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09.12.2010
Hartes Urteil nach bösen Jagdszenen
FUSSBALL: Verbandsspruchkammer verhängt Sperren, Punktabzug und Geldstrafe gegen KF Drita
VON WOLFGANG TEMME

Abgang | FOTO: HENRIK MARTINSCHLEDDE

Kamen. Sperren, Punktabzug, Geldstrafen, Funktionsverbot - die Spruchkammer des westfälischen Fußballverbandes zog am Dienstagabend (fast) alle Register, um den Verein KF Drita Gütersloh zu sanktionieren. Die Fußballmannschaft des B-Ligisten hatte am 7. November im Meisterschaftsspiel beim SV Avenwedde II einen Spielabbruch provoziert, der in Gewalttätigkeiten gegen den Schiedsrichter gipfelte (wir berichteten). Ob der Klub nach diesem harten Urteil weiter existiert, ist fraglich.

"Ein Skandalspiel mit einem unrühmlichen Ende", befand Georg Schierholz. Der Spruchkammervorsitzende aus Lippstadt verkündete das Urteil in der Sportschule Kaiserau um 22.57 Uhr, mehr als vier Stunden nach Verhandlungsbeginn. Es besteht aus acht Punkten. Die wichtigsten: Der momentan auf Rang neun der Tabelle liegenden Mannschaft werden in der laufenden Saison zehn Punkte abgezogen, was sie auf einen Abstiegsplatz zurückfallen lässt. Der Spieler Tom Craig Ferris wird für 18 Monate gesperrt. Der Vereinsvorsitzende Imri Biqmeti erhält als Spieler eine Sperre von sechs Monaten und wird von allen anderen Funktionen für sechs Monate ausgeschlossen. Der Verein erhält eine Geldstrafe von 750 Euro und muss die Kosten des Verfahrens tragen. Die schossen auch dadurch in eine vierstellige Höhe, dass die Verhandlung in der vergangenen Woche vertagt werden musste, weil KF Drita nicht ordnungsgemäß vertreten war. Dass die Partie mit drei Punkten und 4:1 Toren für den SV Avenwedde II gewertet wird, versteht sich beinahe von selbst. Zusätzlich wurde der als Linienrichter eingesetzte Lulzim Ibrahimi mit einer Geldstrafe von 200 Euro belegt. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig, Drita kann Beschwerde beim Westdeutschen Verband einlegen.

"Kein Kommentar", sagte Adir Hyseni nach dem Urteil. Der nicht mit einem Amt ausgestattete Spieler war vom Verein kurzfristig bevollmächtigt worden, ihn zu vertreten, weil Imri Biqmeti erkrankte. Hyseni trat sehr besonnen auf und hatte gleich zu Beginn erklärt: "Das darf nicht passieren, wir müssen uns entschuldigen und die Konsequenzen tragen." Nach der Beweisaufnahme hatte er um eine "gerechte Strafe" gebeten, aber eingeschränkt: "Dass darunter ein ganzer Verein extrem leiden muss, halte ich nicht für richtig."

Welchem Verhalten die auch von allen Drita-Zeugen ausgesprochene Entschuldigung galt, blieb allerdings offen. Nahezu sämtliche im Sonderbericht von Schiedsrichter Hermann Dresselhaus (Schloß Holte) erhobenen Vorwürfe wurden nämlich bestritten. Allein im Fall des namentlich beschuldigten Baki Shabani folgte die Kammer den Einlassungen des Spielers und stellte das Verfahren wegen Geringfügigkeit ein.Ansonsten schenkte das Sportgericht der von den Vertretern des SV Avenwedde bestätigten Darstellung des Unparteiischen Glauben. Dresselhaus hatte Imri Biqmeti in der 86. Minute wegen grobem Foulspiel die Rote Karte gezeigt. Das war der vierte Platzverweis für Drita in dieser Partie. Daraufhin sei er von dem aggressiv auf ihn loslaufenden Spieler massiv bedrängt worden. Adir Hyseni gehörte zu denen, die Biqmeti festzuhalten versuchten, was offenbar nicht vollends gelang. "Ich hatte echt Angst", schilderte Hermann Dresselhaus den anschließenden Tumult. "Es spielten sich Verfolgungs- und Jagdszenen ab", in deren Verlauf auch Drita-Zuschauer auf den Platz liefen. Er habe sich nur dank des Schutzes von Avenwedder Spielern, Zuschauern und Vereinsoffiziellen in seine Kabine retten können, so Dresselhaus weiter. Die Polizei erschien mit sechs Streifenwagen, als der Streit bereits weitgehend geschlichtet war. Dresselhaus erlitt von Schlägen auf Schulter, Rücken und Kopf erhebliche Prellungen und wurde für zwei Tage krank geschrieben. Er stellte bei der Polizei Strafantrag.

