Rödinghausen. "180 L5 ..." klingt es im Cockpit des Tourensportwagen Ford Fiesta R2. "In 180 Metern eine schnelle Linkskurve" ist eine von vielleicht hundert Anweisungen, die Josefine Corinn Beinke Rallyeauto-Pilot Christian Riedemann während einer Wertungsprüfung zuruft. Die 17-jährige Schülerin naus Rödinghausen ist Co-Pilotin und hat in der Hauptsache die Aufgabe, dem Fahrer Entfernungsangaben und Kurvenradien sowie Sprungkuppen, Belagwechsel und sonstige Besonderheiten der Fahrbahn anzusagen.
Dies ist ein wichtiger Beitrag zum Erfolg eines jeden Ralleyteams und erfordert eine hohe geistige und körperliche Leistungsfähigkeit vom Co-Piloten. Darüber hinaus kümmert sich der Beifahrer um die richtige Zeitnahme und lässt am Beginn und Ende jeder Wertungsprüfung die Bordkarte (Kontrollkarte der Rallye-Organisatoren) abstempeln. Die wichtigen Streckeninformationen wurden zuvor vom Beifahrer bei den obligatorischen Besichtigungsfahrten in einer Kladde festgehalten.
Dass Josefine Corinn Beinke Co-Pilotin ist, ist nicht außergewöhnlich in einer Zeit, da schon Frauen die Rallye Monte Carlo oder Rallye Dakar gewonnen haben. Das Besondere ist ihr jugendliches Alter von 17 Jahren, und dass sie schon seit drei Jahren als Co-Pilotin aktiv ist. Am kommenden Wochenende, vom 28. bis 30. Mai, erlebt die Rödinghausenerin an der Seite des 22-jährigen Sulinger Nachwuchsfahrers Christian Riedemann in dessen Ford Fiesta R2, mit der Teilnahme an der "2010 Vodafon Rally de Portugal" einen Höhepunkt in ihrer motorsportlichen Karriere. Im Vorfeld sprach die NW-Sportredaktion mit Josefine Corinn Beinke.
Frau Beinke, warum haben Sie sich dem Rallyesport verschrieben? JOSEFINE CORINN BEINKE: Der wurde mir in die Wiege gelegt. Mein Vater Jürgen Beinke ist bereits seit den 80er Jahren mit dem Rallyesport verbunden. So habe ich von klein auf Rallyes und Orientierungsfahrten miterlebt. Meine erste Seifenkiste ähnelte Schumis Ferrari. Wie konnte es dann anders sein, dass ich nach Tennis, Dressurreiten und Tanzen letztendlich doch beim Rallyesport gelandet bin.
Ihre sportlichen Interessen sind nun Motorsport, Tennis und Reiten - in dieser Reihenfolge?BEINKE: Also Reiten ist gänzlich passé. Tennis interessiert mich immer noch. Doch es reicht aus zeitlichen Gründen - ich gehe schließlich noch zur Schule - nur noch zu Fitnesstraining. Fitness brauche ich für mein Haupthobby, den Motorsport.
Dann ist sicherlich auch die Ernähruing wichtig. Was ist Ihr Lieblingsessen und Trinken? BEINKE: Spaghetti Bolognese, Multivitaminsaft und Wasser. Im mitunter sehr heißen Cockpit ist Wasser trinken das A und O, um hellwach zu bleiben.
Ihre Lieblingsrallye? BEINKE: Ganz klar die Rallye Köln-Ahrweiler. Es ist einfach unbeschreiblich. Die Atmosphäre, die Wertungsprüfungen. Außerdem das Fahren über die Nordschleife des Nürburgringes, und das auch noch entgegengesetzt der Fahrtrichtung.
Ihr bisher größtes sportliches Erlebnis?BEINKE: Meine erste Rallye war ein wirklich schöner Moment. Die erste Schritte im Rallyesport auf der Beifahrerseite eines Rennfahrzeuges in 2007. Außerdem war in 2009 ein Erlebnis, das ich nicht so schnell vergessen werde. Christian Riedemann und ich haben im Citroen C2R2 an der Rallye Niedersachsen teilgenommen. Wir konnten den dritten Platz im Gesamtklassemant einfahren und die Division gewinnen. Das war wirklich ein toller Erfolg.
Eine Rallye, die Ihnen noch wichtig wäre?BEINKE: Auf jeden Fall die Rallye Boucles de Spa Legends und die Rallye Monte Carlo. Die Boucles ist wohl das, was auf der "To-entry-list" eines Youngtimer-Fans ganz oben stehen muss. Und einmal bei der "Nacht der langen Messer" im Rallyeauto dabei zu sein, da würde ich nicht nein sagen.
Was sind Ihre Ziele für 2010?BEINKE: Nachdem ich in den letzten drei Jahren auf nationaler Ebene an der Seite meines Vaters aktiv war, betrete ich nun zum ersten Mal den europäischen Boden der Rallyeszene. Vom heißen Sitz eines guten alten Opel Kadett C Coupé, über den Citröen C2 R2 auf den Beifahrerpatz eines Ford Fiesta R2. Das ist absolutes Neuland für mich, doch nehme ich diese Herausforderung gern an und hoffe, viele neue und hilfreiche Erfahrungen sammeln zu können.
Und was erhoffen Sie sich von der Rallye Portugal am kommenden Wochenende?BEINKE: Das ist für mich ein Riesenevent und eine große Herausforderung für Christian Riedemann und seinem neuen Ford Fiesta R2. Die Strecke ist mit über 1.200 Kilometern dreimal so lang, wie uns bisher bekannte Rallyes und sie führt ausschließlich über Schotterpisten. 74 Teams, die wir nicht kennen, sind am Start. Wir fahren in der A6-Klasse die Fiesta Sporting Trophy, eine internationale Rennserie, die im Rahmen der Rallye-Weltmeisterschaft ausgetragen wird, und werden froh sein, wenn wir gut durchkommen. Übrigens ist mein Vater im Mechanikerteam mit dabei.
Ist der 1. Juni 2010 ein besonderer Tag für Sie?BEINKE: Gewissermaßen schon, schließlich werde ich am nächsten Dienstag volljährig. Zunächst einmal ist der 1. Juni aber ein normaler Schultag. Am Nachmittag kann ich, wenn ich will, das Auto meines Vaters lenken, denn ich habe den Führerschein schon in der Tasche.
Bedeutet der Besitz des Führerscheins, dass Sie auch im Rallye-Auto den Beifahrersitz verlassen?BEINKE: Nein, vorerst sicher nicht. Ich fühle mich sehr wohl als Co-Pilotin und es macht einen Riesenspaß. Dass die Topp-Ralleyfahrerin der 80er-Jahre Michèle Mouton mein großes Vorbild ist, ändert daran nichts: ich suche den Erfolg erst einmal als Co-Pilotin.