Fußballer vom FC Altenhagen gehört der Mannschaft des Deutschen Behindertensportverbandes (DBS) an, die vom 23. August bis 11. September an der 5. INAS-FID teilnimmt, der Fußball-Weltmeisterschaft für Menschen mit intellektuellen Beeinträchtigungen.
Ein sperriger Name, der Stigmatisierung verhindern soll und Integration ermöglichen will. Wichtigstes Kriterium für die Auswahl, die der Bundestrainer und ehemalige Nürnberger Profi Jörg Dittwar zu treffen hatte: Die Spieler müssen einen Intelligenzquotienten von unter 75 haben, der ihnen bis zum 18. Lebensjahr ärztlich bescheinigt worden ist.
"Vorsicht, Hintermann!" brüllt Jörg Dittwar über den Platz. Und: "Jetzt nach links!" Auf dem Feld stehen 22 erwachsene Männer und ein Schiedsrichter, doch die Kommandos klingen wie bei der D-Jugend. Die DBS-Auswahl spielt ihr letztes Vorrundenspiel gegen Ungarn, es steht 1:0, und Abwehrspieler Sascha Kuntze hat gegen die auf den Ausgleich drängenden Magyaren alle Hände voll zu tun. Mit 20 Jahren ist er der drittjüngste deutsche Spieler, bringt aber schon die Erfahrung einer Europameisterschaft (2008 in England) mit.
"Südafrika ist klasse, ich würde nach der WM gerne noch zwei Wochen dranhängen", sagt er. Was allein schon deshalb nicht geht, weil er nach seiner Rückkehr eine Ausbildung als Verkaufshelfer beginnt. Außerdem vermisst er seine Verlobte: "Mit ihr halte ich Kontakt per SMS." Sascha hat in Südafrika bislang besonders die 300 km lange Busfahrt vom Johannesburger Flughafen durchs afrikanische Buschland nach Polokwane beeindruckt: "Die Gegend und die Leute sind cool hier."
Zum Stab um Jörg Dittwar gehören nicht nur seine drei Co-Trainer, sondern auch der Delegationsleiter vom DBS sowie ein Psychologe, ein Physiotherapeut und sogar ein Professor der Sportwissenschaften. Denn ihre Schützlinge brauchen besonders intensive Betreuung. Diese leistet normalerweise die Familie zuhause. Doch nun sind die Spieler drei Wochen lang von der Heimat entfernt und in ungewohnter Umgebung teilweise auf sich alleine gestellt, müssen Verantwortung übernehmen. Zum Beispiel Bälle zum Bus tragen - was bei der Anreise zum Ungarn-Spiel denn auch prompt vergessen wurde.
Am Ende gewinnen Kuntze und seine Kollegen gegen Ungarn mit 3:1. Nach dem lockeren 8:1-Auftaktsieg gegen die Türkei und der 0:4-Niederlage gegen die Niederlande steht der zweite Gruppenplatz zu Buche, wodurch das DBS-Team dem Titelverteidiger Saudi Arabien in der Zwischenrunde aus dem Weg geht. "Das Minimalziel ist erreicht, alles andere nehmen wir jetzt gerne als Zugabe mit", sagt Jörg Dittwar stolz vor dem heutigen Viertelfinale gegen Portugal (Anstoß: 15 Uhr).
Der klimatisierte Reisebus gleitet durch die atemberaubende Natur in die untergehende Sonne, die Spieler brennen während der 30-minütigen Fahrt zurück zum Mannschaftshotel in Polokwane ein Feuerwerk an Fangesängen ab. Als wären sie bei den faszinierenden WM-Spielen von Schweinsteiger & Co. nicht mittendrin, sondern dabei gewesen.
Topfavorit Niederlande
Die fünfte Fußball-Weltmeisterschaft für Menschen mit intellektuellen Beeinträchtigungen (englisch: INAS-FID) findet noch bis zum 11. September in Südafrika statt. Spielort ist Polokwane, Hauptstadt der Provinz Limpopo im Nordosten des Landes. Im Peter-Mokaba-Stadion fanden während der WM im Juni vier Vorrundenspiele statt.
Für das INAS-FID-Turnier hatten zunächst 16 Verbände gemeldet, fünf sind jedoch in letzter Minute abgesprungen. So spielen neben Deutschland Topfavorit Niederlande, Türkei, Ungarn, Südafrika, Polen, Südkorea, Portugal, Frankreich, Japan und Titelverteidiger Saudi Arabien um den Sieg.
Beim letzten INAS-FID-Turnier, das im Anschluss an die WM 2006 in Deutschland stattfand, belegten die Gastgeber bei großem Medienecho und vollen Stadien den dritten Platz, wurden aber nachträglich disqualifiziert. In Südafrika, wo die Integration von Behinderten in die Gesellschaft erst am Anfang steht, bleiben die Zuschauerränge leer.