Wiedenbrückerin Lena Zelichowski wurde 2009 Vierte der B-Jugend-DM in ihrer Spezialdisziplin und im Siebenkampf
Rheda-Wiedenbrück. Soviel ist sicher: Vierte wird Lena Zelichowski bei der Gütersloher Sportlerwahl nicht, denn sie ist eine von nur drei Kandidaten in der Kategorie "Nachwuchs". Das Gefühl, knapp an einer Medaille vorbeizuschrammen, kennt die Leichtathletin aus Wiedenbrück aus der Saison 2009 einmal mehr, als ihr lieb war. Mit zwei vierten Plätzen bei der B-Jugend-DM über 100 Meter Hürden und im Siebenkampf sorgte sie gleichwohl für herausragende Resultate.
Die Platzierung im Hürdenfinale von Rhede mit 14,10 Sekunden war insofern ärgerlich, als nur eine Hundertstel zu Bronze fehlte. "An der letzten Hürde habe ich die Zeit verloren", glaubt Lena Zelichowski rückblickend. Geweckt worden war die leise Medaillenhoffnung, als sie im Semifinale ihren eigenen Kreisrekord auf 14,03 Sekunden verbesserte – und das bei einem Gegenwind von 0,6 Meter pro Sekunde. Diese Zeit erfüllt sie wiederum mit Stolz: Als Trainer Andreas Schulze seiner mit 14,50 Sekunden notierten Athletin Anfang des Jahres den Sprung auf 14,00 Sekunden vorgeschlagen hatte, riss die nämlich die Augen auf: "Das ist ziemlich unmöglich", habe sie gedacht. Nach der Saison trauerte sie dann sogar fast ein wenig einer 13 vor dem Komma hinterher. Die 13,78 Sekunden, die sie im September bei einem Ländervergleichskampf in Leverkusen hinlegte, waren leider von zu starkem Rückenwind begünstigt.
Die rasante Hatz über zehn jeweils 76 Zentimeter hohe Hürden erfordert Sprintfähigkeit, Rhythmusgefühl und eine excellente Koordination. Lena Zelichowski schultert dafür einen hohen Aufwand, sie trainiert fünf bis sechs Mal pro Woche. Das Leistungsdenken in der Leichtathletik fiel bei der früheren Wettkampfschwimmerin von Anfang an auf fruchtbaren Boden. "Das ist extrem wichtig, das braucht man fürs Leben", hat sie den Anspruch an sich selbst verinnerlicht. "Ehrgeiz und Mut" nennt sie als Eigenschaften, die sie neben zahlreichen Meistertiteln in ihrem Sport gewonnen hat.
Auch Niederlagen schärfen den Charakter. Bei den Westfalenmeisterschaften in Dortmund trat sie als Favoritin an. "Erste werden oder verlieren", schildert sie den selbst auferlegten Druck vor dem Wettkampf. Als Denise Oldenburg aus Soest im Vorlauf plötzlich schneller lief als sie, ging bei Lena Zelichowski die Lockerheit verloren. "Es hat nicht mehr wirklich geklappt, und dann kam der Schlag", erinnert sie sich an die 14,28: 14,08-Niederlage im Endlauf. "Bei den Hallenmeisterschaften war ich doch locker Erste gewesen", staunte sie. Doch auch diese Hürde meisterte sie: Die Konkurrentin sechs Wochen später bei der DM wieder hinter sich gelassen zu haben, war eine gewisse Genugtuung und der Lohn für ihre große Trainingsdisziplin.
"Der Wille, etwas schaffen zu können, hilft mir auch in der Schule", hat Lena Zelichwoski sogar bemerkt. Auch hier stellte sie sich 2009 einer Herausforderung. Sie verließ das Wiedenbrücker Ratsgymnasium und wechselte in die Jahrgangsstufe 11 der Janusz-Korczak-Gesamtschule Gütersloh, weil dort Sport als Leistungskurs angeboten wird. Um ihr Berufsziel zu erreichen ist ebenfalls Ehrgeiz und Leistung nötig: Lena Zelichowski interessiert sich für Forensik – das Medizinstudium erfordert einen Notendurchschnitt im Abitur von 1,3.
Punkte sammeln ist neben dem Hürdensprint ihr zweiter Schwerpunkt in der Leichtathletik. Mit 4.924 Punkten wurde sie Ende August in Lage beinahe sensationell Vierte der Siebenkampf-DM. "Das ist einfach richtig Hammer", staunte sie damals selbst über die Verbesserung um fast 200 Punkte. Zwei Tage lang blieb sie ohne Schwäche: Im Hochsprung steigerte sie ihre persönliche Bestleistung auf 1,54 Meter, im Kugelstoßen egalisierte sie sie mit 9,51 Meter. Und im Speerwerfen, ihrer dritten "Wackeldisziplin", kam sie gleich im ersten Versuch mit 28,63 Meter nah an ihren persönlichen Rekord heran. Die meisten Punkte sammelte sie über die Hürden mit 14,10 Sekunden und über 100 Meter, wo ihr mit 12,19 Sekunden nur eine Hundertstel am Gütesiegel "p.B."fehlte. 5,52 Meter im Weitsprung und 2:27,52 Minuten über 800 Meter komplettierten die Sammlung.