Die Verbandsspruchkammer äußerte die feste Überzeugung, dass einer der Schläger John Craig Ferris war. Er wurde von dem als Zeugen geladenen Avenwedder Kapitän Sascha Wollenberg "ohne Zweifel" als derjenige identifiziert, der den Unparteiischen von hinten mit der Faust auf den Kopf geschlagen haben soll. Der Drita-Spieler ("Ich stand ganz woanders") bestritt das vehement, verzichtete aber auf ausdrückliche Nachfrage darauf, den (nicht anwesenden) Avenwedder Spieler Lennart Oswald, der neben ihm gestanden haben soll, nachträglich formell als Zeugen zu benennen. Stattdessen ereiferte sich Ferris und beschuldigte die Kammer der Parteilichkeit: "So wie ihr da sitzt, seid ihr doch eh alle auf Avenwedder Seite. Ich finde das Kacke." Als der ansonsten ruhig und sachlich gebliebene Ferris auch die Verkündung seines Urteils mit Unmut kommentierte, verwies ihn Schierholz des Saales. Das gleiche war während der Verhandlung bereits Drita-Kapitän Xheladin Shabani widerfahren, als er nach seiner Anhörung als Zeuge einmal kurz aus der Haut fuhr.

Negativ kreidete Schierholz ("Von Ihnen wird gnadenlos bestritten und gemauert") der Drita-Delegation vor allem an, dass sie den Linienrichter nicht namentlich benannte, der im Tumult nach dem Abbruch mit der Fahne auf den Schiedsrichter eingeschlagen hatte. Lulzim Ibrahimi hatte die Fahne in der 70. Minute aus Verärgerung über den Schiedsrichter zu Boden geworfen und die Linienrichtertätigkeit beendet.

Mit Verwunderung reagierte die Kammer auf den Auftritt des von KF Drita als Zeugen benannten Zuschauers Fehmi Kajtazi. Der wollte erstens nichts gesehen haben und erklärte zweitens, noch nie als so genannter "nicht neutraler Linienrichter" agiert zu haben. B-Liga-Staffelleiter Heinz Besselmann belegte allerdings anhand der Spielberichte, dass Kajtazi bei fünf Spielen für dieses Amt eingetragen war.

Imri Biqmeti wurde vom Verbandsgericht als "Initiator" des Eklats angesehen. "Er ist der starke Mann im Verein.Leider hört man auf ihn und nicht auf Kapitän und Trainer, die versucht haben, Schlimmeres zu verhindern", beschrieb Georg Schierholz die Rolle des nicht anwesenden Multifunktionärs.

Das nach 50-minütiger Beratung gesprochene Urteil konnte niemanden überraschen. Schon in der Stellungnahme von Reinhard Spohn war die Richtung erkennbar. Der Vorsitzende des Verbands-Fußballausschusses hatte erklärt: "Im Namen des Präsidiums plädiere ich für eine sehr harte Strafe." Kammerchef Schierholz rügte KF Drita in doppelter Hinsicht. "Die Vorbereitung auf diese Verhandlung ist ein Trauerspiel, wo es doch um die Existenz des Vereins geht." Und in der Urteilsbegründung kommentierte er das Strafmaß: "Sie wären hier deutlich besser weggekommen, wenn sie den Kopf unter den Arm genommen und Ross und Reiter genannt hätten."


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