Gütersloher Leichtathlet Torben Gräber von der LG Emsaue 04 belegte Platz 15 bei der Junioren-DM
Gütersloh. Man nennt sie die "Könige der Athleten", doch wirklich gekrönt werden nur wenige Zehnkämpfer. Zum einen ist die Branche sehr hart. Zudem stehen meist die Spezialisten mit ihren spektakulären Einzelleistungen im Focus der Leichtathletikfans. Torben Gräber ist einer, der dennoch voll auf den Mehrkampf setzt. Zur Krone reichte es zwar nicht, aber 2009 holte sich der 20-jährige Gütersloher, der für die LG Emsaue 04 startete, mit neuer persönlicher Bestleistung von 6.119 Punkten Rang 15 bei der Junioren-DM.
Zumindest ein Krönchen könnten ihm nun die NW-Leser aufsetzen – wenn sie ihn zum "Sportler des Jahres" wählen. Schon die Nominierung für die Wahl empfindet Gräber als Auszeichnung und als kleine Entschädigung dafür, dass der Deutsche Leichtathletikverband den besten Zehnkampf seines Lebens nicht mal mit einer Urkunde würdigte. Traditionell bekommen bei nationalen Titelkämpfen nur die ersten acht ein solches Dokument.
Um den zu erreichen, hätte er 6.740 Punkte machen müssen – ein Bereich, der ihm noch verschlossen ist. Am 29. und 30. August in Lage hätte es bei zehn perfekten Disziplinen ein Wert um die 6.300 sein können. Mit seinen 6.119 Punkten war Torben Gräber am Ende eines strapaziösen Wettkampfes, den nur 18 von 28 Teilnehmern durchstanden, dennoch "absolut zufrieden." Es waren 52 Punkte mehr als im Juli bei den Westfalenmeisterschaften in Dortmund, wo er Dritter wurde.
Mit seinem starken DM-Auftritt besiegte der Gütersloher nicht nur viele Konkurrenten, sondern er bewies auch persönliches Durchhaltevermögen. Es galt nämlich, eine Reihe von Umbrüchen zu bewältigen. Neben dem schwierigen Wechsel von der A-Jugend- in die Juniorenklasse musste der ESG-Abiturient des Jahres 2008 vor allem das Ende seiner Schulzeit verdauen. Bis Ende April 2009 versah er seinen Zivildienst beim Rietberger Jugendwerk; mit Rücksichtnahme auf das Zahnkampftraining hatte er sich dort für einen Hausmeisterjob entschieden. Anschließend absolvierte er ein dreimonatiges Praktikum bei der Oelder Maschinenfabrik Haver & Boecker. Zu vielen der vier bis fünf Trainingseinheiten pro Woche musste er sich zwingen. "Ehrlich gesagt war ich manchmal kurz davor, zurückzustecken." Was ihn bewogen hat, der Leichtathletik treu zu bleiben, war neben Gewohnheit und Ehrgeiz auch die Liebe zu seiner Sportart: "Wenn man Stadionluft schnuppert, dann geht es auch wieder."Zu kämpfen hatte Torben Gräber (natürlich) auch mit Verletzungen. Die rechte Schulter zwickt schon seit 18 Monaten. Selbst sein Vater Thomas, Orthopäde und Sportmediziner mit Praxis in Gütersloh, konnte bislang keine sichere Diagnose stellen. Sicher ist, dass keine explosive Zugbewegung möglich ist. Speerwurftraining verbietet sich also. Bei der DM in Lage musste er sich deshalb mit 44,00 Meter zufrieden geben. "Man hat im Wettkampf einen Tunnelblick und blendet Schmerzen aus", erklärt Gräber, wie er die vorletzte Disziplin folgenlos überstand.