Dass sie wieder Vierte wurde, wie schon drei Wochen zuvor in ihrer Spezialdisziplin, löste ganz andere Emotionen aus. War sie damals ein klein wenig traurig, trübte diesmal kein Schimmer die riesige Freude: "Ich hätte ja nie und nimmer damit gerechnet." Vor dem abschließenden 800-Meter-Lauf hatte sie noch auf Rang sieben gelegen.
Gekrönt wurde das Mehrkampf-Wochenende in Lage zudem mit einem historischen Erfolg: Zusammen mit Kathrin Czichon und Wanda Schwarze-Wippern gewann Lena Zelichowski als Dritte der Mannschaftswertung die erste DM-Medaille für die LG Emsaue 04. Es wird auch die letzte bleiben, denn ab 1. Januar ist die LG Emsaue in der großen LG Kreis Gütersloh aufgegangen. Eine Veränderung, die bei der gebürtigen Wiedenbrückerin nicht mit ganzem Herzen auf Zustimmung stößt: "Ich bedaure sehr, dass wir den Namen gewechselt haben und nun in Schwarz-Rot und nicht mehr in Blau starten." Inhaltlich ändert sich für die 1,74 Meter große Athletin aber nichts. Das Wichtigste: Sie wird weiter von Andreas Schulze trainiert, der früher selbst ein guter Mehrkämpfer war. "Er macht vielseitige Übungen, ist sehr ernst bei der Sache, aber motzt nie rum – das ist voll meine Welt", lobt sie ihren Coach.
Der hat schon wieder neue Ziele mit seiner letztjährigen Vorzeige-Athletin besprochen. "Ich hoffe in jeder Disziplin auf eine Steigerung", sagt sie zu ihren Ambitionen im Siebenkampf. Dass der in der neuen Altersklasse, Jugend A, 200 Meter statt 100 Meter beinhaltet, schmälert ihre Chancen auf eine erneute Top-Platzierung nicht. Schließlich war sie im vergangenen Jahr mit 24,90 Sekunden viertschnellste B-Jugendliche in Westfalen. Im Hürdensprint steht eine Zeit von 13,90 Sekunden auf der Wunschliste. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die Hindernisse nun acht Zentimeter höher sind. Dass sie als Vierte der deutschen Bestenliste nicht für einen DLV-Kader nominiert wurde, kränkt sie nicht. Auch vom westfälischen Verband erhält sie so gut wie keine Förderung: Dem Training des Hürdenkaders zieht sie das zeitgleiche Vereinstraining vor, und das Training des FLVW-Sprintkaders, dem sie offiziell angehört, fällt im Winter aus, weil keine Halle zur Verfügung steht. Ein Wechsel in eine der Leichtathletik-Hochburgen Wattenscheid oder Dortmund kommt für Lena Zelichowski (noch) nicht in Frage. Sie mag vor allem die bewährte Zusammenarbeit mit Andreas Schulze nicht aufgeben: "Ich weiß, dass er immer noch was aus mir rausholen kann."
Dass alles nur mit erlaubten Mitteln läuft, ist für sie selbstverständlich. "Treue Athleten" steht auf dem weißen Armband, dass sie seit den deutschen Hallenmeisterschaften 2009 ums Handgelenk trägt, um gegen Doping zu demonstrieren. Eine entsprechende Verpflichtung gegenüber dem Verband hat sie natürlich auch unterschrieben. Das zweite Band am linken Arm ist blau und trägt die Aufschrift "Echt Stark". Lena Zelichowski hat es vom Landesturnfest 2008 in Gütersloh. "Es passt zu unserem alten Verein", sagt sie. Und sie hat auch schon die Erfahrung gemacht, dass die Besinnung auf den Spruch hilft, "wenn man mal down ist." So oder so wird sie dieses Armband am 22. Januar im Gütersloher Parkhotel, wo die Kür der "Sportler des Jahres" stattfindet, nicht benötigen.
Glück im Pech und Pech im Glück
¥ Manchmal kommen Bestleistungen auch unerwartet, selbst bei einer ansonsten so durchstrukturierten Athletin wie Lena Zelichowski. Vor ihrem 5,71-Meter-Weitsprung am 14. Juni 2009 hatte sie nur fünf Stunden geschlafen, weil die Abschlussfeier einer Klassenfahrt in Ubbedissen so schön gewesen war. "Ein halber Liter Kaffee hat es rausgerissen," schildert sie ihre Vorbereitung. Zu allem Überfluss hatte sie ihre Laufschuhe vergessen, so dass sie sich in den viel zu großen Leihschuhen der Gütersloher Speerwerferin Laura Westermann aufwärmen musste.
Auf Glück im Pech folgte Pech im Glück: Bei dem Wettkampf im LAZ Nord fehlte eine Windmessanlage, so dass ihre Leistung nicht in die offiziellen Bestenlisten Einzug fand und streng genommen auch nicht als Kreisrekord gewertet werden kann. Es wäre die Verbesserung der 23 Jahre alten Marke von Angelina Treuse (LG Gütersloh) um drei Zentimeter gewesen.