BETHEL ATHLETICS: Mehr als 1.000 Sportler messen sich in Wettkampf, bei dem Spaß im Vordergrund steht
Bielefeld. Die Augen hat Jeanette Kokemor fest auf ihr Ziel gerichtet. Die kleine rote Kugel liegt etwa zehn Meter entfernt. Mit dem rechten Arm ausholen, jetzt bloß nicht zittern, gefühlvoll werfen und – ihre Augen strahlen. Die Boule-Kugel ist gut gerollt, dieser Punkt geht an sie. Wie Jeanette haben am Samstag deutlich mehr als 1.000 Sportler bei der Bethel Athletics um gute Leistungen und Podiumsplätze gekämpft. Dabei standen die Medaillen nicht im Vordergrund beim größten Sportfest für Menschen mit Behinderung in NRW.
Es ist kurz nach 10 Uhr am Samstagvormittag, viele hundert Augenpaare sind auf den Himmel gerichtet, von dort schwebt das "Olympische Feuer" heran, gebracht von Polizei-Fallschirmspringern. Kurz darauf hat Berrit Meiners die große Ehre, im Sportpark Gadderbaum das Feuer zu entzünden und damit den Startschuss für die 15. Auflage der Bethel Athletics zu geben.
Doch erst einmal sind es nicht die Sportler, die im Mittelpunkt stehen, sondern Horst Köhler. Der ehemalige Bundespräsident ist mit seiner Frau Eva Luise nach Bethel gekommen, um mit den behinderten Sportlern mitzufiebern und sie anzufeuern.
Und während sich ihr Ehemann auf den Weg zu einer ganz besonderen Partie Golf macht (siehe Bericht im Lokalteil), lässt sich Eva Luise Köhler in die Regeln des Boule-Sports einweisen, um dann natürlich selbst Hand anzulegen und mehrere Kugeln zu werfen.
"Geht’s endlich los?", will Martin wissen. Der 19-Jährige aus Bad Oeynhausen tritt im Weitsprung an, minutenlang hat er sich warmgemacht. 1,60 Meter schafft er aus dem Stand. "Super, so weit bin ich im Wettkampf noch nie gesprungen", sagt er und umarmt Jan, einen der vielen ehrenamtlichen Helfer, die an diesem Tag bereitstehen, den gehandicapten Teilnehmern bei Bedarf unter die Arme zu greifen, und die dafür sorgen, dass der Zeitplan nicht durcheinander gerät. Richtig im Stress an diesem Tag ist Dr. Lutz Worms, der Organisator der Bethel Athletics. Beschäftigt ja, aber nicht so sehr, um keine Zeit zu finden, Fragen von kleinen und großen Sportler zu beantworten, und um nicht an verschiedenen Stationen kurz stehen zu bleiben und zu schauen, mit welchem Einsatz und vor allem mit welcher Freude hier um Medaillen gekämpft wird.
Mitmachen dürfen an diesem Tag alle Sportler mit Behinderung. Wer nicht an einer der Wettkampf-Sportarten teilnehmen möchte, kann sich im wettbewerbsfreien Angebot vergnügen. Es gibt eine Seilbahn und ein Entenrennen, es kann gekegelt oder geklettert werden.Viel los ist nicht nur auf dem Sportplatz, auf dem unter anderem
das Technische Hilfswerk zwei Stationen aufgebaut hat. In der Sporthalle liegen Matten, auf die immer wieder Hände klatschen. Judokämpfer haben sie in Beschlag genommen, mehr als 100 sind in diesem Jahr gekommen, so viele wie noch nie. Einer von ihnen ist Philipp Mayer, 45 Jahre alt und "seit 20 Jahren schon dabei". Seine Erfahrung nutzt ihm nichts, seinem Gegner hat er nichts entgegenzusetzen. Ist er ärgerlich oder enttäuscht? "Nee, warum denn? Hauptsache Sport, und eine Medaille bekomme ich doch auch so." So ist es, bei den Bethel Athletics gibt es traditionell keine Verlierer, jeder Teilnehmer bekommt "seine" Siegerehrung, darf unter Fanfaren-Klängen aufs Podest steigen und erhält seine Auszeichnung. Und darauf freuen sich die Sportler genauso wie auf den Applaus der Besucher. Auch Eva Luise Köhler muss natürlich nicht ohne Medaille nach Hause fahren. Neben ihr steht Jeanette Kokemor auf dem Siegerpodest, reckt die Arme nach oben und lässt sich bereitwillig die Medaille umhängen. Sie freut sich riesig – am Ende sind eben alle Sieger.
Der Tag in Zahlen
Mehr als 1.000 Sportler, größtenteils aus NRW, insgesamt aber aus vier Bundesländern haben an den 15. Bethel Athletics teilgenommen.
Mehr als 200 Schüler von Bielefelder Schulen und Berufskollegs haben bei der Organisation geholfen und vor allem am Wettkampftag die Athleten unterstützt.
Insgesamt 3 Mitglieder des Polizei-Fallschirmteams aus Nordrhein-Westfalen haben das "Olympische Feuer" in den Sportpark Gadderbaum gebracht.
Rund 50 weitere ehrenamtliche Helfer waren im Einsatz.
80 Ehrengäste aus Kultur, Wirtschaft, Politik und Gesellschaft waren vor Ort und haben sich ein Bild von der Veranstaltung gemacht, darunter der frühere Bundespräsident Horst Köhler mit seiner Ehefrau Eva Luise und Bielefelds Oberbürgermeister Pit Clausen.
8 verschiedene Wettbewerbe wurden in diesem Jahr angeboten, darunter: Boule, Fußball, Golf, Judo, Reiten, Leichtathletik, Tischtennis, Schwimmen sowie wettbewerbsfreies Angebot und Trendsport.
Insgesamt wurden den ganzen Tag über mehr als 2.000 Essen an die Teilnehmer und Besucher ausgegeben.
Etwa 25 Partner und Förderer, darunter Stiftungen, Firmen, Institutionen und auch die Neue Westfälische unterstützen seit Jahren die Bethel Athletics.