Es ist gerade dieses Durchbeißen, was den 1,90 Meter großen und 83 Kilogramm leichten Athleten am Zehnkampf fasziniert. Die 1.500-Meter-Quälerei zum Abschluss oder noch mehr das Diskuswerfen mag Torben Gräber eigentlich überhaupt nicht. Dafür plädieren, diese Disziplinen zu streichen, würde er nie und nimmer: "Wenn es nicht so klappt, liegt es ja nicht an der Disziplin, sondern an mir. Und darum geht es ja gerade: Es wäre kein Wettkampf, wenn er nicht anspruchsvoll wäre." Am härtesten findet er den 400-Meter-Sprint, mit dem der erste Tag endet: "Die letzten 50 Meter tun die Beine so weh und sie sind so schwer, dass man sie kaum noch hochkriegt", sagt er mit Leidensmiene – und strahlt: "Ich liebe dieses Ausgepowertsein."
Nicht immer aber läuft es so gut, dass die Leistung der einen für die nächste Disziplin motiviert: "Man muss Rückschläge mitnehmen können." Das klingt fast schon nach einer Lebensweisheit, und tatsächlich hat Torben Gräber aus seinem Sport gelernt: "Wenn ich klare Ziele habe, kann ich viel dafür tun, um sie zu erreichen."
So geht er auch die neue Etappe an. Im Oktober hat er an der Universität Paderborn ein Maschinenbaustudium begonnen. Mit dem Umzug wechselte er auch den Verein und startet nun für den LC Paderborn. Umstellen muss er sich auf einen neuen Rhythmus und neue Inhalte im Training, etwa Turnen an Reck und Barren. Vor allem aber muss er einen Trainerwechsel verkraften. Statt Andreas Schulze, der ihn jahrelang mit nach Wiedenbrück genommen hat, gibt nun Wladimir Diesendorf die Anweisungen. Besonders schwer fällt ihm an dem Weggang von Gütersloh der Verzicht auf seine Jungschargruppe bei der Evangelischen Kirchengemeinde. Mit leuchtenden Augen, wie er sie sonst nur bei Schwärmereien über den Zehnkampf hat, erzählt Torben Gräber von den Aktivitäten mit den 8- bis 12-jährigen Kindern, die er neben dem Training zweimal wöchentlich betreut hat.
Was ist für ihn im Zehnkampf noch drin? Hartnäckig verweigert Gräber eine Punktzahl. Er ist kein Typ, der in der Rechnerei aufgeht, welche Leistung mit welchem Training möglich ist. "Ein 10. Platz bei einer DM ist mir wichtiger, als jede Platzierung bei Westfalenmeisterschaften", deutet er immerhin an, dass er wie ein Leistungssportler denkt. 2010 ist sein letztes Jahr in der Juniorenklasse.
Nicht zu befürchten ist, dass Thorben Gräber ins Lager der Langstreckenläufer abwandert. "Joggen finde ich so was von langweilig", sagt er. Einem wie ihm muss schon mehr geboten werden. Ende März nahm er in Weeze am "Strongman" teil, einem 18 Kilometer langen Rennen über 18 spektakuläre Hindernisse. Merke: Als Zehnkämpfer mag man es etwas härter.
Zehn Disziplinen an zwei Tagen
Bei der Zehnkampf-DM in Lage erzielte Torben Gräber am 1. Tag persönliche Bestleistungen über 100 Meter, im Hochsprung und über 400 Meter. Den 2. Tag begann er mit persönlichem Rekord im Hürdensprint.
100 m: 11,76 Sek. (699 Pkt.)
Weit: 5,58 Meter (561 Pkt.)
Kugel: 10,26 Meter (501 Pkt.)
Hoch: 1,85 Meter (670 Pkt.)
400 m: 52,34 Sek. (710 Pkt.)
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110 Hü.: 15,94 Sek. (740 Pkt.)
Diskus: 28,91 m (443 Pkt.)
Stabhoch: 4,00 m (617 Pkt.)
Speer: 44,00 m (500 Pkt.)
1.500: 4:40,3 Min. (678 Pkt.)