Herford . Eigentlich hatte Stefan Hageböke, reisefreudiger Mitarbeiter der NW-Lokalsportredaktion, ja einen Flug ins vorweihnachtliche Manchester geplant. Als der aber abgesagt wurde, musste nicht lange überlegt werden, denn immerhin hat das Nachbarland Belgien nach langer Vakanz eine neue Regierung. Zeit also, um zu schauen, ob sich dort etwas verändert hat. Und schon ist Hagebökes Bericht da.
Witterungsbedingt nimmt das Reise-Roulette am Kamener Kreuz seinen Lauf. Da nach Auskunft von Rot-Weiß Oberhausens Geschäftsstelle erst kurzfristig durch den Schiedsrichter über Anstoß oder Absage entschieden wird, findet der freitägliche 4:2-Heimsieg der U 23 in der Niederrheinliga gegen den SV Hilden-Nord ohne ostwestfälische Beteiligung statt. Die geschilderten Unwägbarkeiten veranlassen zuvor einen Kurswechsel auf die A1.
Als Aufwärmprogramm für die Weiterfahrt nach Belgien dient dem Autor dafür bei seiner (wahrscheinlich) letzten Fußballreise des Kalenderjahres das packende und mit 33:34 endende Zweitliga-Handballspiel in Dormagen zwischen dem DHC Rheinland und SC DHfK Leipzig - mit der Erkenntnis, dass die erfolgte handballerische Protokollierung trotz strengstens eingehaltenem Nahrungsmittelentzugs weitaus schwieriger ist als nach ausgiebiger Mahlzeit die acht Tore der Rödinghausener Reserve beim VfL Herford paroli laufen zu lassen.
220 Kilometer weiter westlich und um fünf neue Brauereien bereichert, wartet nördlich von Antwerpen ohne die Anwesenheit einheimischer Journalisten ein beschauliches Erstliga-Ambiente. Unter dem Motto "Herz statt Kommerz" ist der KVV Achterbroek auf einem mit kleiner Tribüne und arg ramponiertem Grün versehenem Dorfsportplatz Flanderns Emporkömmling in Belgiens höchster Frauenspielklasse. "Wir sind reine Amateurmannschaften auf allen Ebenen", verneinen der dem Schauspieler Ben Becker ähnlich sehende KVV-Verantwortliche sowie Luc Calleeuw vom gegnerischen DVC Eva’s Tienen auch die Frage nach der Beschäftigungspflicht eines nach DFB-Statuten erforderlichen hauptamtlichen Trainers und Geschäftsführers.
Die erstmals im Oberhaus spielenden Achterbroekerinnen geraten in der Anfangsphase 0:1 in Rückstand, treffen anschließend zweimal nur das Aluminium und verschießen zudem auch noch einen Elfmeter. Der mit einer vierwöchigen Sperre und 200 Euro Strafe belegte KVV-Trainer kann abseits seiner Coaching-Zone keine nötigen Impulse geben. Mit dem zweiten Gegentor kurz vor der Pause verliert der nur im zweistelligen Bereich vorhandene einheimische Anhang den Glauben an eine Trendwende zugunsten des Tabellenvorletzten. Stattdessen widmet man sich ab der Halbzeitpause der Fernsehübertragung eines regionalen Cross-Radrennens, dem torlose zweite 45 Minuten gegenüber stehen.
"Nächstes Jahr gibt es bei uns eine Reform: Dann werden die jeweils fünf besten Frauenmannschaften Belgiens und der Niederlande zusätzlich in einer gemeinsamen Liga spielen", berichtet Tienens Webmaster Calleeuw von der Länder übergreifenden Neuerung, für die auch sein Team als Qualifikant in Frage kommen könnte. Derartigen Illusionen gibt sich Achterbroeks Kartenverkäufer nicht hin - er betrachtet die Erstligazugehörigkeit als einmalig. Seine international getätigte und sehr effektive Verstärkung dient lediglich der eigenen Landwirtschaft und ist den Kickerinnen wenig hilfreich: "Ich habe in Osnabrück eine Kuh gekauft. Die gibt sehr viel Milch." Für eine durchaus reizvolle Kostprobe verbleibt jedoch keine Zeit, da unmittelbar nach dem Besuch der weiblichen Eliteliga nun das Profi-Unterhaus der Männer auf der Agenda steht. Aber das ist eine andere Geschichte.