FUSSBALL: Der ehemalige Nationalspieler Böhme hat sich beim TuS Ost prima eingelebt
Bielefeld. Die Zigarette danach schmeckt an diesem Sonntag nur bedingt. "Verlieren ist immer Käse", brummt Jörg Böhme und nimmt einen kräftigen Zug von seinem Glimmstängel. Der ehemalige Nationalspieler und Bundesliga-Profi hockt mutterseelenallein auf einer Bank einer Bierzelt-Garnitur. Sämtliche Tische um ihn herum in dem provisorisch aufgestellten Pavillon sind geräumt, so als hätte jemand um kurz vor 17 Uhr die Sperrstunde ausgerufen. Draußen prasselt der intensive Landregen auf die Plane.
Böhme hat soeben mit seinem neuen Verein, dem A-Ligisten TuS Ost, das Heimspiel gegen den SV Häger 1:2 verloren. Die 90 Minuten möchte der 37-Jährige für sich verarbeiten. Während seine neuen Kollegen entweder schon unter der warmen Dusche stehen oder sich ein Sonntagnachmittagsbier gönnen, zieht der Prominente die Einsamkeit vor. Doch der Eindruck täuscht. Jörg Böhme ist beim TuS Ost alles andere als nur einfach so dabei. Er ist abseits seiner Raucherpause stets mittendrin. "Jörg ist absolut pflegeleicht. Er ist nicht der Typ, der einen raushängen lässt. Ihm liegt der ganze Trubel nicht", sagt Trainer Volker Wissmann. Abteilungsleiter Dirk Kornfeld bestätigt: "Eigentlich will Jörg nur seine Ruhe."
Doch warum hat sich der Kicker, der bundesweit bekannt ist, für den Schritt entschieden, noch einmal in der Kreisliga A an den Ball zu treten? "Für meinen Lehrgang zum Fußball-Lehrer muss ich mich fit halten. Da sind die Trainingseinheiten und die Spiele genau das richtige", erläutert Böhme. Deshalb heuerte der Mittelfeldspieler, der seine Profi-Laufbahn auch wegen Kniebeschwerden beendete, bei dem Klub aus den Heeper Fichten an. Von Montag bis Mittwoch büffelt Böhme Theorie, donnerstags und freitags sowie sonntags praktiziert er am Ball. Der Stundenplan ist allerdings flexibel. "Jörg entscheidet, wann er bei uns auftaucht und wann er spielt", sagt Wissmann. Auch dies folgt einer klaren Logik. "Immer wenn ich kann, bin ich da. Schließlich muss ich wissen, mit wem ich zusammenspiele", sagt der erfahrene Teamspieler und freut sich, dass "ich hier super aufgenommen worden bin". Folgerichtig kannte Böhme nach nur zwei Übungseinheiten bei seinem ersten Pflichtspieleinsatz vor einer Woche bereits alle Mitspieler mit Namen.
Den Fuß in die Tür bekam er durch seine langjährige Freundschaft zu Trainer Volker Wissmann und Co-Trainer Christian Bollweg. "Die beiden haben mich früher öfters zu den Heimspielen auf Schalke begleitet." Schon zu Zeiten, als der Profi noch für Borussia Mönchengladbach aktiv war, hielt er sich während einer Verletzungsphase bei Wissmann fit. Damals coachte der Bayern-Fan Wissmann den TSV Amshausen, dessen Sportplatz lediglich einen Steinwurf von Böhmes Haus entfernt liegt. Zu einem Engagement beim TSV kam es jedoch nie, weil "Jörg ja noch Ambitionen im Profibereich hatte" (Wissmann).Das ist jetzt anders. Der Ex-Spieler möchte nach bestandener Fußball-Lehrer-Prüfung im Sommer 2012 ins Trainergeschäft einsteigen. "Das ist der Plan", so Böhme. Erste Erfahrungen in diesem Bereich sammelte er beim DSC Arminia, als er im Nachwuchsbereich tätig war. Dort wurde er im Frühjahr allerdings als A-Jugend-Trainer seines Amtes enthoben.
Beim TuS Ost ist Böhme nicht Vortänzer, sondern Mitspieler. Als vor Spielbeginn das obligatorische Mannschaftsfoto geschossen wird, setzt er sich, der noch rund 50 eigene Fanclubs hat, bewusst an den Rand. Auf dem Feld wirkt der Mann mit der Trikotnummer 19 mit leisen Tönen auf seine Kollegen ein. "Marc, das ist zu einfach", "mehr links", "jetzt angreifen, jetzt, jetzt".
Nach einem Fehlpass hebt er entschuldigend den rechten Arm, bei einem offensichtlichen Foul an ihm im Strafraum beschwert er sich nicht beim Schiedsrichter, dass er ihm den Strafstoß versagt. Als der TuS-Torjäger eine weitere seiner vielen Möglichkeiten versiebt, muntert Böhme auf: "Weiter Pascal." Im Gegensatz zu seiner Hochzeit im Revier wirkt der ehemalige Nationalspieler deutlich zurückgenommen. Auch während die Partie in der Schlussphase hektischer wird, hält sich Böhme aus allen Reibereien raus. Stress in der Kreisliga A ist nicht sein Ding.
Den einzigen Aufreger produziert er in der 77. Minute, als er Hägers Keeper mit einem raffinierten Schlenzer aus etwa 18 Metern prüft. Ansonsten versucht der Mittelfeldspieler mit seiner Übersicht zu helfen. Pässe in die Tiefe, gescheite Flanken nach Standards und gerne auch mal ein Hammer aus der zweiten Reihe. Erfolg und Misserfolg halten sich an diesem ungemütlichen Nachmittag die Waage.
Für Abteilungsleiter Dirk Kornfeld, der kurioserweise am gleichen Tag geboren wurde wie Jörg Böhme, ist das Gastspiel des Stars "ein einziger Glücksfall". Im Klub mit seinen rund 280 Mitgliedern und 18 Mannschaften herrscht dieser Tage mehr denn je Aufbruchstimmung. Dies liegt hauptsächlich an der nigelnagelneuen Anlage an den Heeper Fichten. Der TuS Ost hat am 9. Juli seinen für 1,4 Millionen Euro geschaffenen Sport- und Lernpark eingeweiht.
Die schäbige Schlacke ist einem schmucken Kunstrasen-Geläuf gewichen. Das schicke Areal runden ein zweiter, kleinerer Platz, eine Beachsportanlage, ein Bouleplatz sowie ein Multifunktionsgebäude ab. Zeitgleich, aber von den Bautätigkeiten unabhängig, werden bald die Renovierungen in der Sporthalle fertig.
So etwas spricht sich rum. "Wir haben einen enormen Zulauf", freut sich Kornfeld. Er registrierte über den Sommer beinahe 90 Neuanmeldungen im Jugend- und Seniorenbereich. Dies nährt Hoffnungen beim TuS Ost, dass "wir nach sieben Jahren Kreisliga irgendwann mal wieder in die Bezirksliga aufsteigen können" (Kornfeld). Doch so weit ist es in diesem Jahr noch nicht. Kornfeld beschreibt sein Team in der sehr ausgeglichenen Liga als "konkurrenzfähig - mehr nicht". Außerdem raucht man zur Meisterschaft Zigarillos und keine Zigaretten.